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Leipziger Jazztage vitalisieren Traditionen

Festival Leipziger Jazztage vitalisieren Traditionen

Bachmannpreisträgerin Nora Gomringer und Schlagzeuger Philipp Scholz waren am letzten Abend der 40. Leipziger Jazztage gemeinsam zu erleben. Wobei Herr Scholz nicht zu Wort kommt und Frau Gomringer sich ihrem Therapeuten widersetzt.

Nora Gomringer und Philipp Scholz im Schauspielhaus.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Ein Tisch auf der Bühne am letzten Abend der 40. Leipziger Jazztage, Leselampe und ein Stuhl davor. Auch die Poesie gehört natürlich zu den schönen Künsten. Im amerikanischen Mutterland des Jazz hat sich diese Musik in den politisch aufgeladenen 60ern mit Dichtern zusammengetan, auch im Osten und Westen Deutschlands hat die Mischung von Jazz und Lyrik Tradition. Hier ist sie an Namen gebunden wie Eberhard Esche, Manfred Krug und Ruth Hohmann, die sich hintersinnig optimistisch gaben, dort an die von Peter Rühmkorf, Michael Naura und Wolfgang Schlüter, die den Phönix voranschickten. Auch die Wiener Gruppe mit Dichtern wie Ernst Jandl, H. C. Artmann oder Oswald Wiener pflegte Kontakte zum Jazz. Eugen Gomringer, der Schweizer Bolivianer und Erfinder der Konkreten Poesie, gehört zu ihren Sympathisanten.

Nora Gomringer ist seine Tochter. Seit sie 2015 den Klagenfurter Bachmannpreis so unumstritten wie sonst kaum jemand gewann, ist sie allpräsent. Nun sitzt sie an eben jenem Tisch auf der Bühne des Schauspielhauses, neben sich ein Schlagzeug. Der dort Platz genommen hat, wird von ihr augenzwinkernd „Herr Scholz“ genannt. Es ist der Leipziger Drums-Zauberer Philipp Scholz, der zum dritten Mal einen Auftritt hat während des Festivals – und nun endlich auf der großen Bühne. Zu Wort aber lässt Frau Gomringer ihn nicht kommen. Aus Prinzip. Es ist auch nicht seine Aufgabe zu reden, alles andere erfüllt er zuverlässig exzellent. „Wort Drum Dran“ heißt ihr Duo-Projekt und ihre soeben erschienene CD „Peng! Peng! Peng!“.

Zwischenstopps bei den üblichen Verdächtigen

Und so liest sie auch. „Komm Muse, erklär mir die Männer“, bittet sie mit großen Augen und ebensolchem Schmollmund, wenn sie von Mördern, Spinnern und Spielern losdonnert. Dann switcht sie ebenso verrucht wie pseudonaiv schnoddrig recht lange ins Englische, vielleicht um sich auf den London-Auftritt vorzubereiten, der unmittelbar bevorsteht. Oder überhaupt auf eine Weltkarriere. Einmalig genug dürfte dieses Duo sein.

Sie fliegt durch die Seiten von „Alice in Wonderland“ und macht Station bei Dorothy Parker, immer genau die richtigen Schlagzeugschläge oder -streicheleinheiten an ihrer Seite. Unter den Zwischenstopps bei den üblichen Verdächtigen Schwitters, Jandl, Beuys ist natürlich auch einer beim wohl bekanntesten Text ihres Vaters, obwohl ihr der Therapeut davon abgeraten habe: „Lassen Sie das, lösen Sie sich von Ihrem Vater!“ Also hebt sie trotzdem trotzig an: „kein fehler im system“. Und dann addieren sich in den Versen die Buchstabendreher zu immer neuen Zungenbrechern und Sinnverballhornungen. Großartig, wie sie das liest, und überhaupt wie die beiden Traditionen neu vitalisieren. Schlusswort: „Dichter hat getan, was er konnte.“ Es war bestimmt kein Fehler im System der Jazztage, sie einzuladen.

Beim folgenden Soloauftritt des Amerikaners Kurt Rosenwinkel gingen da die Meinungen deutlich auseinander. Keine Frage, der in Berlin lebende Gitarrenprofessor ist ein Instrumentalist von Gnaden. Er breitet melodiöse Soundscapes zum Wegträumen hin, raffiniert geschichtet in hellem Klang mit ein paar unterstützenden wortlosen Vokalisen dazu. Schmeichlerische Americana sind das, orchestral aufgetürmt, denn Rosenwinkel ist ein Pedalritter. Ein Bilderstürmer ist er nicht. Sein Instrument kann auch mal klingen wie eine Dorfkirchenorgel. Wir sitzen an einem futuristischen Lagerfeuer, alles ist wie ein fein ziseliertes Songwriting ohne Worte und Rosenwinkel outet sich als melodienseliger Romantiker. Aber irgendwie ist das alles auch in Schönheit starr. Jazz und Gitarre: Das ist eine problematische Geschichte. Zumal im Solospiel, das in diesem wahrlich nicht so schlechten Falle irgendwann vor allem eins ist: monoton oder zumindest eindimensional.

Gut 7000 Besucher

Dann der mit Spannung erwartete Auftritt von Nik Bärtsch, der gemäß den Festivalintentionen und zur Verbildlichung seines von japanischem Kampfsport mitinspirierten markanten Gruppensounds für den ersten Teil die Tänzerin Lisa Ramstein mitgebracht hat, die dann tatsächlich eine plausible optische Verstärkung war. Bärtschs „Mobile“ ist so etwas wie die Unplugged-Version seines auf Repetitionen setzenden Zen-Grooves. Der insistiert in Minimal-Mustern, steigert sie, um dann an Umschlagpunkten neu Fahrt aufzunehmen. So wächst eine Druckwelle, der man sich schwer entziehen kann. In Leipzig wuchs sie langsam, weil Zeremonienmeister und Charismatiker Nik Bärtsch diese Wenden oft sehr spät herbeirief, sodass sein imponierend stoischer Schlagzeuger Kaspar Rast seine Pattern überstrapazieren musste – ebenso wie der rhythmische Tieftöner Sha mit Bass- und Kontrabassklarinette. Obwohl sie inzwischen nicht mehr neu ist, schillert und irisiert diese Musik immer noch von innerer Kraft, schreitet stoisch voran und fräst sich ein. Als wäre sie nun in ihre klassische Phase eingetreten, schichtet sie ihre Rituale zur anschwellenden Endlosschleife.

Auch in Leipzig entwickelte das nach und nach seine hohe Suggestivkraft, nur bis zur Trance führte es diemal nicht. Langer Beifall und Zugabe für dieses Konzert. Und für das traditionsreichste Jazzfestival in den Neuen Ländern als Ganzes, das seine Ausnahmestellung dank ausgeklügelter Programmatik, einer auf gut 7000 gestiegenen Besucherzahl, exzellenter Organisation und einer die Vitalität dieser Musik in vielfältigen Formen jenseits des Gängigen abbildenden Weise nachdrücklich festigen konnte.

Von Ulrich Steinmetzger

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