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Leipziger Start-Up entwickelt Geschichten zum Miterleben

Suddenlife Gaming Leipziger Start-Up entwickelt Geschichten zum Miterleben

Einmal Detektiv sein? Oder einem mysteriösen Artefakt nachspüren? In den Erlebnisgeschichten des Leipziger Unternehmens Thadeus Roth wird all das möglich. Seit drei Jahren lässt das Start-Up Spieler selbst Teil der Handlung werden. Und ist damit deutschlandweit erfolgreich.

Dennis Levin und Nicolas Wiethoff (v.l.)

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig.  Klein, rund und ein wenig verrußt ist es, das Objekt, das mir seit ein paar Tagen Kopfzerbrechen bereitet. Ein Verlobungsring, angeblich aus dem frühen 14. Jahrhundert, gefertigt in Norditalien und zuletzt im Besitz einer Dame aus Hülseburg in Mecklenburg-Vorpommern. Ein Ring, dessen mysteriöse Geschichte ich ergründen will.

Angefangen hat alles mit einer E-Mail. Ein Schweizer Auktionshaus teilte mir mit, dass ein unbekannter Bieter den Ring für mich ersteigert hätte - und tatsächlich fand sich wenige Tage später eine geheimnisvolle Sendung in meinem Briefkasten. Dabei hatte ich zuvor weder von dem Auktionshaus gehört, noch nach Verlobungsringen gesucht. Was war passiert?

Mysteriöse Schnitzeljagd

Der Ring, das Schreiben und die E-Mail sind Teil eines Spiels, das sich die Leipziger Start-Up-Firma Thadeus Roth ausgedacht hat. ‚Suddenlife Gaming’ heißt das Konzept hinter der mysteriösen Schnitzeljagd. Je nach Spielvariante dauert das Erlebnis etwa drei bis fünf Wochen.

Bereits seit den 90er-Jahren, im Zuge der großflächigen Verbreitung des Internets, gibt es diese Form der interaktiven Spiele. „Damals hat sich das ganze noch primär an die Netzgemeinschaft gerichtet, die direkte Ansprache per Post oder Anruf stand noch nicht so im Vordergrund“, erklärt Dennis Levin, einer der Geschäftsführer von Thadeus Roth.

In erster Linie handelte es sich damals um Community-Geschichten, die etwa um beliebte Fernsehserien herum gestrickt wurden, so Levin. „Unser Ansatz ist deutlich individueller. Wir brechen die Geschichte auf jeden Einzelnen herunter. Die Unmittelbarkeit und das Plötzliche der Erfahrung ist dabei der Kern der Sache.“

Und diese Unmittelbarkeit bekomme ich am eigenen Leib zu spüren. Nach der ersten Mail beginne ich, im Internet nach den Hintermännern des mysteriösen Schreibens zu suchen. Schnell werde ich fündig: Auf der Webseite des Auktionshauses erfahre ich, dass man sich auf das Versteigern von Objekten mit ganz eigenen Geschichten - mit Seele, so heißt es - spezialisiert hat.

Noch verworrener wird es, als ich kurz darauf einen mysteriösen Anruf erhalte. Eine Frauenstimme warnt mich: Ihr Fluch sei nun auch mein Fluch. Im Hintergrund sind Männerstimmen zu hören, die monoton einen Satz auf Italienisch wiederholen. Eine weitere Mail, diesmal mit einem mysteriösen Zahlencode, sorgt für zusätzliche Verwirrung. Trotzdem, meine Neugier auf die Schnitzeljagd ist geweckt.

Vom Geburtstagsgeschenk zum Unternehmen

Auf eine Schnitzeljagd geht auch die Gründung der Firma zurück - eine deutlich ausgefallenere als üblich. „Ein guter Freund wurde 30 und wir wollten uns etwas Besonderes einfallen lassen“, berichtet Dennis Levin. Mit seinem Co-Geschäftsführer Nicolas Wiethoff entwickelte er daraufhin eine Geschichte rund um eine Erbschaft und schickte den Freund auf eine vierwöchige Hatz nach Hinweisen quer durch Leipzig. Alles endete schließlich in einer großen Überraschungsparty. Und der Erfolg der Aktion war durchschlagend.

„In den folgenden Monaten kamen immer wieder Leute auf uns zu und fragten, ob wir das Ganze noch mal machen könnten“, erinnert sich Dennis Levin. „Wir haben beide vorher viel fürs Theater gemacht und haben auch heute noch große Lust am Fabulieren“, beschreibt er die Motivation hinter dem Projekt. Vor drei Jahren war es dann soweit und die beiden Gründer entschieden sich „das Ganze vom Kopf auf die Beine zu stellen“. Thadeus Roth war geboren.

Der Kern des Geschäftsmodells sind Geschichten wie die, in der ich gerade stecke. Zwischen vier und sechs Monaten dauert es, bis aus einer ersten Idee das fertige Produkt entsteht. Dazwischen sind zahlreiche kreative Köpfe, Schauspieler und Programmierer mit der künftigen Präsentation der Geschichten beschäftigt. „Da steckt sehr viel Detailarbeit drin. Wir versuchen auch, möglichst alle Eventualitäten abzudecken“, erklärt Levin.

Denn nicht jeder Spieler spielt die Geschichten gleich. „Manche wollen einfach nur die Story erleben, andere stecken unfassbar viel Zeit hinein, recherchieren nach - und bauen sich so auch stückweise ihre eigenen Geschichte zusammen“, berichtet Levin begeistert.

Das kann ich auch an mir selbst beobachten. Ich will es einfach wissen: Was hat es mit den seltsamen Zahlen aus der Mail auf sich? Warum sind manche Buchstaben in den Texten der Webseite des Auktionshauses kursiv? Was genau bedeuten die italienischen Sätzen? Ich höre mir die Aufnahmen wieder und wieder an, versuche, aus Anagrammen sinnvolle Wörter zu bilden, durchforste die Webseite akribisch nach Hinweisen. Kurzum: Ich bin gepackt.

Ein Anruf von Assange

Aber nicht nur Einzelkunden begeistern sich für die Geschichten von Thadeus Roth. Auch deutschlandweit sind die Leipziger präsent - und das im deutlich größeren Rahmen als es die Erlebnisgeschichten für Privatpersonen vermuten lassen.

„Ein absolutes Highlight für uns war sicherlich das Projekt ‚Supernerds’“, berichtet Dennis Levin. Im Rahmen eines crossmedialen Themenabends arbeitete der WDR zusammen mit dem Schauspiel Köln das Thema ‚Überwachung’ auf. Neben Interviews mit Juristen, Whistleblowern und Aktivisten war parallel die Live-Premiere eines Theaterstücks zum gleichen Thema zu sehen. Für das Geschehen im Hintergrund war Thadeus Roth zuständig.

„Wir wollten mit unserem Beitrag dieses doch sehr komplexe Thema für die Zuschauer fühlbar und erfahrbar machen“, erklärt Levin. „Beispielsweise hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, sich über eine Abhörhotline aufgezeichnete Gespräche anzuhören und wurden daraufhin selbst zum Ziel von Überwachung. Im Rahmen des Theaterstückes erschien außerdem eine Projektion von Julian Assange auf der Bühne. Er griff zum Hörer, bei den Teilnehmern klingelte das Telefon - und der WikiLeaks-Gründer war am Apparat“, erinnert er sich.

Intensiver Spionagethriller

Die vielen Eindrücke, die Thadeus Roth bei dieser Aktion gesammelt hat, fließen auch in das neueste Projekt der Firma ein. Der interaktive Spionagethriller Argos soll das Gefühl der Überwachung noch intensiver machen. „Natürlich spielen wir dabei auch ein wenig mit den Ängsten der Spieler“, gibt Dennis Levin augenzwinkernd zu. „Wirklich verschrecken wollen wir aber niemanden.“

Vielmehr soll die Erfahrung durch die zunehmend engere Verzahnung der verschiedenen Medien noch direkter werden. „Wir setzen bei Argos einen größeren Fokus auf das Gefühl von Live-Situationen.“ Ab dem 24. Dezember können sich die Spieler selbst von der Qualität des Suddenlife-Thrillers überzeugen. Dann ist Argos über die Webseite von Thadeus Roth freigeschaltet.

Und meine eigene Geschichte? Nun, ich weiß mittlerweile, dass es sich bei den italienischen Sätzen um Auszüge aus der „Göttlichen Komödie“ von Dante Alighieri handelt. Und auch die Anagramme habe ich entschlüsselt. Welche Rolle die mysteriösen Zahlen spielen, darauf kann ich mir allerdings noch keinen Reim bilden. Macht aber nichts, denn: Der nächste Anruf kommt bestimmt. Ich bin schon gespannt.

Von Bastian Fischer

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