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Liebeserklärung mit „Musik, Musik, Musik“

Patrick Rohbecks Lindenauer Palast-Revue „Capriolen“ feierte Premiere in Leipzigs Musikalischer Komödie Liebeserklärung mit „Musik, Musik, Musik“

Ein bisschen frivol, ein bisschen frech, ein wenig melancholisch und ziemlich üppig: In Leipzigs musikalischer Komödie feierte am Samstagabend unter erheblichem Jubel Patrick Rohbecks Lindenauer Palast-Revue „Capriolen.“

Die „Tiller-Girls“ vom Ballett der Musikalischen Komödie.

Quelle: Volkmar Heinz

Leipzig. Vulkane werden überschätzt. Kein Mensch braucht sie, um drauf zu tanzen. Es tut auch ein schönes Theater in der Leipziger Vorstadt, das sich als Revue-Palast im Zwischenkriegs-Berlin verkleidet – vorausgesetzt, es verfügt über all die Attraktionen, die eine ordentliche Revue braucht: erstklassige Sänger, ein fabelhaftes Ensemble, attraktive Tänzerinnen, Kostümwerkstätten, die trotz erheblichen Material-Einsatzes die Kunst des Weglassens an den richtigen Stellen beherrschen, ein schwelgerisch aufspielendes Orchester, dem ein fabelhafter Dirigent genau die richtige Musik auf die Pulte arrangiert – und vor allem einen, der all diese Fäden aufnimmt und einen wunderbaren Abend daraus knotet.

Im konkreten Fall ist das Patrick Rohbeck. Der ist dem MuKo-Publikum als Sänger-Darsteller bestens vertraut und liefert nun mit „Capriolen. Die Lindenauer Palast-Revue“ seine erste große Regie-Arbeit im Haus Dreilinden ab. Mehr noch: Rohbeck hatte die Idee, schrieb das Buch und richtete die Spielfassung ein. Die Premiere am Samstagabend in der voll besetzten MuKo ist also eigentlich die Uraufführung einer neuen Revue-Operette. Und zwar einer richtig guten.

„Capriolen“ ist eine Liebeserklärung an die Goldenen Jahre der gepflegten Unterhaltung. Rohbeck springt zurück in die frühen 30er und nach Berlin, lässt im Grand-Hotel des Adolf Schultze (Kostadin Arguirov) den historischen Admiralspalast-Betreiber Hermann Haller (Milko Milev) ein großes Vorsingen abhalten (so hießen früher die Casting-Shows) und findet so geschmeidig Gelegenheit, all die große Unterhaltungsmusik einzuflechten, die über die Jahrzehnte nichts von ihrem Schmelz, ihrem Witz, ihrer Sinnlichkeit, ihrer Kraft verloren hat: Fred Raymond und Paul Abraham, Paul Burkhard und Robert Stolz, Paul Strasser, Peter Kreuder und Eduard Künneke kommen da ausführlich als Komponisten zu ihrem Recht. Und da Rohbeck bei dieser Casting-Revue alles vorsingen lässt, was einst in Berlin Rang und Namen hatte, kann er auch Richard Tauber (wunderbar: Radoslaw Rydlewski), Claire Waldoff (sensationell: Anne-Kathrin Fischer), den Tiller-Girls (sehr ansehnlich: Damen des MuKo-Balletts) und den Comedian Harmonists (spektakulär in Szene und Ton: Andreas Fischer, Tobias Latte, Björn Grandt, Peter Waelsch, Stefan Dittko und Christoph-Johannes Eichborn) ein Denkmal setzen. Und weil eine anständige Revue keine Genre-Grenzen kennt, flicht Jean-Pierre Ehrenreich als Monsieur Chapeau sehenswerte Äquilibristik ein und Zauberkünstler Sebastian Nicolas seine eleganten Illusionismen.

Es ist also ordentlich was los in dieser Hotelhalle, für die Bühnenbildner Frank Schmutzler liebevoll das MuKo-Entrée hat nachbauen lassen. Zumal wir hier neben dem befehlshabenden Hoteldirektor Schultze auch seinem musikalischen Rezeptionisten Paul Theodor Hartmann (Fabian Egli) begegnen, der mit seinen Freunden, dem Pagen Kurt Schneider (Jeffery Krueger), dem Koch Alfred Joseph Frantisek Swoboda (Andreas Rainer) und dem Zimmermädchen Hanni Luck (Nora Lentner), von der großen Revue-Karriere träumt – und allein von der bezaubernden Gitta Marie von Losch (Mirjam Neururer). Dann sitzt da noch Michael Raschle als Schauspielhaus-Direktor Erik Charell mit falschem Bart umher, der seinem Konkurrenten Haller kurzerhand dieses Unterhaltungs-Panoptikum vor der Nase weg engagiert und seine eigene Revue daraus macht. Die heißt „Capriolen“ und wir sehen sie nach der Pause im zweiten Teil, in dessen Verlauf sich selbstredend die richtigen Paare finden: Paul und Gitta sowie Kurt und Hanni.

Sie sind sehr unterschiedlich lang, die beiden Teile. Der zweite ist dicht und knapp, der erste bleibt nur wenig unter dem ersten Aufzug“ der „Götterdämmerung“. Was vor allem daran liegt, dass die Darsteller hier jede Menge Text abzuarbeiten haben. Derlei geht oft schief in der MuKo. Aber Rohbeck bringt nicht nur die Handlung in Gang, sondern auch die Sprache. Und weil also sprechende Schauspieler die Hauptlast tragen und nicht Sänger, die einen Text aufsagen müssen, fühlen sich die knapp zwei Stunden bis zur Pause sehr viel kürzer an.

Wie überhaupt sich die „Capriolen“ nicht nach deutlich über dreieinhalb Brutto-Stunden anfühlen. Was natürlich auch an der herrlichen Musik liegt, die Rohbeck im ersten Teil etwas sparsam, im zweiten dafür um so dichter einflicht. Und die wird durch die Bank grandios gesungen und gespielt: Eglis, Kruegers und Rydlewskis feine Tenöre, Neururers und Lentners betörende Soprane, Milevs und Raschles sonore Fundemante, Anne-Kathrin Fischers weise-witziges Disieren, der formidable Satzgesang der Comedian-Harmonists-Wiedergänger und der reife Schmelz Angela Mehlings als betrogene Haller-Gattin Anneliese – man kann nicht genug davon bekommen. Insofern könnte die Chose ruhig noch ein bisschen länger dauern.

Daran hat neben den hinreichend lasziven Choreographien Corina Dehnes auch das Orchester der Musikalischen Komödie seine Aktien: Vom ersten Ton der Ouvertüre bis zum Schlussakkord lässt Tobias Engeli, der auch einen Großteil der Arrangements beisteuerte, elegant schwelgen, schmachte, prunken, säuseln und tänzeln. Was da um 1930 in Berlin entstand an „Musik, Musik, Musik“, beweist, dass die Hauptstadt damals nicht nur im seriösen Fach der Nabel der Welt war. Und das MuKo-Orchester nutzt all diese unvergesslichen Hits vom kleinen grünen Kaktus bis zu den „Bessern ältern Herrn“, von „Viktoria und ihr Husar“ bis zum „Singenden Traum“, um zu zeigen, dass dieses Genre derzeit nirgends besser bedient wird als in Lindenau.

Kurz nach dieser kulturellen Blüte war 1933 mit einem Schlag alles vorbei. Ihre Protagonisten flohen, so sie es schafften, in die Staaten und legten dort die Fundamente für neue Unterhaltungsträume. Rohbeck thematisiert das nicht explizit, platziert nur im Vorspann, der aus seinen „Capriolen“ einen UFA-Revue-Film macht, dezente Hinweise. Aber die reichen aus, um ihn eben doch mitzudenken, den Vulkan, auf dem da eine Gesellschaft vergnügungssüchtig taumelnd tanzte. Von den Parallelen zum Heute muss man sich nicht den wunderbaren Abend verderben lassen, den das MuKo-Publikum mit ausdauerndem Klatschen und Johlen bedenkt. Aber mal ein wenig drüber nachzudenken, das kann auch nicht schaden. Zum Beispiel in Strauss’ „Arabella“, die am kommenden Samstag in der Oper Premiere feiert und zu der die „Capriolen“ sich verhalten wie ein vorweggenommenes Satyr-Stück – das man ebenfalls unbedingt gesehen und gehört haben sollte.

„Capriolen“ in der MuKo, Vorstellungen: 18., 19., 21., 24. Juni, 1., 2., Juli, 25. November, 10., 11., 31. Dezember, 17. Februar. Tickets im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050, www.lvz-ticket.de, unter Tel. 0341 1261261 oder an der Opernkasse.

Von Peter Korfmacher

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