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Leipziger Autor und Kulturbürger Helmut Richter wird 80 Jahre alt

Leipziger Autor und Kulturbürger Helmut Richter wird 80 Jahre alt

"Was soll nur werden, wenn ich nicht mehr bin", zitiert sich Helmut Richter selbst mit einem Gedicht aus dem Jahr 2003 und merkt dazu an: "Nein, das ist keine Überhöhung, sondern, wenn ich an Freunde wie meinen Schriftstellerkollegen Werner Bräunig denke, unser Credo.

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Überall Bücher: Helmut Richter in seiner Leipziger Wohnung.

Quelle: André Kempner

Wir waren Brechtianer in dem Sinne, dass wir uns aus dem Galilei etwas nahmen: Es setzt sich nur so viel Wahrheit durch wie wir durchsetzen. Wir haben dabei unentwegt an die sanfte Gewalt der Vernunft gedacht."

Richter, der morgen bei guter Konstitution seinen 80. feiert, hatte wie andere seiner Zunft bittere Erfahrungen mit dem SED-Staat zu machen. Fast wäre er 1963 für das Gedicht "Über das Träumen", das zur Zeit der sogenannten Lyrikwelle entstanden war und auf Ernst Blochs "Prinzip Hoffnung" Bezug nahm, exmatrikuliert worden. In der Zeitung der Karl-Marx-Universität stand damals: "Dieses Gedicht gehört nicht in unsere Welt, sondern widerspiegelt, und zwar in erschreckender Durchsichtigkeit, den schrankenlosen Subjektivismus einer verfaulender Gesellschaftsordnung." Fürsprecher wie Georg Maurer setzten sich für Richter ein, der junge Mann musste sich im Stahlbau bewähren. Sein Konflikt mit dem Land, in dem er lebte, das er aber nie vorhatte zu verlassen, nahm seinen Lauf. 1969 wurde die Reportage "Schnee auf dem Schornstein" auf Anweisung Erich Honeckers, damals Sekretär des SED-Zentralkomitees, aus dem Volksbuchhandel zurückgezogen und eingestampft.

Der Schriftsteller blieb stets der, der er war, Ideologien begegnet(e) er mit seinem Denken für Wahrheit und Gerechtigkeit, Schriftstellerei war für ihn Anecken. Aus dem Fundus des verbotenen Buches entwickelte sich sein großer und bis heute anhaltender Erfolg. Die 1975 entstandene Erzählung "Über sieben Brücken musst du gehn" wurde drei Jahre später verfilmt. Man kam innerhalb dieses Schaffensprozesses auf die Idee eines Titelsongs für den Film. "Karat"-Komponist Ed Swillms vertonte Richters neu getextete Ballade, sie wurde ein Welt-Hit. Der Autor war in den Jahren danach schon mal genervt, oft nur als Dichter dieses Song wahrgenommen zu werden. Und heute? - "Ich kann das Lied noch immer hören, und so geht es vielen. Das Lied verschleißt sich nicht, es gehört nun sogar zum deutsch-deutschen Liedgut."

Ja, Richters Leben: Ein Weltkriegs-Vertriebener, als er 1945 mit seiner Mutter die Heimat in Nordmähren verlassen musste. Der Vater Schneider, er Landarbeiter und Maschinenschlosser, Physikstudent und Prüfingenieur. Von 1961 bis 1964 Studium am Leipziger Literaturinstitut "Johannes R. Becher", für das er in den 80ern als Professor lehrte und dessen letzter Chef er bis 1992 war. Richter initiierte das Kuratorium Haus des Buches mit, ist Gründer der "Leipziger Blätter" und regte zu tiefen DDR-Zeiten als Vorsitzender des Schriftstellerverbandes des Bezirkes Leipzig die Einrichtung eines Literaturarchivs an der Stadtbibliothek an.

Doch das Schreiben stellt für ihn bis heute die liebste Tätigkeit dar. Entstanden ist über viele Jahre Prosa und Lyrik, ebenso Funk- und Fernsehdramatik wie "Alfons Köhler". Aus dem Hörspiel wurde ein DDR-Fernsehfilm. Nach der Friedlichen Revolution urteilte über diesen ein West-Journalist: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Film in der DDR ausgestrahlt wurde." Dies war freilich im heißen Hochsommer des Jahres 1983, 6. August, 20 Uhr, doch geschehen. Richter saß in Warnemünde im Hotel "Neptun", sah, dass kein Mensch vom Strand zum Fernsehen reinging und nahm ein "Totschweigen der besonderen Art" zur Kenntnis. Richters Filmsujet war brisant, und das bereits im Eröffnungslied, gesungen von Uschi Brüning: "Wohin sind all meine Träume, / Wohin ist mein großer Traum? / Ich sitze und sinne und säume / Und spüre mein Leben kaum. / Wohin mit all meinen Fragen, / Den Fragen nach meinen Glück? / Es kommen die Fragen und Klagen / Als Echo zu mir zurück. / Nun gehe ich meine Schritte / Entschlossen, doch ohne Zorn: / Das Glück liegt nie in der Mitte, / Das Glück liegt immer nur vorn. / Wie die Fische leben: / Kühl und stumm? Oder Antwort geben / Dem Warum? / Wie die Fische leben, / Wie die Fische leben? / Oder reden, reden, reden, reden!"

Parteisekretär Köhler, gespielt von Reimar Johannes Baur, steigt aus seinem Job auf einer Großbaustelle aus, weil er bestimmte Vorgänge nicht mittragen kann und sich lieber davonmachen will. "Eine harte Geschichte, aber irgendwie doch öffentlich geworden", sagt Richter.

Er sollte mehr aus seinem Dichter-Leben erzählen. Auf so ein Erinnerungsbuch wartet nicht zuletzt der Verleger Elmar Faber, der seit über 20 Jahren Richters Werke publiziert: "Zu erzählen hätte Helmut genug. Er verdiente eine weitaus höhere Anerkennung. Doch die Abstände, in denen er Neues verfasst hat, sind zu groß, um ihn auf dem Markt präsent zu halten." Der Verleger zeigt Richters Erstlingswerk, den 1967 erschienenen Gedichtband "Land fährt vorbei": "Erstaunlich, dass in dem schmalen Band schon der ganze Dichter steht."

Richter sitzt in seiner Gohliser Wohnung, macht sich weiter Gedanken, schaut durch die Erkerfenster, versinkt in Bücherstapeln, liest wieder mal den Roman "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" von Gabriel Garcia Marquez, der für ihn ein "so gescheites Menschenbuch" darstellt, er greift erneut zu den Büchern von Isaak Babel, auch zum "Heimatmuseum" von Siegfried Lenz und freut sich über die gut geratene Schülerin Kathrin Aehnlich und deren Roman "Wenn die Wale an Land gehen".

"Über sieben Brücken musst du gehn!?" - Helmut Richter lächelt weise und weiß, dass noch nicht alle überschritten hat.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 29.11.2013

Thomas Mayer

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