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Leipzig sucht den Superreformator

21. Leipziger Literarischer Herbst Leipzig sucht den Superreformator

Luther schwebt 2017 über allem – auch über dem 21. Leipziger Literarischen Herbst. Jedoch nicht nur als Denkmal, sondern ebenso als ideeller Zeitgenosse. Vom 24. bis 31. Oktober wird auf rund 40 Veranstaltungen gelesen und diskutiert

Luther, das Denkmal. Luther, der Reformator. Luther, der Stichwortgeber für das Selbstverständnis heute.

Quelle: dpa

Leipzig. Was würde Luther heute sagen, denken tun? Eine Frage, die im 500. Jahr nach seinem Thesenanschlag schon das eine oder andere Mal gestellt wurde – beim 21. Leipziger Literarischen Herbst wird es dennoch neue Antworten geben, neue Blickwinkel, vielleicht auch neue Fragen. Eröffnet wird das Festival, das im Jahr des Reformatuonsjubiläums unter dem Motto „Martin Luther – Superstar“ steht, am 24. Oktober im Haus des Buches: mit Peter Sloterdijk und seinem neuen Buch „Nach Gott“.

Darin schreibt der Philosoph beispielsweise über Zivilisationsdämmerung, dass sie in dem Augenblick beginne, „in dem die Bewohner der großen kulturellen Gehäuse von der Ahnung erfaßt werden, daß selbst die festesten menschlichen Systeme der Gegenwart nicht für die Ewigkeit errichtet sind“. Sie unterliegen. sagt er, einer Zerbrechlichkeit, die man auch die „Geschichtlichkeit“ nennt. „Aus göttlicher Sicht bedeutet Geschichte nichts anderes als das Verfahren, das Noch­-nicht­-Gewesene ins Gewesene zu überführen.“ Aus literarischer Sicht kann es umgekehrt sein. Der Aspekt der Zerbrechlichkeit spielt immer wieder eine Rolle, geht es doch auch um Sprache und Glauben.

Eröffnung am 24

Eröffnung am 24. Oktober mit Peter Sloterdijk.

Quelle: dpa

Luther, das Denkmal, der Reformator – der Stichwortgeber für das Selbstverständnis heute. Während Sloterdijk die Welt „nach Gott“ denkt, wird sie beim Literarischen Herbst nach Luther gedacht. Ebenso mit ihm und in seinen Worten. „Am Anfang war das Wort?“, fragt eine Lesung, die an Luthers Leistung für die Schaffung einer einheitlichen deutschen Sprache erinnert (25. Oktober, Wagners Weinwirtschaft).

Am gleichen Abend ist der Schriftsteller F.C. Delius mit seinem Buch „Die linke Hand des Papstes“ in der Alten Handelsbörse, spricht Chamisso-Preisträgerin Esther Kinsky in der Deutschen Nationalbibliothek über das Thema Grenzen, schaut Günter Gensch in der Stadtbibliothek auf couragierte Autorinnen des 16. Jahrhunderts, ist die Lesebühne Book Brothers im Ilses Erika zu erleben und begibt sich Nils Straatmann im neuen Kupfersaal „Auf Jesu Spuren“. Hinzu kommt mit Andreas Reimann der erste von drei Teilen der Reihe „Verse Striche Farben“ im Gletscherstein art club – Leipziger Autoren, die auch bildende Künstler sind, lesen in ihrer Ausstellung.

Dies ist das Programm allein eines Abends von acht. Auch diesmal werden die meisten der insgesamt rund 40 Veranstaltungen parallel stattfinden, ein „Leipzig liest“-Gefühl. Allerdings fällt der traditionelle Besuch des Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels, es ist die Kanadierin Margaret Atwood, nach der Preisverleihung auf der Frankfurter Buchmesse (15. Oktober) in diesem Jahr wohl nicht in die Leipziger Literatur-Tage.

Um nicht mit der Lachmesse (15. bis 22. Oktober) zu konkurrieren, sind die Projektleiter Regine Möbius und Steffen Birnbaum eine Woche nach hinten gerückt. Was andererseits die Gelegenheit bietet, genau am Reformationstag den Schlusspunkt zu setzen: mit Guntram Vesper in der Alten Nikolaischule. Der hat für seinen Roman „Frohburg“ den Preis der Leipziger Buchmesse und den Erich-Loest-Preis bekommen, im September scheint im Verlag Schöffling & Co. „Nördlich der Liebe und südlich des Hasses“, ein ebenfalls umfangreicher Band mit gesammelte Prosa von Vesper.

Abschluss am Reformationstag mit Guntram Vesper

Abschluss am Reformationstag mit Guntram Vesper.

Quelle: dpa

Nicht alles spielt also unmittelbar auf Luther an. Es geht, sagt Regine Möbius, in der „aktuellen Auseinandersetzung auch um ein neues Verständnis von Freiheit“ oder um, ergänzt Steffen Birnbaum, die Folgen einer „zweiten Medienrevolution“, die mit der Erfindung des Buchdrucks vor 500 Jahren zu vergleichen sei. Damit verbunden ist „Das Ende der Privatheit“: Brauchen wir eine neue Reformation? ist deshalb die Frage, der Susanne Wolf in der Alten Nikolaischule nachgeht, verbunden mit dem, was Möbius und Birnbaum am Herzen liegt: einer , hoffentlich regen“ Diskussion, (27. Oktober).

Die soll auch Auseinandersetzungen über die Kraft der Sprache begleiten oder den Abend mit Christoph Dieckmann und Cornelia Winkelmann über „Ostpfarrhaus – Westpfarrhaus und ihre Kinder“ am 29. Oktober in der Bibliotheca Albertina. Dort streiten am gleichen Abend Bettina Kremberg und Ulrich Johannes Schneider im Philosophischen Café über „Empörung und Kritik“.„Unsere Erde ist zu retten“, behaupten Friedrich Schorlemmer und Olaf Zimmermann am 30. Oktober im Haus des Buches.

Darüber hinaus gibt es Poesie, Poetry Slam, Performances, gibt es Begegnungen mit Werner Heiduczek und Clemens Meyer, Notizenaus der ostdeutschen Provinz und Gedichte des Malers Wolfgang Mattheuer. Und es gibt den Tschechischen Abend „Ahoj“. Literatur Tschechiens wird im Jahr 2019 Schwerpunkt der Leipziger Buchmesse sein, die Gäste sind schon jetzt in Leipzig unterwegs, um Veranstaltungen und Autoren-WGs zu organisieren. So mag zwar das Motto des Literarischen Herbstes 500 Jahre zurückweisen, der Blick geht aber genauso gut nach vorn.

Alle Termine und Informationen ab sofort: www.leipziger-literarischer-herbst.de

Von Janina Fleischer

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