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Licht und Dunkel: Drei Fotobücher der großen Fotografin Evelyn Richter im Bildermuseum

Licht und Dunkel: Drei Fotobücher der großen Fotografin Evelyn Richter im Bildermuseum

"Evelyn Richter. Das Fotobuch": Die Ausstellung anlässlich der Buchmesse stellt das fotografisch illustrierte Buch anhand dreier Werke der 1930 geborenen Fotografin in den Mittelpunkt: "David Oistrach.

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Spiegelungen: die Fotografin Evelyn Richter im Bildermuseum.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Ein Arbeitsporträt" (1973), "Paul Dessau. Aus Gesprächen" (1974) und "Entwicklungswunder Mensch" (1980).

 Eine Bezeichnung wie Grande Dame trifft für Evelyn Richter ganz und gar zu. Sie ist neben Helga Paris und Sibylle Bergemann eine der großen Fotografinnen in der DDR gewesen. Und sie strahlt als Person jene Würde aus, die man mit solch einer Titulierung verbindet. Das graue Haar hat die 83jährige hochgesteckt, die Stimme ist selbstbewusst, die Augen blicken hellwach. Nur beim Stakkato-Klicken der digitalen Hightech-Kameras ihrer jüngeren Kollegen zuckt sie kurz zusammen. "Das geht viel zu schnell heute. Ich habe in der Dunkelkammer immer viel Zeit benötigt, das ist eine eigene Kultur des Entwickelns." Drei ihrer Fotobücher sind Thema der Ausstellung im Bildermuseum, das seit 2009 Standort des Archivs der Fotografin ist, aufgearbeitet dank der Unterstützung der Ostdeutschen Sparkassenstiftung.

 Die heute nur mit viel Glück antiquarisch erwerbbaren Bücher liegen in Vitrinen, leider kann der Besucher nicht drin blättern. Ungewöhnlich war in der DDR - und auch heute ist es nicht die Norm - dass Fotografen Ahnung von der Buchgestaltung hatten und sich nicht nur als Materiallieferanten verstanden. Für Evelyn Richter war diese Regiearbeit unverzichtbar, und sie verstand, den Anspruch in einer Mischung aus Charme und Dickschädel durchzusetzen. Doch auch wenn letztlich akzeptiert wurde, dass sie selbst das Layout bestimmte, gab es enge Grenzen. "Es war eine Zeit des Mangels, jede Seite war kostbar. Da mussten Kompromisse gefunden werden, die dennoch stilgerecht blieben." Neben den materiellen Zwängen war es der bürokratische Dogmatismus, der Hindernisse schuf. So suchte sich Evelyn Richter selbst eine Druckerei in Erfurt, die in der Lage war, die gewünschten Ausklappseiten herzustellen. Und sie besorgte sogar noch das Auto für den Transport der Bögen. Den Klebelayouts mit handschriftlichen Notizen, die den Büchern in den Vitrinen beigeordnet wurden, kann man diese Kämpfe nicht ansehen. Es wirkt alles so selbstverständlich.

 Auch wenn die Fotos gezielt für die Buchprojekte aufgenommen wurden, funktionieren sie als autonome Werke. Das beweisen die gerahmten Bilder an den Wänden. Zwar nennt sich die Technik Vintage Print, man könnte auch sagen Handabzüge, doch wirken die Arbeiten nicht nostalgisch. Zudem verhindert Evelyn Richter mit ihren Kommentierungen jede Verklärung. "Die viele Dunkelheit in meinem Leben", sagt sie, meint damit vordergründig die Arbeit im Labor, doch zugleich andere Ebenen.

 So wurde ihr 1973 erschienenes Buch über den sowjetischen Musiker David Oistrach, das auch dem Westexport dienen sollte, verboten und eingestampft, als Funktionäre des Großen Bruders feststellten, dass unter den abgebildeten Schülern Oistrachs jüdische Ausreisewillige waren, also Unpersonen. Die Fotografin wusste um diesen Fakt schon bei den Arbeiten in Moskau, doch ignorierte ihn ganz bewusst. Dass die noch vorhandenen Exemplare dieses intensiven "Arbeitsporträts" um so wertvoller sind, ist ein tragischer Nebeneffekt.

 Ein Jahr später erschien das thematisch ähnliche Buch über den Komponisten Paul Dessau zu dessen 80. Geburtstag. Auch hier wird ein Mensch gezeigt, der intensiv mit seinem Schaffen ringt, so wie die Fotografin selbst.

 Das Sachbuch "Entwicklungswunder Mensch" war im Unterschied zu den anderen beiden eine Auftragsarbeit. Die Fotos illustrieren hier den Text eines renommierten Psychologen. "Zum Glück wurden Text und Bilder von der Zensur gesondert bearbeitet", erzählt Richter, "sonst wäre das so nicht erschienen." Sie meint damit unter anderem Aufnahmen aus Laufgittern, wo unter mehreren Kleinkindern der "Gedrängefaktor" zum Tragen kommt, also der offiziell gar nicht so sozialistische Kampf um individuelle Vormacht.

 Die drei Bücher sind kleine Ausschnitte aus dem üppigen Lebenswerk Evelyn Richters, die zwei Jahrzehnte an der HGB unterrichtete und heute wieder in ihrer Heimat, der Oberlausitz, lebt. Zugeschnitten auf die Buchmesse illustrieren sie, welch enges Zusammenspiel zwischen Fotografie und Buchgestaltung selbst unter schwierigen Rahmenbedingen möglich ist, sofern die Künstler sich nicht als reine Dienstleister verstehen und um das Gesamtresultat kämpfen.

 iEvelyn Richter: Das Künstlerbuch, Museum der bildenden Künste, Katharinenstraße 10, bis bis 23. Juni, Di und Do-So 10-18 Uhr, Mi 12-20 Uhr

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 11.03.2013

Jens Kassner

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