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Leipziger Bluesrocker Tino Standhaft mit neuem Album im Krystallpalast-Varieté

Konzert Leipziger Bluesrocker Tino Standhaft mit neuem Album im Krystallpalast-Varieté

„Kiss the Gipsy“ heißt die neue Platte von Tino Standhaft und Band. Am Montagabend haben sie die Musik im Krystallpalast-Varieté vorgestellt – und die Fans im ausverkauften Theater mitgerissen. Auf technisch hohem Niveau und mit sehr viel Gefühl ist die Gruppe am Dienstagabend dort ein weiteres Mal zu erleben.

Tino Standhaft (links) und eine Band, die sein hohes Spielniveau halten kann: Henry Zschelletzschky, Renaldo Viehmann, Björn Kerstan, Norman Daßler, Luba Stavitskaya und Steffi Breiting (von links).

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Elf Jahre ist es her, meint Tino Standhaft in der einzigen echten Ansage des Konzerts, dass er zum ersten Mal im Krystallpalast-Varieté aufgetreten sei. Ein Wagnis seinerzeit, keiner wusste, ob sein rauer Bluesrock im plüschigen Ambiente tragen wurde. Resultat war ein umwerfendes akustisches Live-Album.

Nach erfolgreichen Programmen mit Interpretationen von Hits seiner Heroen Neil Young, Eric Clapton und Keith Richards ist er am Montag- und Dienstagabend komplett mit eigenem Material und einem neuen Studioalbum in den (Rock-)Palast zurückgekehrt. Er weiß inzwischen genau, wie in dieser speziellen Atmosphäre performt werden muss: Das Schlagzeug steht hinter einer Wand aus Plexiglas, die John-Lord-Gedächtnis-Hammond wird im Glitzeranzug bedient, zwei bezaubernde Backgroundsängerinnen bringen das gewisse Prickeln. Die beiden Frontmänner agieren im gewollten Understatement sitzend.

Blues hatte das Programmheft angekündigt. Das meint bei Standhaft aber nicht die Roots à la Muddy Waters, auch nicht die Brückenbauer zur weißen Spielart wie Alexis Korner oder John Mayall: Hier gibt’s satten blue-eyed Rockblues in der Schule von Rory Gallagher und des späten Gary Moore, oft knochentrocken southernlastig.

Kreativer Sturm

Die Energie wird im flirrenden Spannungsfeld zwischen den Gitarristen Standhaft und Norman Daßler generiert. Die haben sich in den letzten Jahren zu einer Einheit zusammengespielt. Technische Perfektion am Instrument, gepaart mit einem aus tiefem Gefühl für diese Songs erwachsenem blinden Verständnis füreinander erzeugen ein ums andere Mal Momente, in denen sich Nackenhaare zu exakt formierten Reihen aufstellen.

Sie leben inzwischen ihre Musik: Im standhafteigenen Bandhaus mit Keller-Studio ist gerade ein kreativer Sturm losgebrochen. Das Anfang des Jahres veröffentlichte Album mit Young-Songs war schwer aufregend, hier legen sie nur zwei Monate später eine Platte mit Eigenem vor.

Das Konzert beginnt mit „Cinderella Shoes“, nach zwei weiteren bekannten Nummern wird behutsam neues Material präsentiert, das sich nahtlos anschließt. Es folgt eine stimmige Abfolge von sicheren Krachern und besinnlicheren Nummern – es ist doch viel Blues in der Dramaturgie. Am Ende des Sets erhöht sich die emotionale Dichte. Da ist diese simple, aber endlos tief gehende Gitarrenfigur von „Reason To Stay“, die eigentlich die Kraft haben müsste, Kriege zu verhindern, wenn Krieger nicht taub wären. Da ist „Mother Mary“, dieser sehnsuchtsvolle Schrei nach Liebe. Im letzten Song greift Daßler plötzlich ein Akkordeon, das er ebenso hingebungsvoll bedient wie seine Klampfe. Eine kühne Annäherung an die Kitschgrenze, die aber souverän verfehlt wird.

Es gibt kein Halten mehr

Tino Standhaft ist ein Künstler, der lange brauchte, zur Perfektion zu reifen. Er hat sie jetzt um so sicherer erreicht. Und eine Band an der Seite, die sein Niveau halten kann. Jetzt wird die Sache erst richtig spannend.

In der Zugabe darf das begeisterte Auditorium im ausverkauften Rund so richtig aus sich rausgehen, sofern die dichte Sitzordnung des kleinen Theaters das eben zulässt: Bei den alten Young-Krachern „Hey Hey My My“ und „Hurricane“ gibt’s kein Halten mehr. Getoppt aber werden sie von „Second Chance“, jenem wunderbaren Song, der mit dem Live­album vor fast einem Dutzend Jahren zum Klassiker wurde. Die programmatische Textaussage zu dieser fantastischen Band und diesem Abend war da im Evergreen gerade gesungen geworden: „Rock’n’Roll Will Never Die!“

Weiteres Konzert: Dienstag (15. März), 20 Uhr, Krystallpalast-Varieté (Magazingasse 4), Eintritt 18/13 Euro. Das neue Album von Tino Standhaft & Band, „Kiss the Gipsy“, ist dort und demnächst unter anderem unter www.tinostandhaft.com zu erhalten.

Von Lars Schmidt

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