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Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung geht an Heinrich August Winkler

Auszeichnung Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung geht an Heinrich August Winkler

Am 8. Mai hat er im Bundestag eine vielbeachtete Rede zum Ende des Zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren gehalten. Im März wird er zur Eröffnung der Buchmesse im Gewandhaus sprechen: Der Historiker Heinrich August Winkler erhält den mit 20 000 Euro dotierten Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

Der Historiker Heinrich August Winkler am 8.0 Mai 2015 in Berlin, während einer Gedenkstunde im Deutschen Bundestag zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren. Am 16. März erhält er den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

Quelle: dpa

Leipzig. Der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung geht an den deutschen Historiker Heinrich August Winkler. Das teilte das Kulturamt der Stadt am Donnerstag mit. Konkret erhalte er die Auszeichnung für sein vierbändiges Opus magnum „Geschichte des Westens“, das er in diesem Jahr mit dem Band „Die Zeit der Gegenwart“ abgeschlossen hat. Dem voraus gingen seit 2009 die Bände „Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert“, „Die Zeit der Weltkriege. 1914–1945“ und „Vom Kalten Krieg zum Mauerfall“, alle erschienen im Verlag C.H. Beck .

Heinrich August Winkler

Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Die Zeit der Gegenwart.Verlag C.H. Beck, 687 Seiten, 29,95 Euro

Quelle: Verlag

Die Jury begründet ihre Entscheidung damit, dass Winkler „mit Augenmaß, enormer Sachkenntnis und singulärer Forschungsakribie und orientiert an den Ideen der Amerikanischen und der Französischen Revolution in der Geschichte des Westens eine Deutung des normativen Projekts der westlichen Werte unternommen hat, der Prinzipien der unveräußerlichen Menschenrechte, der Gewaltenteilung, der Volkssouveränität, der Herrschaft des Rechts und der repräsentativen Demokratie.“ Klar und übersichtlich, umsichtig im Urteil und zupackend in den Formulierungen beschreibe er den jahrhundertelangen Kampf um die Umsetzung der menschenfreundlichen Errungenschaften von 1776 und 1789. Mit seiner Kunst, Analyse und Erzählung zu verbinden, „leistet er einem breiten, historisch interessierten Publikum wertvolle Orientierungshilfe“.

Aktuell liegt auch Winkler Band „Zerreißproben. Deutschland, Europa und der Westen“ vor. Er enthält Essays zu politischen Streitfragen, entstanden zwischen 1990 und 2015, sowie die Rede, die er am 8. Mai aus Anlass des 70. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa im Deutschen Bundestag gehalten hat. Darin erinnerte er angesichts von Ausbrüchen der Fremdenfeindschaft, „wie wir sie in Deutschland in den letzten Monaten erlebt haben, und von antisemitischer Hetze und Gewalt hier und in anderen europäischen Ländern“ an die Worte des Philosophen Ernst Cassirer (1874–1945): „In der Politik leben wir immer auf vulkanischem Boden. Wir müssen auf abrupte Konvulsionen und Ausbrüche vorbereitet sein. In allen kritischen Augenblicken des sozialen Lebens … sind die rationalen Kräfte, die dem Wiedererwachen der alten mythischen Vorstellungen Widerstand leisten, ihrer selbst nicht mehr sicher.“ Diese Stunde komme, sobald die „bindenden Kräfte im sozialen Leben des Menschen aus dem einen oder anderen Grunde ihre Kraft verlieren und nicht länger imstande sind, die dämonischen Kräfte zu bekämpfen.“

Heinrich August Winkler

Heinrich August Winkler: Zerreissproben. Deutschland, Europa und der Westen.Interventionen 1990 bis 2015. Verlag C.H. Beck; 230 Seiten, 14,95 Euro

Quelle: Verlag

Deutschland, so sagte Winkler in jener Rede am 8. Mai, erlangte seine Einheit 1990 nur wieder, „weil es glaubwürdig mit jenen Teilen seiner politischen Tradition gebrochen hatte, die der Entwicklung einer freiheitlichen Demokratie westlicher Prägung entgegenstanden“. Die Jury des Buchpreises ehrt mit ihrer Wahl nicht nur einen der einflussreichsten deutschen Historiker und Intellektuellen, sondern nährt auch Hoffnungen auf eine Preisträgerrede, die mit deutlichen Worten der deutschen Selbstvergewisserung in eben jener europäischen Verständigung dient.

Heinrich August Winkler wurde am 19. Dezember 1938 in Königsberg geboren, er hat Geschichte, Philosophie und öffentliches Recht in Tübingen, Münster und Heidelberg studiert. Nach der Habilitation in Berlin 1970 an der Freien Universität war er zunächst dort, anschließend von 1972 bis 1991 in Freiburg Professor. Seit 1991 war er bis zu seiner Emeritierung Professor für Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Ab 1984 erscheinen drei Bände über „Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik“, im Jahr 2000 „Der lange Weg nach Westen“ und 2007 „Auf ewig in Hitlers Schatten? Über die Deutschen und ihre Geschichte“. 2009 folgt der erste Teil der „Geschichte des Westens“. Im nun ausgezeichneten Abschlussband schreibt Winkler unter der Überschrift „Vom Triumph zur Tragödie“ über die Jahre 1991 bis 2001, über die Jahre „Vom ,Krieg gegen den Terror’ zur Weltfinanzkrise (bis 2008) und über „Das Ende aller Sicherheit“ (2009 bis 2014).

Der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung

Der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung wird seit 1994 jährlich vergeben und ist mit 20 000 Euro dotiert. Er zählt zu den wichtigsten Literaturauszeichnungen in Deutschland. Das Preiskuratorium bilden der Freistaat Sachsen, die Stadt Leipzig, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. und die Leipziger Messe.

Die Preisverleihung an Heinrich August Winkler findet anlässlich der Eröffnung der Leipziger Buchmesse am Abend des 16. März 2016 im Gewandhaus statt. Die Laudatio hält diesmal der Historiker, Publizist und Schriftsteller Volker Ullrich. 

Erster Preisträger war Ryszard Kapuściński, zu den Ausgezeichneten der vergangenen Jahre zählen György Dalos, Martin Pollack, Ian Kershaw und Timothy Snyder, Klaus-Michael Bogdal, Pankaj Mishra sowie Mircea Cărtărescu.

Von Janina Fleischer

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