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Leipziger Dokwoche: Die ersten Filme

Internationaler Wettbewerb Leipziger Dokwoche: Die ersten Filme

Der Internationale Wettbewerb der Leipziger Dokwoche begann bunt gemischt mit Filmen über ein altes polnischen Bruderpaar, den animierten Lebensweg eines polnischen Weltenbummlers, der in Afghanistan bei den Mudschaheddin kämpft, zwei junge Flüchtlinge im griechischen Gefängnis und einem historischen Essay.

Seit diesem Jahr Chefin der Leipziger Dokwoche: die Finnin Leena Pasanen.

Quelle: dpa

Leipzig. Die Chefin ist überall. Sie lichtet zur Eröffnung lächelnd am Saal-Eingang Tickets ab. Sie radelt wie Vorgänger Claas Danielsen von Termin zu Termin. Aber sie hält keine wohlformulierte Rede zum Dokwochen-Start im Cinestar, sondern plaudert ein bisschen. Die Fernseh-Vertreter, über Jahre immer und immer wieder hart attackiert wegen ihrer Verdrängung des Dokfilms, lehnen sich gemütlich in den Sesseln zurück.

Nur einmal überrascht die Finnin dann doch. Sie ist schockiert, dass so wenige Frauen lange Dokfilme drehen. Das will sie ändern. Leider hat wohl noch niemand eine Kathryn Bigelow des Dokfilms entdeckt. So was wie die Hollywoodfrau („Tödliches Kommando“, „Zero Dark Thirty“), die den Männern in L.A. regelmäßig zeigt, wie Männerfilme aussehen sollten, gibt es im dokumentaren Kino einfach nicht.

Alle in einen Wettbewerb

Na gut, man kann sich ja überraschen lassen. Auch von anderen Modernisierungen der neuen Direktorin. Die auffälligste im Jahr eins ist das Zusammenwerfen von Animations- und Dok-Kino in den Wettbewerben. Grundsatz: Es gibt nur ein Festival – und wir sehen nur gute oder weniger gute Filme. Kann man so sehen, muss man aber nicht.

Denn schon am ersten Tag des Internationalen Wettbewerbs zeigte sich, wie brüchig und biegsam dieses Ich-kenne-jetzt-nur-noch-Filme-Prinzip ist. Da gab es mit „The Magic Mountain“ (Rumänien/Frankreich) von Anca Damian eine animierte Dok-Fantasie über die kurvige Lebensreise eines polnischen Globetrotters, die bisweilen nur ärgerlich war. Wenn von Lumumba als Kommunist im Kongo die Rede ist, laufen Bilder, die offenbar prügelnde Soldaten des Diktators Tschombé zeigen. Immer wieder geht es um die Rote Armee, wenn der Bergsteiger und Zeichner mit den Mudschaheddin in Afghanistan kämpft, obwohl die seit 1946 Sowjetarmee heißt.

Wanderer zwischen den Welten

Die Wege des Wanderers zwischen den ideologischen Welten sind mit Papierschnitten, übermalten Bildern, Zeichnungen im Chagall-Stil, verfremdeten Fotos gepflastert. Die Geschichte, inspiriert von der Biografie Adam Jacek Winklers, geht erst holterdipolter und politisch nebulös durch die Nachkriegs-Zeitgeschichte und beruhigt sich erst, wenn der Suchende (Motto: Überleben ist alles) in Afghanistan ankommt. Da gelingen ihm dann auch bildlich schöne Momente wie der Marsch durch Kälte und Schnee. Oder, wenn er todkrank an Malaria leidet, dem Sinnbild vom Vogel Phoenix.

Allerdings bleibt die Frage, ob diese Produktion wirklich den Dok-Wettbewerb belebt. Da machen es einem „The Longest Run“ (Griechenland) von Marianna Economou und „Brothers“ (Polen) von Wojciech Starón schon einfacher. „The Longest Run“ geht ins Gefängnis von Volos, trifft den syrischen Kurden Ali Jasim und den Iraker Alsaleh Mohammad.

Flüchtlinge im Gefängnis

Ali, verhaftet an der Grenze, wird Menschenschmuggel vorgeworfen, zu drei Jahren, vier Monaten verurteilt, unter Auflagen entlassen nach Athen - und verschwindet. Alisaleh spricht ein Gericht nach 18 Monaten Knast frei. Die Kamera beobachtet ihren Alltag hinter Gitter, die Sprachprobleme von Ali, die Pläne und Hoffnungen, ihre Telefonate nach Hause, wo es immer dramatischer zugeht. Das ungewisse Drama zweier Flüchtlinge als Beispiel für viele.

„Brothers“ hingegen ist ganz die hohe Kunst des polnischen Dok-Kinos. Zwei Alte, weißhaarig, weißbärtig, der eine Maler, der andere über 90, kehren nach 80 Jahren aus Kasachstan zurück nach Polen. Wojciech Starón verknüpft Bilder der Natur durch die Jahreszeiten mit Bilder vom Alltag der betagten Brüder. Alte Schmalfilmaufnahmen erinnern ans Leben, als sie beide noch jung waren. Das atmet die Poesie des gewöhnlichen Lebens und die Tragödien des Alters. Als Mieczsylaw in die Klinik muss, bleibt Alfons allein zurück – und dann brennt auch noch ihr Haus ab. Eine Katastrophe, viele Gemälde sind vernichtet.

Verkrampfter Essayist

Den Essayisten lässt mal wieder der Russe Alexander Sokurov in „Francofonia“ (Frankreich/Deutschland) raushängen. Das heißt: Es wird reichlich viel geschwafelt, Tolstoi und Tschechow als Erzähler angerufen und dann um den Louvre herum gestrichen. Es geht um seinen Bau, Napoleons Kunsttransfers aus Ägypten, Marianne als Geist, vor allem jedoch um den deutschen Offizier Graf Wolff Metternich, der in der Besatzungszeit das Plündern der Kunstschätze verhinderte, und Jaques Jaujard, den Louvre-Chef in jener Zeit.

Der kaufte sogar Werke an, sagt Sokurov. Nichts weiter, denn nun könnte es wirklich interessant werden. „Es werden sogar Filme gedreht“, verkündet der russische Meister an anderer Stelle. Naja, die Continental-Film, von der nicht die Rede ist, muss ihn wohl sehr verunsichert haben. In „Francofonia“ wird eben mehr geraunt und gemunkelt als dokumentiert. Eine Kopfgeburt, die bisweilen zum Krampf gerät.

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Am ersten Tag des Internationalen Wettbewerbs der Leipziger Dokwoche liefen vier Filme.

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Von Norbert Wehrstedt

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