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Leipziger Buchmesse: Ukrainischer Literat Jurko Prochasko gestaltet Schwerpunkt mit

Leipziger Buchmesse: Ukrainischer Literat Jurko Prochasko gestaltet Schwerpunkt mit

Der ukrainische Autor Jurko Prochasko hat den Schwerpunkt der Leipziger Buchmesse mitgestaltet und Literaten aus Belarus, der Ukraine und Polen nach Leipzig geholt.

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Quelle: Privat

Leipzig. Derzeit lebt der Autor und Wissenschaftler in Berlin. Landesgrenzen haben für ihn keine Bedeutung und doch hat er starkes Heimweh.

Vor der Kongresshalle der Leipziger Buchmesse sitzt der ukrainische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Jurko Prochasko auf einer Betonmauer. Er trägt ein modernes, graues Stoffsakko mit weißem Hemd und dazu eine dunkle Jeans. Prochasko ist sehr elegant gekleidet, mit der klassischen Lederumhängetasche, hinter der man sofort einen Kulturschaffenden vermutet. Er macht Späße und schnell wird klar: Der Mann ist zugänglich und unkompliziert.

Er ist das Gegenteil von einem selbstverliebten, weltfremden Literaten. Nach einer Weile setzt er sich von der Betonmauer auf die orangefarbene Behältertonne. In der Hand die Zeitung der Buchmesse mit den vertretenen Starliteraten. „Ich kenne sehr wenige der Schriftsteller“, sagt er und lächelt.

Prochasko wird häufig als kultureller Brückenbauer zur Europäischen Union bezeichnet. Er hat unter anderem Bücher von Sigmund Freud, Martin Heidegger, Robert Musil und Gottfried Benn ins Ukrainische übersetzt. In der westukrainischen Stadt Lemberg unterrichtet er das Fach „Poesie der Übersetzung“. Seit Oktober vergangenen Jahres arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Wissenschaftskolleg zu Berlin. Seine Zeit in der Bundeshauptstadt ist aber auf ein Jahr begrenzt. „Berlin ist diffus, man kann die Stadt nicht erfassen. Deswegen fällt mir das Schreiben hier besonders leicht“, erzählt Prochasko.

Derzeit arbeitet er im Auftrag des Suhrkamp-Verlages an einem Buch über Lemberg. „Diese Stadt ist voller Geschichte, daher ist das eine große Herausforderung“, sagt er. Lemberg gehörte unter anderem dem österreichischen Kaisertum der Habsburger an.

Nach Prochaskos wissenschaftlichen Jahr wird der Autor diesen Sommer wieder von Berlin nach Lemberg ziehen und als Universitätsprofessor seine Arbeit fortsetzen: „Das Heimweh verfolgt mich, ich freue mich bereits sehr auf zu Hause.“

Prochasko ist ein heimatverbundener Intellektueller und spricht fließendes Deutsch, wenn auch mit leichtem Ost-Akzent. „Das liegt daran, dass ich österreichische Vorfahren habe und mir diese Sprache immer nah war“, erzählt der Autor. In der Hausbibliothek seiner Eltern befinden sich auch heute noch Bücher, die Prochaskos Großeltern von Wien in die Ukraine gebracht hatten. Er ging, gemeinsam mit seinem Bruder Taras Prochasko, in eine Schule mit erweitertem Deutschunterricht. Nach der Schulzeit entschied sich Jurko für die Literaturwissenschaft und Taras für ein Geologiestudium.

Mittlerweile hat es seinen Bruder ebenfalls zur Literatur hingezogen. Er wird gerade als aufstrebender ukrainischer Autor gehandelt. Die beiden Brüder haben vor über fünf Jahren gemeinsam das Buch „Galizien-Bukowina-Express“ geschrieben. Es ist ein Text-Foto-Essay über das Eisenbahnwesen von der Zeit, als die heutige Westukraine noch zu Österreich gehörte, bis hin zur Gegenwart.

Züge haben die beiden Brüder bereits als Kinder fasziniert. An ihrem Familien-Ferienhaus liegt noch heute ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. „Als Kinder haben wir Münzen auf die Schienen gelegt und wenn der Zug vorbeigefahren ist, die Deformierung der Geldstücke beobachtet. Manchmal haben wir auch verschossene Patronen unter der Erde gefunden, dann hat es besonders geknallt, wenn die Straßenbahn drüber gefahren ist“, erzählt er.

Prochasko hat neben seinem Leben als Schriftsteller eine Ausbildung zum Gruppenpsychoanalytiker absolviert. Zwei Jahre arbeitete er in einer Psychiatrie in Lemberg. „Die Erforschung der Psyche ist hilfreich für die Literatur“, sagt Prochasko. Zwischen psychisch kranken Menschen und geistig Gesunden gebe es viel weniger Unterschiede, als die Meisten denken würden. Die Zeit in der psychiatrischen Anstalt habe ihn bedeutend geprägt. „Man wird freier und sieht weiter“, sagt er und blickt in den Himmel.

In Zukunft möchte sich der Wissenschaftler und Übersetzer dem Schreiben widmen: „Ich möchte wieder selber Literatur schaffen als sie zu erforschen.“ Prochasko ist nur für ein paar Stunden in Leipzig und sein Tag bei der Buchmesse ist vollgepackt mit Terminen. Man merkt, dass ihm der Schwerpunkt am Herzen liegt: „Ich freue mich, dass Leipzig als Stadt im Osten mit ihrem Schwerpunktprogramm die osteuropäische Literatur unterstützt und in den Mittelpunkt holen will“, sagt er, „das funktioniert hier besser als beispielsweise in Frankfurt."

Manuela Tomic

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