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Leipziger Finanzamt auf Betriebsausflug: "Tod eines Steuerfahnders" in der Nato

Leipziger Finanzamt auf Betriebsausflug: "Tod eines Steuerfahnders" in der Nato

Eine Spur zu schick, einen Tick zu grau: Es war nicht das typische Nato-Publikum, das Montagabend in das Soziokulturzentrum zur Premiere eines Off-Theaterstücks strömte.

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Sieg! Robert Lüddecke, Uwe Kraus, Kerstin Wefel, Julia Shvets, August Geyler (von links) als hessische CDU-Führungsriege an einem Wahlabend im Februar 1999.

Quelle: André Kempner

Finanzbeamte füllten mehr als die Hälfte der rund 100 Plätze im ausverkauften Saal. Das Ensemble Dramavision sollte den "Tod eines Steuerfahnders" ursprünglich im Festsaal des Leipziger Finanzamts uraufführen - bis das sächsische Finanzministerium Wind vom Vorhaben bekam und es stoppte (wir berichteten).

Von Wut spricht August Geyler, nachdem er sich mit den Schauspieler-Kollegen und Regisseur Matthias Schluttig den Premieren-Jubel abgeholt hat. Von Ohnmacht erzählt Rudolf Schmenger, der mit ihm und sechs weiteren vor dem Publikum sitzt: "Wenn man gezwungen wird, gegen geltendes Recht zu verstoßen". Zwei Stühle weiter sucht Frank Wehrheim nach Worten für seinen Vertrauensverlust in Politik und Finanzwesen, er findet drei: "grotesk, traurig, tragisch".

Allerdings hat die Leipziger Theatergruppe Dramavision in den gut zwei Stunden zuvor keineswegs auf die Tränendrüse gedrückt oder an niedere Instinkte appelliert. Sondern mit "Tod eines Steuerfahnders" eine höchst unterhaltsame Mischung aus Satire und Wirtschaftskrimi uraufgeführt. "Großartig, wie ihr das trockene Steuer-Thema lustig darstellt und mit der Tragik verbindet, die darin steckt", lobt Marco Wehner.

Wehrheim, Schmenger und Wehner haben gerade die eigentümliche Erfahrung gemacht, sich selbst als Bühnenfiguren zu begegnen. In den 90ern bildeten sie in Frankfurt am Main den Kern einer Steuerfahnder-Truppe, die bis heute Schlagzeilen macht. Von ihren spektakulären Fällen erzählt die Inszenierung - und wie die wohl zu erfolgreichen Staatsdiener ausgemustert wurden. Auf Grundlage von Wehrheims Bestseller "Inside Steuerfahndung" und zwei Büchern über die Regierungszeit Roland Kochs in Hessen hat das Ensemble in Improvisationen 30 kurzweilige Szenen erarbeitet.

Vom ersten durchaus sympathischen Ganoven (August Geyler), den die Theaterfiguren Wehrheim (Uwe Kraus) und Schmenger (Robert Lüddecke) in den frühen 80ern tollpatschig jagen, spielen sich die fünf Darsteller in mehr als 40 Rollen temporeich zu immer größer werdenden Fällen vor: vom Zahngold, das Ärzte systematisch unterschlagen, bis hin zu obskuren Atom-Deals mit Pakistan. Launiger Blues-Rock aus der Konserve, aufgenommen von einer Band des Regisseurs, stützt die humorvolle Erzählweise.

Zwischen die Erlebnisse der Fahnder werden Entstehen und Gedeihen der "Tankstellen-Clique" der Jungen Union um Koch und den heutigen hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier geschnitten. Ende der 90er verknüpfen sich beide Stränge. Sowohl Wehrheim und Kollegen als auch Koch und Co befinden sich da auf Karrieregipfeln.

Nachdem die Steuerfahnder mit einem dreistelligen Millionen-Coup bei der Commerzbank zu Stars ihrer Branche geworden sind, nehmen sie die Deutsche Bank und illegale Liechtensteiner Konten ins Visier. Koch gewinnt derweil die Landtagswahl, kurz darauf kämpft seine Partei mit einer Schwarzgeld-Affäre. Das Bühnenlicht schaltet von Glühbirne auf Neon. Nach und nach werden die Fahnder gebremst, versetzt, ärztlich für dienstuntauglich erklärt - kaltgestellt. Als dem Bühnen-Wehrheim in seiner neuen Dienststelle ein Turm aus neun Aktenordnern gelingt, erntet er Zwischenapplaus. Die Finanzbeamten im Saal wissen offenbar, dass das nicht so einfach ist.

Das Stück enthält etliche solcher origineller Ideen. Die Tankstellen-Youngster kommentieren ihr Tun in comichaften Regie-Anweisungen, "Becker-Faust, Händedruck, Durchstart". Die Steuerfahnder erinnern auf der Höhe ihres Erfolgs an stereotype Investmentbanker, die mit Millionen-Gewinnen angeben. Nur dass es sich hier um Geld handelt, das Betrüger dem Staat vorenthalten. "440 000 Mark allein gestern", ruft Wehner, "1,5 Millionen!", entgegnet Schmenger euphorisch.

Die Schauspieler springen souverän von Rolle zu Rolle, mag Geyler, der nunmal ein grandioser Clown ist, an seinem Wehner auch eine Spur zu viel der Kauzigkeit seines schmierigen Koch-Fieslings haften lassen. Der leibhaftige Wehner macht einen weit bodenständigeren Eindruck - was seine Begeisterung für die Überzeichnung noch unterstreicht.

Insgesamt zeichnet es die Gruppe aber aus, dass sie mit dem Stoff nicht übertrieben experimentiert. Die Geschichte spricht für sich und benötigt keine theatralischen Effekte. Absolut schlüssig betont Dramavision-Chef Schluttig, dass er mit dem Projekt "die Bühne als Sprachrohr" wiederentdeckt habe. Wobei eine TV-Produktion über den Stoff demnächst eine größere Breitenwirkung verspricht.

Aber auch um das Leipziger Stück rankt sich bereits eine kleine Posse. Mit hanebüchener Begründung hatte das sächsische Finanzministerium wie berichtet den Plan der Theatermacher und des Finanzamts Leipzig II vereitelt, am Sitz der hiesigen Steuerfahnder zu spielen. Wie sehr in Hessen Politik und Behörde Recht beugten, ist mittlerweile wissenschaftlich belegt und teilweise gerichtlich bestätigt. 2009 bekamen die Fahnder für ihre Enthüllungen den Whistleblower-Preis. Die CDU-geführte Landesbehörde stellt sich dennoch auf die Seite der hessischen Parteifreunde. Anders lässt sich ihre Angst vor der Kunst nicht erklären.

"Tod eines Steuerfahnders", wieder am 30. September, 11. Oktober, 20 Uhr, 13. Oktober, 16 Uhr, 12/10 Euro; www.dramavision.de.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 18.09.2013

Mathias Wöbking

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