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Leipzigerin Laura Hempel feiert Debüt-Album und eine Befreiung

Donnerstag im Theater der Jungen Welt Leipzigerin Laura Hempel feiert Debüt-Album und eine Befreiung

Vor zwölf Jahren zog die Leipzigerin Laura Hempel aus, um die Welt zu erkunden. Nach Umwegen, Irrwegen und Entdeckungen kehrte sie in ihre Geburtsstadt zurück – und hat hier ein bemerkenswertes Debüt-Album geschaffen. Am Donnerstag steigt das Release-Konzert im Theater der Jungen Welt.

Etwas Elbenhaftes: So inszeniert sich Laura Hempel für die Album-Promotion.

Quelle: Nils Bröer

Leipzig. Alabaster, denkt man. Dieses Gesicht besteht aus Alabaster. Laura Hempel hat etwas Durchscheinendes wie jenes Gestein, das Bildhauer bevorzugen. Eine erhabene Art von Blässe als erster Hinweis auf das Undurchschnittliche. Beim Erzählen flattern ihre Hände wie aufgestobene Vögel. Und zu erzählen hat sie eine Menge – von Wagnissen, Umwegen, Irrwegen, Rückwegen und Entdeckungen seit ihrem Weggang aus Leipzig. Hier machte sie 2003 als Schülerin durch ihren Part als Sängerin und Schauspielerin im Theatrium-Stück „Rattenfänger“ auf sich aufmerksam, hier legte sie 2004 das Abitur ab. Das Mädchen mit den Rastalocken von damals trägt heute glattes, blondes Haar, die markanten Gesichtszüge sind geblieben. Im Gespräch sortiert die junge Frau ihre Erfahrungen – und berichtet vom ersten eigenen Album, das sie am Donnerstagabend im Theater der Jungen Welt vorstellen wird.

Schon im Titel des Debüts „Weiter“ wohnt das, was das Leben Laura Hempels ausmacht; ihre typische Ungeduld auf die nächste Station wie auch die Einschätzung, auf dem Weg zu sich deutlich weiter zu sein als noch vor einem Jahr. 2004 nimmt eine lange Reise ihren Anfang: Die heute 31-Jährige verlässt ihre Geburtsstadt Leipzig. In Hildesheim studiert sie Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis, dann zieht sie nach Berlin. „Allein wäre ich viel zu ängstlich gewesen vor der großen Stadt, aber der Liebe wegen ging es“, sagt sie rückblickend. Studium der Ethnologie, Zweifel bleiben ihr treu, Wechsel zur Politikwissenschaft. Auch nach dem Abschluss besteht Unsicherheit über die Richtigkeit dieses Weges, dessen Navigation eher dem Kopf als dem Bauch entsprungen ist. „Ich habe etwas gesucht, das mich komplett macht.“ Laura lernt eine junge Frau kennen, die Musical studiert. Fechten, Tanzen, Singen, Schauspielern, Sprecherziehung – das zieht sie an, und sie bewirbt sich.

Bei den ersten Anläufen scheitert Hempel knapp, in Wien hat sie Erfolg, wird 2008 an der Schule angenommen. Weil sie Außenseiterin bleibt und sich nicht angekommen fühlt, spricht sie nach zwei Jahren am Royal Conservatoire Glasgow vor, einer weltweit angesehenen Hochschule des Genres. Zum Ur-Erlebnis wird die Aufgabe, Bezüge zum eigenen Leben in eine 30-minütige One-Woman-Show zu packen. Das Ergebnis heißt „Wallflower Cabaret“ und handelt von einem wohl behüteten, ängstlichen Mädchen aus Ostdeutschland, das in die große Stadt geht und das flirrende Leben kennenlernt. Ihr Stück wird 2011 gefeiert und zeigt seiner Erschafferin, dass sie besonders gut ist, wenn sie das Ich in die Kunst einarbeitet. Veranstalter buchen sie für Shows in Schottland, sie steht kurz vor dem Absprung nach New York oder London – dann legt eine Krankheit sie schubweise lahm. Schlaflosigkeit, Schmerzen und Mattigkeit quälen sie; im Herbst 2011 sieht Hempel sich gezwungen, in die Heimat zurückzukehren, um Ruhe zu finden.

Zurück auf Los. Eigentlich ist Leipzig zunächst das Gegenstück zu allem, was sie sich vorgenommen hat. Immerhin suchen mehrere Cover-Bands eine Frontfrau – bis Laura sich meldet. Gelegentlich singt sie beispielsweise für die Band Max Express im Chocolate. Allmählich groovt Hempel sich mit ihrer Stadt ein, fasst Fuß in anderen Projekten. Für einen Werbespot des Fahrzeug- und Maschinenbaukonzerns MAN mit Olli Kahn liefert sie den musikalischen Hintergrund. Viele eigene Songs sind da längst geschrieben, doch die Umsetzung auf Platte verwirft Hempel mehrfach. Noch sucht sie die richtige Sprache, die richtigen Mitmacher – und nicht zuletzt die Ursache für ihre Krankheitssymptome.

Die Lösungen liegen zeitlich dicht beieinander: Eine Nahrungsmittel-Intoleranz wird vor rund einem Jahr diagnostiziert, die Ernährung umgestellt – seitdem ist das Selbstmitleid weg, die Energie zurück und mit ihr die Frische für das Projekt namens L’Aura. In Tobias Fiedler, Gitarrist bei der Band Jam Tonic, findet Hempel den perfekten Produzenten. „Er hat meine Musik tanzbar gemacht“, schwärmt sie und fügt an: „Die Rakete ist gezündet.“ Den Treibstoff zieht sie aus der Gesundung und dem Gefühl, endlich einschränkungslos und überzeugt das Richtige zu tun. Laura Hempel saugt das Leben auf und pumpt Kunst zurück. Auf „Weiter“ reflektiert sie die Genese einer Befreiung, verarbeitet bilderreich Emotionen aus jeglicher Richtung und lässt elektronisch aufgeladene, oft melancholisch dunkel schillernde Pop-Perlen rollen. „Trip-Pop“ nennt sie es selbst. Sehr hörenswert.

Die vergangenen Wochen gehörten der Werbung fürs Album und den Vorbereitungen zur Release-Party im Theater der Jungen Welt, das sie seit ihrer Kindheit innig liebt. Ein Videodreh ist absolviert, Design, Kostüm und Selbstinszenierung stehen: Auf Fotos verströmt Hempels Blick etwas Mysteriöses und Unirdisches, mit streng geflochtenem Haar und geweißeltem Gesicht wirkt sie elbenhaft und androgyn. Ein Alter Ego, das Hempels Faible für Überhöhungen entspricht, für Exaltiertes und Düsteres

Zur Album-Präsentation, die mit dem Spielzeitende am Theater zusammenfällt, wird sie nicht nur singen, sondern auch an einem Vertikaltuch für Akrobatik sorgen. In diesen Abend scheint die vor Lebendigkeit sprühende Künstlerin alles hineinzupacken, was sie sich in den letzten Jahren ausgedacht und aufgespart hat. Eine Mischung aus Musik und Emotion verspricht sie.

Ausgerechnet durch die Rückkehr in die Stadt, die sie nicht mehr auf der Karte hatte, ist Laura Hempel ein Stück weit bei sich angekommen. Der Weg wird sie weiterführen. „Weiter“ eben. Vermutlich an einem Tag, an dem sie sich die Frage aus ihrem Song „Heldin“ stellen wird: „Hast du alles gewagt, was zu wagen ist?“

L’Aura: Record-Release-Konzert zum Debüt-Album „Weiter“ am Donnerstag, 20 Uhr, im Theater der Jungen Welt. Karten im Vorverkauf für 12/6 Euro unter der Telefonnummer 0341 4866016, an der Abendkasse für 15/ 8 Euro.

Von Mark Daniel

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