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Leipziger Musikerin Julia Buch im Interview: „Unser Publikum darf einschlafen“

Tag des Schlafes Leipziger Musikerin Julia Buch im Interview: „Unser Publikum darf einschlafen“

Der Störmthaler See war für die Leipziger Musikerin Julia Buch schon immer ein besonderer Ort. Mit ihrer Band und ihrem innovativen Konzertformat „Schlafkonzerte“ begleitet die 26-Jährige schon seit Jahren alltagsgestresste Menschen in die Ruhe. Nun hat sie sich mit ihrer Band aufs Wasser gewagt. Was sie dort auf die Beine gestellt haben, erzählt sie im Interview.

Julia Buch, 26, auf der Vineta, einem im Störmthaler See schwimmenden Denkmal, das an die Magdeborner Kirche erinnert.

Quelle: Sabrina Lieb

Leipzig. Der Störmthaler See war für die Leipziger Musikerin Julia Buch schon immer ein besonderer Ort. Immer wieder zieht sie sich dorthin zurück und findet das, was sie auch ihrem Publikum mit auf den Weg geben möchte: Entschleunigung. Mit ihrer Band und ihrem innovativen Konzertformat „Schlafkonzerte“ begleitet die 26-Jährige schon seit Jahren alltagsgestresste Menschen in die Ruhe. Nun hat sie sich mit ihrer Band aufs Wasser gewagt. Was sie dort auf die Beine gestellt haben, erzählt sie im Interview.

Mit Ihrer Band haben Sie jüngst einen Tag lang auf der Vineta verbracht. Was macht man auf einer schwimmenden Kirche, was man nicht auch an Land hätte tun können?

Wir haben diesen besonderen Ort für unsere neue Albumproduktion „Dein Rückzugsort“ ausgesucht. Die Vineta, die ja nur via Boot zu erreichen ist, schien uns hierfür die perfekte Location zu sein. Fernab des Trubels konnten wir uns dort mit Herz und Fokus voll auf unsere Aufnahmen konzentrieren. Die Abgeschiedenheit und Ruhe des Wassers führten automatisch zur Entspannung. Das war ein wunderbares Erlebnis für uns alle. Aus dieser eigenen Erfahrung an Bord wollten wir schließlich musikalische Rückzugsorte für Menschen im Alltag kreieren, bei denen auch unser eigenes Ankommen an diesem Tag mitschwingt. Ein Anspruch für ein Herzprojekt, dem eine übliche Studioatmosphäre überhaupt nicht gerecht geworden wäre.

Nun haben Sie sich nicht ohne Grund den Störmthaler See ausgesucht ...

Mein Mann und ich haben Anfang des Jahres den handyfreien Samstag für uns eingeführt, an dem wir regelmäßig an den Störmthaler See gefahren sind, um die Seele baumeln zu lassen. Wir haben dann angefangen, uns intensiver mit diesem Ort zu beschäftigen. Dabei haben wir erfahren, dass dort auch eine leidvolle Geschichte dahinter steckt. Anstelle des Sees existierte hier einst der Ort Magdeborn, der durch den Abbau von Braunkohle viele Bewohner ihre Heimat gekostet hat. Es hat uns sehr berührt, dass aus dem einstigen Verlust von Zuhause heute ein so schönes Naherholungsgebiet entstanden ist, welches nachfolgenden Menschen wieder einen Rückzugsort bietet.

Sie sind auch die Gründerin der „Schlafkonzerte“. Was darf man sich darunter vorstellen?

Ich habe das Konzertformat vor rund fünf Jahren gegründet mit dem Ziel, einen Raum des Ankommens zu schaffen, in dem unser Publikum das Konzert im Liegen genießen und dabei einschlafen darf. Beim Hören von Musik passt der menschliche Körper Herzschlag und Atemfrequenz der Geschwindigkeit eines Liedes an. Durch das Absenken der Beats per Minute bei den Musikstücken werden unsere Zuhörer in eine Phase der Tiefenentspannung geleitet. Diese wird gegen Ende des Konzerts wieder behutsam aufgehoben. Mit durchschnittlich 25 bis 100 Besuchern halten wir unsere Konzerte bewusst in einem überschaubaren Rahmen, in dem sich unsere Zuhörer losgelöst entspannen, ihre Sinne schärfen und ihre Konzentrationsfähigkeit wieder erhöhen können. Gleichzeitig stellen Schlafkonzerte auch für uns Musiker etwas Besonderes dar, da wir uns komplett auf unser Spielen konzentrieren dürfen, ohne dauerhaft unser Publikum unterhalten zu müssen. „Akku aufladen im Schlafkonzert“, lautet unser Credo.

Für die Konzerte haben Sie sich prominente Unterstützung mit ins Boot geholt. Ihr Gitarrist ist Kosho von den Söhnen Mannheims. Wie kam es dazu?

Ich habe an der Popakademie in Mannheim studiert, und Kosho war dort mein Gitarrendozent. Anstatt zu üben, haben wir immer viel zusammen improvisiert. Einmal hat er mir von einem berührenden Blindenkonzert berichtet, welches er in kompletter Dunkelheit gespielt hat. Daraufhin wusste ich sofort, dass er ein Musiker ist, der mit dem Herzen hört und spielt. Seine sensible Spielweise und sein besonderer Sound passen perfekt zu unserem Konzertformat. Mit seiner langjährigen Erfahrung ergänzt er uns hervorragend. Wir steuern in eine gemeinsame Richtung, und das ist nicht nur für unsere Band eine Bereicherung sondern auch für unser Publikum spürbar.

Und wie steht es um Ihre Zukunftsmusik?

Im November geben wir endlich unser erstes Schlafkonzert in Leipzig. Bis es soweit ist, konzentrieren wir uns die nächsten Monate auf unsere Album-Produktion „Dein Rückzugsort“ , die wir mithilfe einer Crowdfunding-Aktion ermöglichen. Auf der entsprechenden Internetseite kann man auch mehr über uns und unser Herzensprojekt erfahren. Eines vielleicht vorweg: Mit der Musik wollen wir Menschen ermutigen, sich mehr wohltuende Zeit für sich selbst und gute Beziehungen zu nehmen. Was in unserer heutigen Leistungsgesellschaft im Alltag immer wieder verloren geht, ist der Mut, sich einmal bewusst auszuklinken und zurückzuziehen, um den eigenen Fokus wieder zu schärfen.

Sie geben auch privaten Musik- und Gesangsunterricht. Was versuchen Sie Ihren Schülern mit auf den Weg zu geben?

Mir ist immer wichtig, dass nichts aus Zwang, sondern aus Inspiration passiert. Dabei versuche ich, ihnen zu helfen, Selbstbewusstsein für die Bühne aufzubauen, ihre individuelle Stimme und Klangfarbe zu entwickeln, und ihnen Mut zu machen, sich neben dem Covern von Songs auch an eigenen Liedern zu versuchen. Ich stelle immer wieder fest, wie sehr es als Schlüssel zu einem authentischen und schöpferischen Musikerdasein gehört, die eigene Geschichte zu formulieren, zu singen und zu spielen.

Crowdfunding für das für Ende Oktober geplante Album: www.startnext.com/dein-rueckzugsort-schlafkonzert. Das erste Schlafkonzert in Leipzig geben Julia Buch und Band im November. Datum und Ort demnächst auf www.schlafkonzerte.de.

Von Sabrina Lieb

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