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Light-Wesen - Mario Vargas Llosa schreibt über eine "Kultur des Spektakel"

Light-Wesen - Mario Vargas Llosa schreibt über eine "Kultur des Spektakel"

Die Idee des Fortschritts ist trügerisch, resümiert der Schriftsteller Mario Vargas Llosa in seinem Essayband "Alles Boulevard. Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst", der am Montag erscheint.

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Mario Vargas Llosa (re.) analysiert die Gegenwart und findet heraus: "Alles Boulevard".

Quelle: dpa

In einem an Erkenntnissen und Neuerungen reichen Zeitalter haben die Menschen aus der Kultur etwas Oberflächliches und Flüchtiges gemacht. Der Literaturnobelpreisträger analysiert, worin sich Banalisierung und Marginalisierung zeigen. Und was das bedeutet.

Mario Vargas Llosa findet viele Beispiele für das, was er nahebringen will. Das Fernsehen bietet vielleicht die besten, um den Umzug des Kulturbegriffs in eine neue Wirklichkeit zu illustrieren. Nehmen wir die zahlreichen Kochshows. Sie haben nicht nur das abgelöst, wofür sie stehen: Kochkultur. Sie haben "Meisterköchen" zu einer Geltung verholfen, die früher Wissenschaftler, Komponisten, Philosophen zukam. Trotzdem ist Pferdefleisch im Fertigessen. Oder gerade deshalb?

"Herdplatten und Laufstege vermischen sich im kulturellen Koordinatensystem unserer Zeit mit Büchern, Konzerten, Labors und Opern", schreibt Vargas Llosa und macht die von ihm ausgemachte "Kultur des Spektakels" auch daran fest, dass Fernsehstars und Fußballer auf die Gewohnheiten, Geschmäcker und Moden einen Einfluss ausüben, "wie ihn früher die Professoren, Denker und (noch früher) Theologen besaßen".

Das zeigt sich ebenso in der Politik. So sei es kein Zufall, "dass die Politiker, die sich früher im Wahlkampf gern Arm in Arm mit bedeutenden Wissenschaftlern und Dramatikern fotografieren ließen, heute die Nähe und den Beistand von Rocksängern und Filmschauspielern suchen, von Fußballstars und anderen Größen des Sports." Die nämlich sind an die Stelle der Intellektuellen getreten und "dirigieren nun das politische Bewusstsein der mittleren und unteren Schichten." In der Kultur des Spektakels, schreibt Vargas Llosa, ist der Komiker der König. Der Intellektuelle interessiert nur, wenn er den Narren gibt.

Marshall McLuhan hat vor mehr als 50 Jahren schon gesagt, dass Medien die Art zu denken und zu handeln bestimmen. Das galt damals dem Fernsehen, wie es heute dem Internet gilt. Neil Postman folgte mit "Infotainment" und "Wir amüsieren uns zu Tode". Nun ist es Vargas Llosa, der feststellt, dass, wenn Gedanken durch Bilder ersetzt werden, "der Bildschirm die Inhalte - die Gedanken vor allem - banalisiert und dazu neigt, alles, was über ihn flimmert, in ein Spektakel zu verwandeln, im äußerlichsten und vergänglichsten Sinn des Wortes." Sein Eindruck ist, dass alle für das Netz verfassten "kulturellen Manifestationen" ohne Zweifel immer unterhaltsamer werden, das heißt oberflächlicher und flüchtiger - "wie alles, was sich in die Abhängigkeit der Aktualität begibt".

Der Literaturnobelpreisträger und Weltbürger, 1936 in Peru geboren, Autor von Büchern wie "Tante Julia und der Kunstschreiber", "Tod in den Anden" oder "Das Fest des Ziegenbocks", bringt in diesem Buch unterschiedlichste Bereiche zusammen und die einzelnen Befunde auf einen gemeinsamen Nenner: "Literatur light, Kino light, Kunst light, sie geben dem Leser oder Betrachter das behagliche Gefühl, er sei gebildet, revolutionär, modern und marschiere an der Spitze des Trends, das alles mit einem Minimum an intellektuellem Aufwand."

Beim Ausstellungsbesuch, im Kino oder Theater, beim Lesen von Büchern oder Zeitungen hat er es gespürt: dass diese Light-Wesen, die Scharlatane, Selbstvermarkter und Exhibitionisten, dass viele zeitgenössische Künstler ihn auf den Arm nehmen und Werke zu Produkten werden oder zur puren Provokation. Da hat er sich gefragt, warum die Kultur wohl so banal geworden ist. Warum sie, die früher ein Seismograph für Probleme oder Krisen war und ein Bewusstsein schuf, es heute als eine Form des Eskapismus erlaubt, "Problematisches zu ignorieren, Dringliches beiseitezuschieben und in ein vorübergehendes ,künstliches Paradies' einzutauchen". nach Antworten sucht er bereits Mitte der 90er Jahre in Texten für die spanische Zeitung "El Pais", die hier als "Vorgeschichte" eingestreut sind. Er sieht Fortschritt, Spezialisierung, Demokratisierung oder Quantität auf Kosten von Qualität, in der Folge konstatiert er Vermassung und Frivolität, Resignation und Fatalismus. Das Vakuum, das die Religion hinterlassen hat, kann die Kultur nicht ausfüllen, "solange sie ihre Verantwortung verrät, allein nach dem Gefälligen schielt". Wenn sie nicht das Denken zum Ziel hat, sondern Flucht vor Leere.

Der Schriftsteller schwärmt von der Erotik eines gedruckten Buches und auch von jener, die "den Geschlechtsakt zu einem Kunstwerk erhebt". Eine Erotik, die jedoch zur gleichen Zeit verschwand wie die Hochkultur, deren erhabene Äußerungsform sie war. Wie in der Kunst verdirbt dieser Rückschritt die Freiheit, in dem er etwas reduziert, in diesem Fall den Sex auf das Triebhafte und Animalische, Diese Zusammenhänge herzustellen beim Abschied von der Kultur, wie wir sie kannten, ist neben unbedingter Aufrichtigkeit und pointierter Zuspitzung das Erfrischende dieser Essays, die mit ihrem realistischen Zugriff kaum Mut machen.

Eine Umkehr gibt es nicht, schreibt Vargas Llosa, aber: Uns bleibt immer noch Zeit für Korrekturen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 13.04.2013

Janina Fleischer

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