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Linde Rotta schreibt das Loest-Tagebuch vom 11. September - Teil I

Linde Rotta schreibt das Loest-Tagebuch vom 11. September - Teil I

Der Leipziger Schriftsteller Erich Loest ("Nikolaikirche") hat bis kurz vor seinem Tod Tagebuch geführt, und die LVZ hat es exklusiv veröffentlicht. Am 12. September schied er durch Freitod im Uniklinikum Leipzig aus dem Leben.

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Linde Rotta

Über die letzten Tage berichtet jetzt seine Frau Linde Rotta in der LVZ und erfüllt damit einen letzten Wunsch von Loest († 87). Heute veröffentlichen wir den ersten Teil der Aufzeichnungen über den 11. September.

11. September

Wie vereinbart, besucht mich am Vormittag Roman Pliske, der Leiter des Mitteldeutschen Verlags. Erich schlägt für die Fortsetzung des Tagebuchs als Titel "Fünfundachtzig plus" vor. Fotos aus seinem Leben sollen in das Buch eingefügt werden. Nun blättert Herr Pliske in Alben, die Erich mich geheißen hat, bereit zu legen. Nebenher erfahre ich eine Menge über die Arbeit eines Verlagsleiters, seinen Werdegang. Das muss einen Autor wie Erich Loest interessieren.

Auf dem Weg zur Klinik besorge ich 100 g Hackepeter und knusprige Brötchen, sehe schon, wie Erich das Wasser im Munde zusammenläuft: Und wo bleibt das Bier, Baby? In der LVZ hat der Vorabdruck des bisher letzten Teils seines Tagebuchs begonnen. Täglich eine kleine Freude. Heute sind's gleich zwei, umso besser.

Doch es geht ihm schlecht wie nie seit er eingeliefert worden ist. Aus mehreren Flaschen blubbert es gleichzeitig in seine Adern, Sauerstoff wird ihm durch die Nase zugeführt. Er kann kaum sprechen, so geschwächt ist er, dennoch wiederholt er gebetsmühlenartig: "Alles ist gut, nichts tut weh." Als wollte er sich selber Mut zusprechen. Oder mir.

Was, um Himmels Willen ist geschehen? Ein Hustenanfall? "Es tut nichts weh, alles ist gut."

Wie schon den Tag zuvor, steht das Mittagessen unberührt auf dem Tablett. Alle halbe Stunde wird sein Blutdruck gemessen, 146, die Pflegerin zeigt sich zufrieden.

Ich werde das Gefühl nicht los: Hinter diesem Nichtessen steckt Methode. Wie bei seinem Vater. Des Öfteren kam Erich auf ihn zu sprechen. Mit Respekt und voller Bewunderung erzählte er: Mit zweiundachtzig aufs Krankenbett geworfen, habe er, als Genesung nicht mehr zu erwarten war, begonnen, jegliche Nahrungsaufnahme zu verweigern. Nach ein oder zwei Wochen sei alles vorüber gewesen. "So muss man es machen!"

Es wurde ihm nie bewusst, dass seine Phantasie ihm vorgaukelte, was so nie stattgefunden hatte. Oder verdrängte er es? Käthe, Erichs Schwester, widerspricht, als ich ihr davon erzähle: "So war das nicht. Der Vater aß nicht, weil er nicht mehr schlucken konnte. Er lag nach einem Schlaganfall im Koma."

Ich bitte um ein Gespräch mit dem Arzt; Minuten später kommt er, wir gehen nach draußen.

"Wir haben heute Morgen vier Stunden größte Mühe mit ihm gehabt. Geben Sie mir Ihre Einwilligung, wenn nötig, ihn wenigstens für Stunden in die Zwischenstation zu verlegen. Dort bliebe er unter ständiger Beobachtung so lange es nötig ist. Leider verweigert Ihr Mann die Intensivstation kategorisch." Er ist keiner, der um den heißen Brei herumredet. "Verstehen Sie, mein Dienst dauert acht Stunden, wir haben 30 Patienten auf der Station, ich kann mich nicht vier Stunden nur um einen einzigen kümmern."

Er bekommt das geforderte Einverständnis.

Vier Stunden! Das kann nicht nur ein böser Hustenanfall, da muss mehr gewesen sein! Was hat sich wirklich zugetragen? Doch ich kriege dasselbe zu hören wie jedes Mal: Die nicht schließende Herzklappe, der zu hohe Blutdruck, der überschwappende Blutzustrom, Atemnot, Erstickungsangst - und schon eilt er weiter. Mehr erfahre ich jetzt nicht und später ebenso wenig.

(Fortsetzung folgt)

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 17.12.2013

Linde Rotta

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