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Leipzigs Museen platzen aus allen Nähten

Neue Depots benötigt Leipzigs Museen platzen aus allen Nähten

In Leipzigs Museen wird es eng, die Depots sind voll. „Wir platzen aus allen Nähten“, sagt Jan Nicolaisen, Leiter der Abteilung Gemälde/Plastik im Museum der bildenden Künste. Im Stadtgeschichtlichen Museum mussten bereits Schenkungen abgelehnt werden. Auch im Grassimuseum für Angewandte Kunst sind die Grenzen bald erreicht. Dringend benötigt werden neue Depots.

Die Sammlungen in Leipzigs Museen – wie hier im Grassi – wachsen wir lange nicht.
 

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Leipzig und die Kunst, das ist eine von den Geschichten, die nun schon seit Jahren gerne erzählt werden. Nach wie vor schaut die Welt auf eine Galerien-Szene, die nicht nur in der Spinnerei blüht. Das Marketing übernehmen immer mal wieder die „New York Times“ oder der „Guardian“. Und die Stadt hat ihre Sammlungen nach Jahrzehnten der Übergangslösungen endlich in neuen oder sanierten Museen untergebracht. Also alles in Butter? Eher nicht. In den Museen wird es eng, die Depots sind voll. „Wir platzen aus allen Nähten“, sagt Jan Nicolaisen, Leiter der Abteilung Gemälde/Plastik im Museum der bildenden Künste.

Rund 1000 Quadratmeter Depotfläche gibt es dort. „Wir haben das schon sehr ökonomisch genutzt, sehr verdichtet.“ Aber insbesondere die zeitgenössische Kunst brauche durch ihre oft großen Formate sehr viel Platz, mache sich in allen anderen Bereichen des Magazins breit. Raum benötigen auch Kisten, Kataloge sowie Sockel und anderes für Ausstellungen benötigtes Material. „Es muss Platz für Schenkungen freigehalten werden, wir sind mit verschiedenen Künstlern im Kontakt für die Überlassung von Nachlässen“, so Nicolaisen. „Wir haben keine Luft mehr, hoffen sehr auf eine Lösung.“

Schenkungen im Stadtgeschichtlichen Museum abgelehnt

Fast schon dramatisch ist die Situation im Stadtgeschichtlichen Museum: „Wir sind am Rand angekommen, mussten bereits einige Schenkungen ablehnen, weil wir die damit verbundenen konservatorischen Pflichten nicht mehr sicherstellen können“, berichtet Direktor Volker Rodekamp. Erhebliche Probleme gibt es zudem bei einigen Außendepots. Rodekamp: „Am problematischsten erscheint mir die Situation beim Sportmuseum. Aufgrund der klimatischen Situation in den Kellerräumen des ehemaligen Olympiastützpunkts haben wir große Sorge, dass mit den Objekten etwas passiert. Papier sollte wie Textilien trocken gelagert werden und schon gar nicht schwankenden Klimabedingungen ausgesetzt sein. Das können wir nicht sicherstellen. Und das ist für mich schmerzlich, dass wir da bis jetzt nicht weitergekommen sind.“

Die Kapazitätsgrenzen sind auch im Grassimuseum für Angewandte Kunst erreicht. „Wenn es so weitergeht, können wir in einigen Jahren größere Möbelsammlungen nicht mehr annehmen“, erläutert Museumsdirektor Olaf Thormann. Der Hintergrund des Problems ist eine für die Stadt eigentlich sehr angenehme Entwicklung: Die Sammlungen wachsen wie schon lange nicht mehr. So verzeichnete das Grassimuseum im vergangenen Jahr einen Schenkungsrekord. Insgesamt 1581 Objekteinheiten (die Zahl der Einzelobjekte ist erheblich höher) kamen hinzu, so viele wie noch nie nach der Wiedereröffnung des Museums Ende 2007. Der Bilanzwert dieser Stücke liegt bei rund zwei Millionen Euro.

„Ein Museum, das nicht mehr atmet, ist tot.“

Die Depots im Grassimuseum verfügen über eine Gesamtfläche von rund 3000 Quadratmetern, in einem Außendepot im Leipziger Nordwesten stehen weitere 700 Quadratmeter zur Verfügung. Angesichts der Größe vieler hinzugekommener Objekte ist das kaum noch ausreichend. „Die Zuwächse brauchen Luft. Wir sind in einem permanenten Umräumprozess, nutzen etwa das Dachgeschoss, das nicht per Aufzug zu erreichen ist. Das ist nicht effizient“, erklärt Thormann. „Ein Museum, das nicht mehr wächst, nicht mehr atmet, ist tot.“

Auch das Bildermuseum meldete zuletzt rekordverdächtige Zuwächse. 2014 erhielt das Haus Schenkungen im Wert von gut 3,4 Millionen Euro. „Eine Summe die man allein mit dem Ankaufsetat von 70 000 Euro erst in 50 Jahren zusammenhätte“, rechnete Museumsdirektor Hans-Werner Schmidt vor. Im Stadtgeschichtlichen Museum sind in den letzten fünf Jahren jeweils 90 bis 110 Konvolute mit 1200 bis 2800 Einzelobjekten hinzugekommen. Insgesamt verfügt das Haus über rund 3200 Quadratmeter Depotfläche. Benötigt würden allerdings 4400 Quadratmeter, teilt das Museum mit. Pro Jahr werden allein 30 Quadratmeter für die neuen Stücke gebraucht.

„Es gab kaum eine Zeit, in der die Museen so große Chancen hatten, ihre Sammlungen zu erweitern“, erklärt Olaf Thormann. „Wir haben im Moment in Deutschland eine Situation, in der extrem viel Sammlungsgut in Privathand ist. Und oft wollen das die Erben nicht übernehmen.“ Die Museen könnten von diesem Sammler-Generationswechsel profitieren, gerade vor dem Hintergrund fehlender eigener Ankaufsetats. Und natürlich, so Thormann, wollten Sammler ihre Kollektionen möglichst im Ganzen abgeben. „Das heißt, es kommen dann 10 bis 80 Stücke auf einmal ins Museum. Natürlich nehmen wir nicht alles, sind nicht Abladehafen. Aber es gibt jetzt nun mal die Möglichkeit großer Zuwächse, eine Chance, die genutzt werden muss.“

Neue Depots: Mehrere Immobilien im Blick

Thormann plädiert daher wie seine Kollegen für eine Lösung, die mehrere Jahrzehnte funktioniert. Nach dem Bau eines von den Museumsdirektoren favorisierten Zentraldepots sieht es derzeit allerdings nicht aus. Depots seien ein wichtiges Thema, mit dem man sich bereits seit Jahren beschäftige, sagt Kulturbürgermeister Michael Faber, der allerdings noch nicht von einem Notstand sprechen will. Zwei Liegenschaften habe man für Depots im Auge, zum einen den Sowjetischen Pavillon auf der Alten Messe, in den das Stadtarchiv ziehen soll. Dieser habe erheblich mehr Fläche, als das Stadtarchiv brauche. „Dort haben wir deshalb unseren Bedarf angemeldet, auch wenn hier in der ersten Phase keine Klimatisierung hergestellt werden kann.“ Die zweite Möglichkeit: „In Halle 7 der Baumwollspinnerei, in die das Naturkundemuseum einziehen soll, gibt es 1800 Quadratmeter Fläche im Tiefparterre, die wir erstmal nicht belegen, sagt Faber, über dessen Nachfolger möglicherweise am 18. Mai im Stadtrat entschieden wird.

„Es wäre eine Zwischenlösung, die ich sehr begrüßen würde, aber keine dauerhafte“, sagt dazu Volker Rodekamp. „Wir denken, dass es möglich ist, auch in haushalterisch schwierigen Situationen, für die Sammlungen einer Stadt eine Lösung zu finden, die vielleicht 20, 30 Jahre in die Zukunft trägt.“ Denkbar seien für ihn auch Public-Private-Partnership-Modelle, „bei denen die Stadt ein intelligent gebautes Zentraldepot für seine Museen dauerhaft zurückmieten“ könne.

„Für einen neuen Kulturbürgermeister wäre das eine ganz wichtige Aufgabe“, betont Rodekamp. „Eine, die lösbar ist.“

Von Jürgen Kleindienst

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