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Liebe macht sehend - Hans-Joachim Maaz analysiert „Die narzisstische Gesellschaft"

Liebe macht sehend - Hans-Joachim Maaz analysiert „Die narzisstische Gesellschaft"

Als Experte war er schon vor dem Mauerfall gefragt, berühmt aber wurde der Psychiater und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz mit seinem Buch „Der Gefühlsstau.

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Psychiater und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz hat ein neues Buch veröffentlicht.

Quelle: Andreas Döring

Leipzig. Ein Psychogramm der DDR" (1990). In seinem jüngsten Buch geht es dem 1943 Geborenen um alle: „Die narzisstische Gesellschaft".

Als die CDU 2011 bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern 5,8 Prozent verlor, analysierte Spitzenkandidat Lorenz Caffier im ZDF-heute-journal „Es lag weder an mir noch an unserer Partei, es lag einfach daran, dass wir die erfolgreiche Arbeit, die wir gemacht haben, nicht in den Vordergrund rücken konnten." Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz attestiert ihm darum „Abwehrnotwendigkeiten", zu denen zweierlei gehört: etwas zum Erfolg zu erklären wie auch die Abwertung der anderen.

Als der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach mit seiner Meinung zum Euro-Rettungsschirm von der Partei-Linie abwich, verlor Ronald Pofalla die Nerven und sagte: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen." So gab, schreibt Maaz, Pofalla „dem Bedrohungsgefühl Ausdruck, das aufkommt, wenn nur einer die kollektive Verleugnung aufkündigt".

Mit diesen Beispielen illustriert er seine Thesen von der „narzisstischen Störung als Basis der narzisstischen Gesellschaft". Sie führen zu einer Ambivalenz von Zustimmung und Zweifel. Lassen sich fast alle Absurditäten und Fehlentwicklungen als eine „narzisstischen Persönlichkeitsstörung" ferndiagnostizieren, die „eigenständige psychosoziale Erkrankung" ist? Kann tatsächlich und vor allem im beschriebenen Ausmaß „die persönliche Dimension der Schuld" im Nationalsozialismus „auch eine Quelle der narzisstischen Erkrankung der gegenwärtigen Gesellschaft" sein?

Die Übertragung der Begriffe vom persönlichen Dilemma, von Elternschaft, Partnerschaft, Sexualität auf gesellschaftliche Zustände, wirft mehr Fragen auf, als Antworten möglich sind. In seiner „Vision einer demokratischen Revolution" plädiert Maaz dafür, einer Wachstumsideologie zu entkommen, die Wohlstand und Wachstum vorrangig materiell versteht. Leistungen solle im Hinblick auf individuelle Möglichkeiten, soziale und ökologische Notwendigkeiten beurteilt werden, ein Expertenrat das Kabinett ersetzen.

Maaz sieht die „narzisstische Gesellschaft" ökonomisch und vor allem politisch-ideell am Ende. „Und wieder sind es die Menschen selbst, die ihre Lebensform ruinieren. Der Bankrott ist die Folge einer Schuldensucht. Die Schuldensucht entstand aus der kollektiven Gier, über die Verhältnisse zu leben." Er schildert Entwicklungen und Symptome, nennt Leistungsstress, Konkurrenzdruck, Reizüberflutung, Mobilitätszwang, soziale Ungerechtigkeit.

Im griechischen Mythos ist Narziss seiner Mutter fremd und muss, um zu überleben, sich selbst fremd bleiben. Er verliebt sich ins eigene Spiegelbild, das er für einen Fremden hält. Als er seinen Irrtum erkennt, stirbt er. Maaz entnimmt dem Mythos unter anderem die süchtige Verliebtheit in eine Illusion, die Kränkung bei Irritation des Spiegelbildes und die Gefährlichkeit der Erkenntnis, die „sehr viel zu einer sozialen Kultur der Verleugnung und Lüge" beiträgt. „Sie begünstigt eine Gesellschaft mit aktionistischer, ruheloser Geschäftigkeit und ablenkender Reizüberflutung, um Erkenntnis zu verhindern."

Die Ursache liegt also in der frühen Kindheit: Wer in der kindlichen Beziehung nicht ausreichend gespiegelt und bestätigt wurde, bleibt ein Leben lang abhängig von der Zustimmung anderer, schreibt Maaz, und verweist auf die Narzissmus-Theorie des Psychoanalytikers Heinz Kohut, wonach das Selbst sich als Produkt einer einfühlenden, spiegelnden Umwelt entwickelt. Fehlt der „Glanz im Auge der Mutter", führt das zu einem schwachen, mangelhaft integrierten Selbst. Entscheidend ist nicht die Erziehungsform, sondern die emphatische Wahrnehmung der Innenwelt des Kindes, entscheidend sind Mimik, Gestik und Tonfall. Da Motive und Haltung der Eltern meist unbewusst bleiben, werden Defizite unverstanden und unaufgelöst weitergegeben, Macht oder Unterwerfung, Gier nach mehr wie auch Herabwürdigung des Selbst. Davon erzählt im Epilog ein anonym bleibender Patient sehr anschaulich.

Als „prototypisch" für die „narzisstische Verfasstheit unserer Gesellschaft" erklärt Maaz Aufstieg und Fall Christian Wulffs. Bei der Wahl zum Bundespräsidenten habe er „emporgehoben" werden müssen in ein Amt, dem er nicht gewachsen war. „Die Idealisierung ist immer die Projektion unerfüllter Bestätigung und der Sehnsucht nach Erfolg." Die Vorteilsnahmen, die Wulff dann das Amt kosteten, „waren im Grunde klassische Beispiele narzisstischer Bedürftigkeit". Das dicke Fell, das er gegen alle Vorwürfe in der Öffentlichkeit zeigte, ist der „nahezu notwendige Panzer des Narzissmus, der sich von außen falsche Ehre anheften lässt und nach innen den Schein der Größe unbedingt verteidigen muss". Schließlich gaben großer Zapfenstreich und Ehrensold mit allen Privilegien dem in die Krise geratenen Selbstbild letzten Halt.

Aber Maaz sieht Wulf auch als Opfer: der narzisstischen Projektionen von erhoffter Größe und ihrer gnadenlosen Denunziation, wenn sie schwächelt. „Idealisierung und Entwertung sind das Geschwisterpaar narzisstischer Lebenskultur." Der Bedarf an Sündenböcken scheint groß zu sein, „an deren Abwertung man sich narzisstisch aufbauen kann im vermeintlichen Glauben, doch auf der richtigen Seite zu stehen", schreibt er über den Umgang mit Thilo Sarrazin oder Günter Grass.

„Wenn unter Gruppendruck alle ähnlich denken und handeln, verbirgt sich das Pathologische unter dem Deckmantel der ,Normalität‘", schreibt Maaz. Hinter vielem, was normal wirkt, alltäglich und gesellschaftsfähig, stecken Kompensation und Ablenkung, derer der narzisstisch gestörte Mensch bedarf. Dazu gehören Karrieredenken, das Streben nach Reichtum, Besitz und hohem sozialen Status, die zwang- bis wahnhaften Bemühungen den Erhalt von Jugendlichkeit, Schönheit und Gesundheit. Der Ablenkung dienen Informations-Flut und ständige Erreichbarkeit. Dafür zu sensibilisieren, Zusammenhänge herzustellen, die Gefahren zu benennen, macht dieses kämpferische Buch auf- und anregend.

Janina Fleischer

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