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Liebende auf Höllenfahrtskommando: Erhellendes Stück über Eva Braun

Cammerspiele-Premiere Liebende auf Höllenfahrtskommando: Erhellendes Stück über Eva Braun

Was würde Eva Braun über die Liebe erzählen? Es sind die Cammerspiele, die in ihrer neuen Inszenierung dieser Frage nachgehen. Am Mittwoch hatte „Blondi oder die sexuellen Neurosen der Eva Braun“ Premiere. Regie führt Danilo Riedl.

Abgründiger Witz und hinreißender Furor: Victoria Schätze als Eva Braun (und Charlie Paschen herrlich ungerührt am Klavier).

Quelle: André Kempner

Leipzig. Was würde Eva Braun über die Liebe erzählen? Es sind die Cammerspiele, die in ihrer neuen Inszenierung dieser Frage nachgehen, ob der man doch Zweifel hegte, dass einen wirklich interessieren könnte, was die Eva da so zu erzählen hat. Indes: Die Zweifel zerstreuten sich schnell ob jener Tour de Force, die „Blondi oder die sexuellen Neurosen der Eva Braun“ darstellt. Am Mittwoch hatte das Stück (Regie: Danilo Riedl) Premiere.

Ein Solo, ein Monolog, eine Tirade über die Liebe als Schlacht- und Trümmerfeld, quasi per Liveschaltung direkt aus dem schmucklosen, engen, stickigen Emotionsbunker übertragen. Ja: Selten passte das Schachtelbühnensetting der Cammerspiele besser zu einer Inszenierung, hat man aus der Not dieses Raumes so gekonnt eine inszenatorische Tugend gemacht wie hier.

Geht schon damit los, dass sich das Publikum in zwei Blöcken gegenübersitzt. Auf der Fläche dazwischen steht ein Mikro, links und rechts stumpf reflektierende Stellwände (Ausstattung: Jana Lippert). Ein passend begrenzter Spiel-Raum. Die enge Welt als Rudimentbühne für jene Frau, die hier wie bedrängt wirkt und wie gehetzt agiert. Die Eva Braun sein soll und auch sein mag und die wie ein Tier im Käfig, ein Mensch im Delirium, eine Liebende auf Höllenfahrtskommando ist, kurz vor der Erfüllung im Tod: „Erst Braut, dann Staub und Asche.“

Victoria Schaetzle spielt das vom ersten Moment an mit abgründigem Witz und hinreißendem Furor. Der allerdings – und das ist wichtig und außerdem auf deutschen Bühnen eine Rarität – zugleich in der Lage ist, auf inflationäres Gekreische zu verzichten. Um es zum circa 174. Mal zu sagen: Steigende Emotionen muss man nicht immer über sich steigende Lautstärke erzählen. In „Blondi oder die sexuellen Neurosen der Eva Braun“ hat man das begriffen.

Perfider klang Zuschauerjubel selten

Nicht, dass es sonderlich still und heimelig zugeht. Und ja: Auch hier schlägt das Pendel mal hysterisch-nervig aus. Nur passt das dann eben zu diesem Monolog emotionalen Selbstentweidens. Inspiriert (!) von Ulrich Hubs Stück „Fräulein Braun“, aber weitaus rigoroser als dieses, hat sich Riedl in das Sujet vertieft. Dabei eben nie „realistisch“ psychologisierend engwebend, sondern Assoziationsräume öffnend, die in der Reflexion und Perspektive über das hinausgehen, was einem bei Blondi und Eva erst einmal an allzu Naheliegendem einfallen mag.

Der Text mäandert: „Nur nicht aus Liebe weinen“, ist zu hören. Über den „Schwanz, der sich hebt wie ein monströser Zeigefinger“, wird gelästert. „Stirb! Erlöse mich. Verpiss dich. Fahr zur Hölle! Und wenn du dort bist, warte auf mich …“, lautet eine Beschwörungsformel. Und auf der Tonspur werden Liesl Gehrers „Finger weg von meiner Musch!“ (bitte selbst recherchieren, was sich dahinter verbirgt, es lohnt sich) und des goldigen AfD-Björns „Männlichkeits“-Rede kurzgeschlossen. Der Funkenflug dabei ist durchaus erhellend.

Sexualpathologie und Machtgebaren. Auch dramaturgisch stimmen hier diese Kontexte. Und Schaetzles Spiel ebenso. Das Interagieren mit dem Publikum, das hypernervöse Rauchen (auch mal zwei Zigaretten gleichzeitig). Das Sich-mit-Wasser-Überschütten gegen ein inneres Verglühen. Das Sich-in-Reiskörnern-Wälzen, die üppig gestreut sind zu dieser Todeshochzeit. Und das Sich-Räkeln auf dem Klavier (herrlich ungerührt an der Tastatur: Charlie Paschen), auf das ein lächerlich-gespenstisches Vom-Deckenbalken-Hängen samt finalem Satz folgt: „Sie können mich jetzt ohne Bedenken Frau Hitler nennen.“ Perfider klang Zuschauerjubel selten.

„Blondi oder die sexuellen Neurosen der Eva Braun“ wird wieder am 3. und 4. sowie vom 7. bis 9. Juni, jeweils 20 Uhr, in den Cammerspielen (Kochstraße 132) aufgeführt, zudem ab Ende September, Karten für 10/6 Euro: 0341 3067606

Von Steffen Georgi

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