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Leipzigs Großer Preis 2016: Gala zu Ehren der Gewinner im Werk 2 fehlt das Publikum

Bandwettbewerb Leipzigs Großer Preis 2016: Gala zu Ehren der Gewinner im Werk 2 fehlt das Publikum

Im 25. Jahr haben die Leipziger am Freitag in Halle D des Werk 2 ihre Bands des Jahres geehrt: Shed Ballet, White Wine, Baru und Publikumssieger Lizzy McPretty im Swingerclub. Eine hochkarätige Gala, der nur eines fehlte: Zuschauer.

Großer Preis 2016: Shed Ballet.

Quelle: Andre Kempner

Leipzig. Stell dir vor, es gibt eine Gala – und keiner geht hin. Genau das ist am Freitagabend passiert, als Moritzbastei und Werk 2 die Bands des Jahres vorgestellt haben. Eine 150-köpfige Jury aus mehr oder minder professionellen Musik-Verbundenen hat sie zuvor bestimmt – und damit gleich drei gute Entscheidungen getroffen: So ist das musikalische Programm durchgehend auf hohem Niveau. Trotzdem ist die Halle D des Werk 2 fast leer, als Special Guest June Cocó den Opener spielt.

Gerade einmal 60 (später immerhin rund 100) Menschen sind versammelt, verteilt auf viel zu viel Raum. June Cocó schert das recht wenig: Mit bebenden Bässen und mysteriösem Rauschen beginnt ihr fulminantes Intro, das immer mehr an Fahrt gewinnt, ehe es sich in einen Geräusch-und-Gesangs-Tsunami wandelt. 20 Minuten hat sie, in denen sie sich – mal unantastbare Diva, mal aufgekratztes ADHS-Girl – in gülden glitzerndem Höschen durch Genre, Oktaven und reichlich hallende Töne singt, meistens jazzig, aber eben nicht immer. Sie animiert zum Mitsingen, keiner folgt – egal, sie flirtet trotzdem dauergrinsend mit den spärlich bestückten Zuschauerreihen und spielt eine Show wie vor Hunderten.

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Im 25. Jahr haben die Leipziger am Freitag in Halle D des Werk 2 ihre Bands des Jahres geehrt: Shed Ballet, White Wine, Baru und Publikumssieger Lizzy McPretty im Swingerclub.

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June Cocó weiß zu unterhalten, egal ob vor 60 oder 500 Mann. Ein clever komponiertes Lichtspektakel ist perfekt auf sie abgestimmt – und obwohl ihre Aufforderungen zu tanzen und zu singen verhallen, nimmt sie ihr Publikum an die Hand und macht ihm Lust auf mehr. So sehr sogar, dass ihre seltsamen Moderationen und Interviewantworten kaum noch stören. June Cocó bemerkt, dass es ja schön ist hier, im Werk 2, zu sein. Und nicht da, wo man eine Bombe auf den Kopf kriegt. Also im Krieg, denn Krieg ist nicht schön. Auf den Weltfrieden! Warum sie eigentlich hier wohnt, also in Leipzig? Eigentlich wollte sie ja nach Berlin, aber … äh … äh … Leipzig fetzt doch auch. Oder?

Dass es das tut, das stellen – weniger faselnd – Lizzy McPretty im Swingerclub, die Gewinner des Publikumspreises, unter Beweis. Die sind eine fleischgewordene Ton-Bild-Schere. Zuerst zum Ton: Sängerin Ulrike Lichtenberg gelingen die rauesten, tiefsten, vollsten Töne, während Christian Bauer geschmeidige Beats zusammenzimmert und Mark Hempels Finger über die Saiten seiner E-Gitarre gleiten wie Balletttänzerinnen über die Bühnenbretter. Eigen, grell und markant klingt das. Der Gesang kommt gerne mit leichtem Vibrato. Die minimalmusikalische Countrymucke ist eingängig und wummert nur allzu schnell Ohrwürmer ins Großhirn.

Dazu unpassend das gebotene Bild: Drei Musiker, die rumstehen und zwischendurch/dabei ein bisschen Instrumente spielen/singen. Nichts zu sehen von der Kraft ihrer eigenen Lieder. Lizzy McPrettys Klang besticht, aber es ist fast unvorstellbar, dass drei derart entspannt Dastehende einen solchen überhaupt erzeugen können. Was ihnen fehlt, ist eine Bühnenshow.

Musik, die süchtig machen kann

Auch White Wine kann eine solche nicht bieten. Hauptsächlich, weil die Jurypreis-Gewinner-Band nur zu einem Drittel anwesend ist. So muss ein Gaga- (oder schon Dada?-) Musikvideo den Liveauftritt ersetzen. Im Anschluss beantwortet das Band-Drittel Fritz Brückner ein paar Fragen belangloser Natur, dazu eine Ballaballa-Videonachricht von Sänger Joe Haege.

Weiter zu Shed Ballet, dem zweiten Jury-Gewinner. Drei Frauen, die an E-Orgel, E-Gitarre und Schlagzeug eine Mischung aus Rock, gediegenem, handgemachten Elektro und den Wumms-Musiken der 80er Jahre präsentieren. Das klingt fremd, düster, tanzbar – vor allem aber nach jeder Menge Drogen. Die Bandbilder der drei sehen aus, als seien diese tatsächlich des Öfteren im Spiel. Auf der Bühne indes präsentiert sich die in Business-Garderobe gekleidete Band bodenständig und höchstens berauscht von der eigenen Musik. Dass diese süchtig machen kann, steht außer Frage, wenn sie auch zu grell ist, um mal eben nebenher gehört werden zu können.

Ganz anders der dritte Gewinner, das Indie-Electro-Pop-Quartett Baru. Es spielt sich stilistisch quer durch die letzten Jahrzehnte. Ihr Sound ist massentauglicher als der ihrer Vorgänger, ist poppig, fast wie der einer Partyband, aber so angereichert mit experimentellen, teils psychedelischen Tönen, dass er nichtsdestotrotz besonders klingt.

Was läuft falsch?

Fragt sich: Was machen die Veranstalter falsch, dass nur so wenige Gäste kommen? Die Musik kann es nicht gewesen sein, die ist durchgängig auf hohem Niveau. Auch die Moderation kann sich sehen lassen. Der musizierende Comedian Christian Meyer und MDR-Moderator Hendryk Proske führen professionell durch das Programm – und beweisen Feingefühl: Ihr Anfang, überdreht und überalbert, findet im Publikum keinen Nährboden, also wechseln die beiden kurzerhand zu einem ruhigeren, weniger aufgeregten Stil. Nur das Verlesen von Internet-Presse und Wikipedia als Laudatio ist einer Preisverleihung unwürdig.

Auch mit Julius Fischer als Gast zur Pausen-Überbrückung machen die Veranstalter alles richtig. Der Dichter, Comedian und Musiker präsentiert einen clever komponierten Popmusik-Verriss. Wider die Songs mit gut gelaunten Jugendlichen auf Dächern über Städten – Teens, die keine Probleme kennen und kein Morgen kennen wollen. Um solche Lieder zu parodieren, schrieb Fischer seinen eigenen Sommer-Feelgood-Song, „Wir! Hoch! Zusammen!“, der alles enthält, was ein Popsong so enthalten muss, gespickt mit feinen Nuancen inneren Widerspruchs: „So wie es ist, / ist es so, wie es bleibt. / Ja, so wie es war, / wird es nie wieder sein.“

Eine – warum auch immer eingebundene – Vorstellung des Projekts „Wir sind Grünau“ und ein Interview mit dessen Leiter, Oliver Kobe, ist zwar unpassend, allerdings so temporeich präsentiert, dass sie nicht weiter stört. Kein Grund also, Moritzbastei und Werk 2 einen Vorwurf zu machen. Höchstens dafür, nicht genügend Publikum zusammenbekommen zu haben. Bleibt nur zu hoffen, dass sich Geldgeber und Organisatoren von diesem zweiten Tiefschlag nach 2014 nicht unterkriegen lassen. Nicht nur, weil damit eine seit 1991 aufrecht erhaltene Tradition verloren ginge, sondern auch, weil damit eine Gala von hohem Niveau ausstürbe.

Von Julius Heinrichs

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