Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 18 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Leipziger Autorin Daniela Krien stellt bemerkenswerten Debüt-Roman vor

Leipziger Autorin Daniela Krien stellt bemerkenswerten Debüt-Roman vor

Es ist Daniela Kriens erster Roman. Doch „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ klingt wie das Werk einer erfahrenen Erzählerin. Und strahlt dabei die Frische und Kraft eines Debüts aus.

Leipzig. Am Freitag kommt das Buch in die Läden – und liest die Leipziger Autorin daraus in Lehmanns Buchhandlung vor.

Als der Sommer endet, naht ein Abschied von allem. Vom Hof, von der Kindheit, der Mutter. Bald schon, in ein paar Stunden, wird die DDR in Wiedervereinigungsfeiern begraben. Dieser Herbst soll ein Aufbruch sein. Und Bauer Siegfried rüstet um auf ökologische Landwirtschaft nach der Demeter-Methode. Maria versucht zu vergessen. Dennoch wird sie jeden Tag daran denken wollen oder müssen: an Henner, an ihr Doppelleben, an die Schmerzen jenes Sommers 1990, in dem das Mädchen Maria zur Frau wurde.

Das Debüt der Leipziger Autorin Daniela Krien ist weder Wenderoman noch Sommerromanze. Vielmehr entfaltet die Geschichte einen ganz ungewöhnlichen Zauber in der Verbindung von Liebesrausch und Veränderungen, die existenzielle Grenzen berühren. „Es ist ein ganz besonderes Dorf. Weder Krieg noch DDR haben es zerstören können, so sagt es die Frieda gern. Außer ein paar Wohnhäusern und der LPG gibt es nur wenig Neues. So etwas findet man nicht mehr oft, und an den Wochenenden kommen Leute aus der Stadt und gehen hier spazieren.“

Maria wird bald 17. Aufgewachsen auf dem Dorf, geflohen aus dem immer stiller werdenden Haus ihrer immer trauriger werdenden Mutter – der Vater heiratet demnächst eine 19-Jährige – lebt sie bei und mit Johannes, ihrem Freund, auf dem Brendel-Hof. Eine richtige Großfamilie ist das, jeder muss mit anpacken, das Heu wenden oder die Hühner scheuchen oder beim Kochen helfen. Maria nimmt die neue Freiheit persönlich. In die Schule geht sie nicht mehr, sie flieht in die Literatur, lebt mit Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“. Sie liest, um das Leben zu verstehen.

Auch Daniela Krien liest sich „von der Vergangenheit in die Gegenwart“, wie sie sagt. „Aber ich brauche noch eine Weile, um in der Gegenwart anzukommen.“ Denn immer wieder entdecke sie in der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts Verweise auf Neues, das aber eben Altes ist. So ist sie über einen Brief Rilkes auf dessen Zeitgenossen Jens Peter Jacobsen gestoßen. So liest sie Emil Cioran, Robert Spaemann, Gottfried Benn, aber auch Liao Yiwus Interview-Band, weil der „Einblicke in die chinesische Gesellschaft gibt, wie man sie sonst nirgends bekommt“. Dieses Fundament unterschiedlichster Lektüren trägt auch ihren Roman.

Darin lebt in Sichtweite Marias „der Henner“, wie ihn alle nennen, 40 Jahre alt und meist abweisend. Ein Trinker und Weiberheld, wie die anderen sagen. Ein von der Liebe und der DDR mit ihrer LPG und den Stasispitzeln gebrochener Mann, der sich nicht untertan machen wollte und will. Aggressiv ist er und allein mit seinen vielen Büchern, den Pferden, den beiden Doggen. Eine nahezu animalische Leidenschaft treibt ihn und Maria zueinander, aneinander, ineinander. Und damit in eine Beziehung, die vielleicht nur als Lüge zu leben ist.

Zwischen Henner und Maria bricht etwas auf und aus, was mit Lust oder Liebe allein nicht zu benennen ist. Es drängt die beiden mit einer Macht zueinander, in einer Sprachlosigkeit, die schicksalhaft wirkt. Und es steht zwischen den beiden doch die Unmöglichkeit des Beisammenseins, nicht nur, weil sie kaum 17 und er über 40 ist. Nicht allein, weil Maria eigentlich mit Johannes zusammenlebt und endlich angekommen ist in einer Familie.

Wobei die Verortung in einem ostdeutschen Dorf hier das vermag, was lange fehlte: eine literarische Verarbeitung, nicht Aufarbeitung, die den  Alltag beschreibt und in den Figuren das die Lebensläufe Prägende spiegelt. Hier fällt Geschichte nicht ins Bodenlose kalter Reflexion, sondern wird lebendig in Charakteren, die dennoch auch an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit vor vergleichbare Herausforderungen gestellt sein könnten. Wie man aber schmecken, riechen, fühlen kann, dass sie genau hier sind – das macht diesen Roman so besonders, geradezu bezwingend.

Daniela Krien schreibt, seit sie lesen kann: Gedichte, Kurzgeschichten, Tagebücher, einen Roman. Mit Mitte 20 hat sie alles weggeschmissen. Und bereut es nicht. „Ich habe eben lange geübt.“ Diesen Roman hat sie zunächst in knapp drei Wochen geschrieben, wie in einem Rausch. In solchen Schreib-Phasen muss alles andere, auch die Familie, zurückstehen. „Dabei ist es schwierig, von den Kindern für etwas Verständnis einzufordern, was nach Nichtstun aussieht.“

Klar war zunächst nur der erste Satz, doch deutlich waren die Bilder im Kopf. Schön und ungewöhnlich sei das gewesen und absolut überwältigend, sagt sie. Das ist bei der Lektüre zu spüren, die immer weiter treibt, immer tiefer hineinzieht in die Lebensgeschichten. Jeder hier hat seine Abgründe und Geheimnisse.

„Es wird noch viel geschwiegen auf den Dörfern“, sagt die Autorin, Jahrgang 1975. Sie selbst ist auf einem Dorf im Vogtland aufgewachsen, bevor sie zum Studium der Kultur-, Kommunikations- und Medienwissenschaften nach Leipzig kam. Was nicht bedeutet, dass der Roman autobiografisch ist. Was sehr wohl bedeutet, dass Krien vertraut ist mit dem, worüber sie schreibt – historisch wie psychologisch. So ist dies ein wirklich kraftvolles Debüt mit einem klaren, sinnlichen Ton, der süchtig machen kann nach den Figuren und ihren Welten.  

Buchpremiere: Freitag, 20.15 Uhr, Lehmanns Buchhandlung, Grimmaische Straße 10 in Leipzig; www.daniela-krien.de

Janina Fleischer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • LVZ-Sommerkino im Scheibenholz
    LVZ Sommerkino im Scheibenholz: Alle Infos zu Filmen, Ticketverkauf und dem Rahmenprogramm.

    Das LVZ-Sommerkino lädt vom 20. Juli bis 16. August 2017 zu unterhaltsamen Filmabenden ins Scheibenholz. Alle Infos zum Programm und Ticketverkauf... mehr

  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Farbspiele
    Die Sparkasse Leipzig sucht für Ihren Kalender 2018 farbenfrohe Fotos

    Beim Fotowettbewerb der Sparkasse Leipzig kann nun über die zwölf Kalendermotive abgestimmt werden. Das Voting endet am 31. August 2017. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Die deutsche Kleingärtnerbewegung hat eine über 200-jährige wechselvolle Geschichte, die im Deutschen Kleingärtnermuseum weltweit einzigartig dokumentiert ist. Zur Schau des Monats! mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr