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Leipziger Ballett zeigt in der Spinnerei eigene Choreografien

Tanz Leipziger Ballett zeigt in der Spinnerei eigene Choreografien

In der Reihe „Intershop“ zeigen Mitglieder des Leipziger Balletts in der Spinnerei eigene Choreografien. Die sind mal stärker, mal humoristische Schenkelklopfer. Eine fruchtbare Reihe von Ballett gemeinsam mit dem Lofft ist es allemal.

irgendwie traurig: Yan Leivas – in einem großen Ball gefangen.

Quelle: Tom Schulze

Leipzig. Wer etwas älter und im Osten aufgewachsen ist, wird sich erinnern: an diese künstlichen Paradiese westlicher Konsumfreuden. Die Valuta-Oasen in sozialistischer Wüste, Intershop geheißen, die indes für jeden, der keine Westmark hatte, kaum mehr Freude bereiteten als eine Fata Morgana. Vom Leipziger Ballettdirektor Mario Schröder wurden sie in seiner Kindheit als, wie er es ausdrückt, „besonderer Ort der Farben und Gerüche“ wahrgenommen, „der auch Neugierde geweckt hat“.

Schnöder Konsum spielte freilich keine Rolle, als das Leipziger Ballett am Wochenende seine aktuelle „Intershop“-Schau präsentiert hat. Zeigt doch allein schon der Fakt, dass die diesjährige Intershop-Dependance in der Halle 14 der Baumwollspinnerei, also im Zentrum für zeitgenössische Kunst, ihr Domizil aufschlägt, worum es geht: Um Kunst. Oder wenigstens um Kunstwillen. Um ganz individuelle, auch erste Versuche an choreografischen Handschriften. Um deren Ausprobieren und Weiterführen. Und um Neugier geht es natürlich auch. Auf die, ums noch mal mit Mario Schröder zu sagen, „verschiedensten choreografischen Farben, die der Tanz haben kann“.

Allianz logischer Konsequenz

Im Namen dieser Verschiedenheit ist der erneute Schulterschluss des Leipziger Balletts mit dem Lofft als Kooperationspartner von logischer Konsequenz. Gerade auch in dem Sinne, dass Plus- und Minuspole für kreative Kraftfelder und künstlerische Entladungen sorgen können. Denn die Positionen tanzästhetischer, choreografisch konzeptioneller und auch kunst-philosophischer Gegensätzlichkeit, die diese beiden maßgeblichen Leipziger Tanz-Institutionen jeweils markieren, schließen sich eben mitnichten von vornherein aus.

Was jetzt, nur um es erwähnt zu haben, keinesfalls die olle Litanei von der Partizipation auf Teufel komm raus zwischen sogenannter Hochkultur und freier Szene meint. Es geht – ganz konkret – um Ballett und Lofft und das Projekt „Intershop“. Um diese Allianz logischer Konsequenz – die allerdings noch nicht in ausreichend künstlerischer Konsequenz aufscheint.

Die neun Choreografien von zwei Tänzerinnen und sechs Tänzern des Balletts sind neun Arbeiten, deren kleinster gemeinsamer Nenner die Lust, wenn nicht Sehnsucht danach ist, den persönlichen Ausdruck für die ganz persönlichen Geschichten und Themen zu finden. Es sind Emanzipationsbewegungen, nicht gegen, sondern mit dem Ensemble. Es ist das Ringen um einen künstlerischen Ausdruck, der im Kontext eines Arbeitsfeldes wie dem Ballett auch ein Ringen um die Individuation des Ausdrucks ist.

Dem ist sowieso mit Respekt und Sympathie zu begegnen, und für sich spricht, dass dieser „Intershop“ nicht langweilte – trotz solider 180 Minuten und inklusive schwacher Beiträge.

Emotionalität ohne Aufdringlichkeit

Um mit dem Starken zu beginnen: „Hearken“ von Fang-Yi Liu ist ein Dialog über die Unmöglichkeit echten Dialogs selbst zwischen liebenden Menschen und im unmittelbarsten Beieinander. Das manifestiert sich hier schon wunderbar in der Diskrepanz zwischen zarter, kleiner Tänzerin (Fang-Yi Liu) und kräftig großgewachsenem Tänzer (Piran Scott). Und es wird in einer Choreografie ausgereizt, in der Harmonie als Autismus und selbst in der sanftesten Interaktion immer auch ein Attribut des Kampfes lauert. Sehr gelungen.

Einen in seiner Konzentration ähnlichen Gestus zeigt „Ofelia“, eine Choreografie, die Yan Leivas nach seiner Mutter benannt hat und die in schlichtem Lichtkreis und zu Boleros und Milongas der mexikanischen Sängerin Maria Grever einen wechselnden Reigen mit fünf Tänzern zeigt, der in seiner reduzierten Form Emotionalität ohne Aufdringlichkeit zu beschwören vermag.

Ganz anders „A Vaccum“, eine Choreografie von Francisco Baños Diaz, die mit harten Beats und schneidenden Synkopen fünf Tänzer malträtiert, vor sich hertreibt, zur Verausgabung provoziert. Sicher: Auch diese live von DJ und Sängerin noch effektvoll forcierte Expressivität ist letztlich eine zu offensichtlich in Professionalität kontrollierte. Aber eben immerhin Expressivität.

Im Kreis treiben

Allerdings herrscht in so manchen Arbeiten Bravheit, schwingt Vorsicht mit, wodurch die Choreografien formal wie inhaltlich immer wieder einen Schritt vor und zwei zurück tanzen. Als gäbe es eine Scheu vor der Freiheit, die man sich hier ja eigentlich nehmen kann. Stattdessen gibt es humoristische Schenkelklopfer (parodierter Bürowahnsinn, ein lustig lila Holzpferd), viel Prätentiöses (kokette Blicke über die Schulter und allerlei gestisch-szenisches Schluchzen der Gefühligkeit). Oder auch Yan Leiva, der einmal in einem großen transparenten Ball gefangen irgendwie traurig daherkullert.

Eine Metapher? Über das Gefangensein im künstlichen Paradies? Die Sehnsucht nach befreiender, elektrisierender Konfrontation mit dem Künstler vom anderen Pol? Die anderen Farben, Gerüche, Handschriften? Man driftet oft in diese Richtung in diesem „Intershop“ – und treibt genauso oft im Kreis.

Von Steffen Georgi

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