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Leipziger Mathias Tretter rechnet mit 2015 ab

Kabarettistischer Jahresrückblick Leipziger Mathias Tretter rechnet mit 2015 ab

Mathias Tretter lässt wenig Gutes am Jahr 2015 – und wenn, dann nur in reiner Ironie. Der Leipziger Kabarettist, der im vergangenen Herbst zum neuen Lachmesse-Preisträger gekürt wurde, hat am Donnerstagabend bei den Academixern seinen Jahresrückblick präsentiert. Bissig und witzig wie gewohnt.

Süffisanz trifft Bösartigkeit: Mathias Tretter bei seinem Donnerstag-Auftritt bei den Academixern.

Quelle: Kempner

Leipzig. Er möge das, erzählt Mathias Tretter, eigentlich gerne. Also seine satirischen Jahresrückblicke, die „Nachgetrettert“ heißen und inzwischen zu einer Tradition geworden sind und auch im aktuellen Durchlauf am Donnerstag den Academixer-Keller bis auf den letzten Platz füllten. „Doch, ich mache das gern“, sagt da also Tretter: „Aber muss es grad 2015 sein?“

Man versteht ihn gut, diesen Stoßseufzer des neuen Lachmesse-Preisträgers. Bei einem Jahr, dessen Anfang und Ende wie eingezwängt zwischen den zwei Pariser Terroranschlägen röchelt, die ihrerseits programmatisch sind für eine politische Weltlage, wegen der Tretter noch mal in Erinnerung ruft, was man eigentlich gern vergessen würde.

Vor allem jenes hiesige Klima einer gewissen Hysterie, das sich indes – das ist zu befürchten – in den anstehenden Monaten noch steigern dürfte. Gemeint ist, was Tretter in einer Analyse mit einem klugen Satz auf den Punkt zu bringen vermag: „Der gelungene Terrorismus ist, wenn die Folgen vor der Tat kommen.“

Ein Satz, der in einem satirischen Twist die Dialektik des Terrors in einer intellektuellen Klarheit konturiert, die Tretter in seinem gut zweistündigen Programm dann so zwar nicht noch einmal erreicht, aber oft gut zu illustrieren vermag. Etwa mit einem Blick zu Marine Le Pen, dem „Faschistenfrüchtchen“ auf Erfolgskurs dank islamistischen Terrors. Oder dem Staunen über den absurden Wandel historischer Parameter, durch den plötzlich Zigtausende aus anderen Weltgegenden aufbrechen, weil sie „nach Deutschland ins Lager“ wollen. Hinzu kommt, irritierend genug für die großteilig bodenständige Einfachheit heimischen Volksempfindens, dass viele der arabischen Flüchtlinge auch noch eine derartig glühende Deutschlandliebe in sich tragen, dass sich davon sogar Pegida eine Scheibe abschneiden könne.

Dass im Gegenzug wiederum nach den Kölner Silvester-Vorfällen sogar die CSU, also „die Partei der Herdprämie“, plötzlich ihre feministische Seite entdecke und sich stark mache für die Selbstbestimmtheit der Frau, fügt sich ein in diese Kausalitäten, die Tretter mal süffisant, mal mit der Attitüde eines gewitzten Schuljungen aufeinander krachen lässt. Auf das besagte Widersprüche sich eben als das entpuppen was sie sind: nicht wirklich widersprüchlich nämlich.

„Wir lassen uns unsere Art zu leben nicht nehmen“ – die „dümmste Parole 2015“ (Tretter) fungiert dafür als eine der Steilvorlagen. Denn in seinen besten Momenten verdeutlicht dieser Jahresrückblick, mit welcher Bereitwilligkeit der Westen selbst seine wesentlichen, also demokratisch freiheitlichen Werte zu beschneiden bereit ist. Und das im Namen „unserer Lebensart“. An der Aushöhlung der Demokratie arbeiten dabei islamistischer Terror, des Pegida-Volkes-Wille und politischer Opportunismus als fatale Allianz. Eine Paradoxie – aber wenn politisches Kabarett momentan einen Sinn haben sollte, dann den, diese Paradoxie kenntlich zu machen.

Tretter gelingt das immer wieder. Und natürlich gab es 2015 auch noch andere Themen. Fleisch wurde als krebserregend entlarvt, was vor allem für Franken („Landstrich mit der größten Metzgerdichte Europas“) und Unions-Christen prekär ist („Im Christentum ist ja das Wort Fleisch geworden. Das heißt dann jetzt wohl, dass das C in CDU krebserregend ist“). Und Griechenland, auch daran wird erinnert, ist ja noch immer in der Krise. Nur sind das Themen, die hier eher daher plätschern und bei denen die Pointen weit seltener zünden – vielleicht, weil es nicht so auf den Nägeln brennt.

Von Steffen Georgi

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