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Licht aus: Ein Nachruf auf die Figur des Intellektuellen

Licht aus: Ein Nachruf auf die Figur des Intellektuellen

Walter Jens ist tot. Intellektuelle gibt es nur noch im Cicero-Ranking. Wo sind sie hin, die Dichter und Denker, die die Französin Germaine de Staël in ihrem vor 200 Jahren erschienenen Werk "Über Deutschland" ausmachte? Sie dichten noch und denken - aber öffentlich wahrgenommen werden sie kaum noch.

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Quelle: Privat

Leipzig. Er ist noch da, der Grass. Mit "letzter Tinte" dichtete er vor gut einem Jahr wider die israelische Atompolitik, nun hat er sich am Mittwochabend bei einer Lesung im Berliner Willy-Brandt-Haus an der Seite von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück die Kanzlerin vorgeknöpft. Angela Merkel, sagte er, habe eine "doppelte, gesamtdeutsche Ausbildung" erfahren: als FDJ-Funktionärin in der DDR-Jugendorganisation und später dann unter dem damaligen Kanzler Helmut Kohl. "In der FDJ-Zeit hat sie Anpassung und Opportunität gelernt, bei Kohl natürlich den Umgang mit Macht."

Leipzig. Walter Jens ist tot. Intellektuelle gibt es nur noch im Cicero-Ranking. Wo sind sie hin, die Dichter und Denker, die die Französin Germaine de Staël in ihrem vor 200 Jahren erschienenen Werk "Über Deutschland" ausmachte? Sie dichten noch und denken - aber öffentlich wahrgenommen werden sie kaum noch.

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Auch das darf gesagt werden müssen - wie aber ebenso gefragt werden kann: Fällt Grass zu Per Steinbrück nichts ein? Und wie fühlt es sich an, zu moralisieren, wenn man die eigene Leiche, die Mitgliedschaft bei der Waffen-SS, selbst erst vor wenigen Jahren aus dem Keller geholt hat?

Das Denken (wohlgemerkt nicht das Abspulen von Phrasen) im öffentlichen Raum, es ist selten geworden. Die Dichter dichten noch, aber sie schweigen zumeist, und wenn sie mal vortreten wie Grass und manchmal noch Martin Walser, werden ihre Aussagen bis zur Unkenntlichkeit zerlegt oder sie sind selbst Teil eines Spiels, das sie kaum noch verstehen. Auch Intellektuelle werden alt.

Der Leipziger Künstler Sandro Porcu hat diesen Schrumpfungsprozess in einer Skulptur ironisiert, die seit Jahren immer wieder ausgestellt wird: In der berühmten Rodinschen Denkerpose hockt eine präparierte Ameise auf einem Stein, zu erkennen nur mit einer Lupe.

Es ist leer geworden im Musenhain. Die Dichter und Denker, die friedliebenden Grübler, die die französische Autorin Germaine de Staël in ihrem vor 200 Jahren erschienenen Werk "De l'Allemagne" - "Über Deutschland" in das Nachbarland hineinsehnte, sie wachsen nicht mehr nach - oder sind nicht mehr wahrzunehmen. Mit Walter Jens ist einer der letzten Universalgelehrten beerdigt worden. Einer der zu hören und zu sehen war. Wo sind seine Nachfolger, wo die neuen Bölls?

Geist braucht Raum und Zeit. Raum, Spielfläche, sich zu entfalten. Zeit, gelesen und verstanden zu werden. Beides ist durchaus vorhanden, allerdings nur in medialen nächtlichen Nischen, auf Bühnen, bei Lesungen und im Privaten. Die großen Debatten bestimmen andere, die Krachschläger und Berufsnarzissten. In die großen Talkshows, in denen die Rollen nach dem Muster des Kasperletheaters vergeben werden, verläuft sich weder ein Christoph Hein noch eine Eva Menasse. Und wenn sie es täten, welches Gewicht hätten ihre Aussagen, wo doch unentwegt und allerorten geredet, geredet und geredet wird?

"Heute ist leider der Typ eines schillernden Medienintellektuellen gefragt, der nicht mehr aufklärt, sondern zur Selbstdarstellung vor allem Themen dramatisieren und inszenieren will", sagt Stephan Moebius, der in Graz als Professor für Soziologische Theorie und Ideengeschichte lehrt. "Die alten Intellektuellentypen haben sich durch Engagement, Kritik und Parteilichkeit für universelle Werte ausgezeichnet. Das trifft auf den Typus des Medienintellektuellen nicht mehr zu."

Dazu passt das nicht als Satire, sondern ernst gemeinte Intellektuellen-Ranking des Magazins Cicero, führt es doch vor, wie der Kleingeist des Rechenschiebers den großen Gedanken frisst. Denn "Wirkmacht und Präsenz der Akteure" will die Redaktion ermitteln, indem sie elektronische Datenbanken "nach Referenzhäufigkeit durchkämmt". Nach den Sauriern Grass, Handke und Walser landet aktuell Alice Schwarzer auf Platz vier. Die höchsten Neueinsteiger in dieser panoptischen Digital-Hierarchie sind die ehemalige EKD-Vorsitzende Margot Käßmann (Platz 26), Charlotte Roche (67) und Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner (86). Wenn das Rudi Dutschke wüsste.

Wir leben in einer Zeit, die auf allen Ebenen nach Idolen wie nach ihrer Dekonstruktion giert. Als Schiller starb, stand die Welt fassungslos und staunend vor einem von vielen Krankheiten geschundenen Körper und fragte sich, wie hier ein solcher Geist, ein solcher Wille walten konnten. Als den an Demenz erkrankten Walter Jens der Verstand verließ, musste er herhalten als Exempel - für die Krankheit, für das Thema Sterbehilfe. Sohn und Frau widmeten ihm Bücher. So sehr man ihn nach seinem Tod am 9. Juni auch als "letzten Universalgelehrten" feierte, im öffentlichen Bewusstsein dürfte mehr die Krankheit als die rhetorische Kraft des Tübingers hängen bleiben.

Mit Intellektuellen lässt sich heute kein Staat mehr machen, es sei denn, sie rühren uns. Was sie uns zu denken geben, ist ökonomisch betrachtet uninteressant. Man hat sie rausoptimiert aus dem Diskurs, der ohnehin nicht mehr stattfindet, sondern durch unzählige mediale Kommunikationssimulationen ersetzt wurde. Ein Peter Sloterdijk, der sich die Sätze noch so lange zusammensucht, bis sie zu einem klugen Gedanken passen, dem man das Denken noch ansieht, ist im Nullmedium Fernsehen kaum vermittelbar. Insofern ist das Ende seines philosophischen wie zuvor das des literarischen Quartetts nur folgerichtig. Die Bewegung geht zu Richard David Precht und einer Sendung, die seinen Nachnamen trägt und zuletzt die hübsche "Piratin" Marina Weisband zu Gast hatte. "Precht ist vom Handwerk her Journalist und als solcher Popularisator von Beruf," sagte Sloterdijk nach der Entscheidung des ZDF nicht ohne Wut. Und: "Seine Klientel gleicht eher der von André Rieu, den hören auch vor allem Damen über 50 in spätidealistischer Stimmung."

Nun ist der nächste Schritt in dieser so unauffälligen wie durchgreifenden geistigen Energiewende in Vorbereitung: Der ORF will beim Wettbewerb zur Vergabe des Bachmannpreises in Klagenfurt ab 2014 den Stecker ziehen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 29.06.2013

Jürgen Kleindienst

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