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Leise geht gar nicht! 70.000 feiern, singen, tanzen in Leipzig zu den Toten Hosen

140 Minuten lang Leise geht gar nicht! 70.000 feiern, singen, tanzen in Leipzig zu den Toten Hosen

Am Anfang war der Lärm: Die Kultband "Die Toten Hosen" hat am Sonnabend 70.000 Fans zu einer Krach-Party geladen. Auf der Leipziger Festwiese gaben die Düsseldorfer jede Menge Klassiker zum Besten und begeisterten so das Publikum.

Campino und Co. begeisterten am Samstag 70.000 Fans in Leipzig.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Der Himmel ist fahl. Ein halber, bleicher Mond hängt hell über dem hinteren Boxenturm. Dort, wo die Toilettenhäuschen in endloser Gasse endlos in Betrieb sind. Es ist Hosen-Tag – und open air. Da wird aus Plastebechern, nur echt mit den Hosen-Zeichen, gebechert. Das treibt. Das gehört dazu, wenn die Düsseldorfer zur Krach-Party laden. An allem Anfang war schließlich der Lärm – und davor wurde die Stromschrammel erschaffen. Die will bearbeitet werden. Die wurde am Samstag bearbeitet. 140 Minuten lang, nach drei Stunden Vorglühen und Vorheizen. Also zu jenem Zeitpunkt, da die 70.000 Fans auf der proppenvollen, knallbunten Festwiese nach Schmutzki, Bad Religion und Kraftklub auf Temperatur waren.

Zehn Minuten nach halb neun klettern endlich zwei Hosen-Piraten-Fahnen an der unendlich breiten Breitwandbühne hoch. Das Intro dröhnt, über die Videowände jagt eine Italo-Spaghetti-Western-Opera. Mainstreet und Wasserrad, Kirche und Kaktus, Reiter und glutrote Sonne. Es nebelt. Sie kommen. „Bonnie & Clyde“, der treibende, ruppige Klassiker vom großen Ausstieg. Breiti wirbelt mit Gitarre, vorn im Fanblock brennt das erste rote Feuer. „Liebeslied“, das Bühnenlicht blinkt rot-blau, Campino heizt den Chor der 70.000 an.

Die Tote Hosen haben auf der Leipziger Festwiese 70.000 Fans begeistert. Trotz Millionen verkaufter Platten: Die Alt-Punker fanden am Samstagabend auch deutliche Worte zur Lage in Sachsen. (Bilder: André Kempner)

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Ein Gesang wie in der Red-Bull-Kurve. Hosen-Fans sind textsicher. Hosen-Fans kommen sowieso zum Singen. Ohne jede Aufforderung. Da schwingt ein Meer von Armen. Da weht ein Wald von Fahnen. Da wird gesprungen und auf breiten Schultern gehockt, gewippt und gewunken. Campino treibt. „Auswärtsspiel“: Kuddel spielt linkshändig schnelle, harte Riffs – und bricht plötzlich ab. Die Bühne ist dunkel. Dann kracht es weiter.

Die Zeiten, als Campino durchs Lichtgestänge kletterte und der Hallenboden in Bierlachen schwamm, es also mörderisch stank, wie Anfang der 90er auf der Alten Messe, sind vorüber. Auch die Jahre, als von der Bühne nur ein scheppernder, klirrender, lauter Brei kam. Am Sonnabend auf der Festwiese war der Sound astrein. Kein Rätselraten, was da eigentlich gerade gespielt wird, sondern jedes Wort, jede Zeile verständlich. Musste es auch sein, Campino hatte schließlich nicht nur Party, sondern auch Botschaft im Sinn: für die Aufnahme von Flüchtlingen. Dann kam „Europa“, der Song über jene, für die das Mittelmeer der Fluchtweg in den Tod ist. Im zweiten der Zugabe-Blöcke: das zornige „Willkommen in Deutschland“, entstanden in den frühen 90ern und immer noch aktuell. „Nazis raus“ rufen Tausende.

Zwei Songs, die in der Abend-Dramaturgie lagen: jede Menge Klassiker, ganz wenig Neueres („Ballast der Republik“ hat ja auch schon wieder drei Jahre auf der CD). Bei „Fliegen“ zieht Campino das T-Shirt aus, zu „Hier kommt Alex“ hat er den Oberkörper befreit – und springt in den Fanblock ganz vorn. Als eine Gruppe (60, 70 Leute) auf dem grasigen Boden liegen bleibt, stoppt er, bis alle sich erhoben haben – und macht dann erst weiter.

Fanumfrage Toten Hosen

70.000 Menschen schauten sich am SAmstag auf der Leipziger Festwiese die Toten Hosen, Bad Religion und Kraftklub an. (Bilder: Dirk Knofe)

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Als es bei „Schön sein“ jemandem nicht gut geht vor der kleinen Bühne inmitten den Fans, bricht Campino ab und wartet, bis Versorgung naht. Es geht also familiär zu – und mit Seele. Alle sollen sich erst mal setzen bei „Steh auf, wenn du am Boden bist“ und zur Erweckungszeile hoch kommen. Ermunterung für Wolfgang „Wölli“ Rohde, den 65-jährigen Ex-Drummer, der an Krebs leidet – und plötzlich auf der Bühne steht. „Ich werde es schaffen“, sagt er. Ein Durchatmer. Die gibt es selten.

Basser Andi dreht sich auch schon mal als Gitarrero Derwisch (und springt zu „Schönen Gruß, auf Wiedersehen“ in die Fans), Breiti marschiert gern an die Bühnenränder, Kuddel bleibt lieber hinterm Mikro. Erst am Ende wird er mobil. Da hat sich der dichte Nebel, der „Pushed Again“ einhüllte, auch wieder verzogen. „Nur zu Besuch“ – und erstmals steht ein Streichquartett auf der Bühne.

„Alles wird vorübergeh’n“ – und die Festwiese wird zum Feuerzeugmeer. „Tage wie diese“ – und Batterien von Leuchtstäben wippen. Bis Kanonen Schlangen und bunte Metallplättchen in den Nachthimmel schießen. Nun geht es auf elf Uhr zu. Campino, dessen Stimme nach dem Ausfall vor zwei Tagen etwas rauchig klingt, hat das Trikot von Argentiniens Nationalelf gegen ein schwarzes Hemd getauscht. Erst „Freunde“, dann „You’ll Never Walk Alone“. Finale. Die Bühne glüht rot. Der Mond steckt hinter diesigen Wolken.

Und nach dem Konzert ist vor dem Konzert: Die Toten Hosen legen am Montag überraschend einen Extra-Auftritt in Leipzig hin: ab 20 Uhr im Conne Island.

Die gesamte Rezension lesen Sie in der LVZ-Printausgabe vom Montag.

Leipzig, Festwiese 51.343116 12.349988
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