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Linde Rotta schreibt das Loest-Tagebuch vom 29. August 2013 - "Ein Glas Bier, das wär's"

Linde Rotta schreibt das Loest-Tagebuch vom 29. August 2013 - "Ein Glas Bier, das wär's"

Der Leipziger Schriftsteller Erich Loest ("Nikolaikirche") hat bis kurz vor seinem Tod Tagebuch geführt, und die LVZ hat es exklusiv veröffentlicht. Am 12. September schied er durch Freitod im Uniklinikum Leipzig aus dem Leben.

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Linde Rotta.

Quelle: Linde Rotta

Leipzig. Über die letzten Tage berichtet jetzt seine Frau Linde Rotta in der LVZ und erfüllt damit einen letzten Wunsch von Loest († 87).

29. August

Die lustigen Tage? Am frühen Morgen, draußen ist es noch dunkel, ruft er aus seinem Zimmer. Er muss zur Toilette, kann aber nicht aufstehen. "Hilf mir!" Er zittert. Sein Gesicht gelblichgrau, seine Hände gelblichgrau, eiseskalt. Er stützt sich auf mich, Zentner hängen auf meiner Schulter, ich vermag ihn kaum zu halten. Irgendwie schaffen wir den Weg dann doch. Danach packe ich ihn in seine Schafwolldecke, schiebe ihm das Heizkissen unter den Rücken, bereite heißen Tee, massiere ihm Hände, Füße, Beine. Allmählich kehren Farbe und Wärme zurück, er schläft ein. Nach mehrmaligen Versuchen, erreiche ich halb acht die Hausärztin am Telefon.

"Ich vermute auch Dehydrierung", schildere ich seinen Zustand, "wahrscheinlich hat er die letzten Tage während der Filmerei zu wenig getrunken. Überhaupt war das alles zu viel." Sie gibt Anweisungen, wir verabreden, in kurzen Abständen miteinander zu telefonieren, sollte sich sein Zustand auch nur ein Quentchen verschlimmern, müsse ich sofort den Notarzt rufen.

Doch im Laufe des Vormittags erholt er sich zusehends, verlangt sogar ein leichtes Frühstück, vor allem achte ich darauf, dass er trinkt, trinkt, trinkt. Gegen Mittag steht er ein halbes Stündchen auf, isst eine Gabel Gemüse, ein Stückchen gedünsteten Fisch, ein leichtes Kompott. Er blättert in der Zeitung, geht wieder zu Bett, schläft gute zwei Stunden tief und fest.

Als ich abermals nach ihm sehe, blinzelt er mir mit jenem Ausdruck zu, dem immer seine schelmische Frage folgt: Können diese Augen lügen? Mit stark gelispeltem "s". Prompt wage ich unser Späßlein in biedermeierlichem Krankenschwesterntonfall: "Na, wie geht's uns denn heute?"

"Willst du mich glücklich machen? Ein Glas Bier, das wär's", sagt er, "Tee kann ich nicht mehr sehen, Wasser noch weniger. Also um fünf. Abgemacht?" Das gehört zu seiner Arbeitsdisziplin: Kein Tropfen Alkohol vor 17.00 Uhr! Die Zeit bis dahin überbrücken wir heute mit Johannisbeersaft.

Er kleidet sich an, sitzt eine Viertelstunde später an seinem PC, arbeitet an seinem Tagebuch. Ich mahne, nicht gleich zu übertreiben.

Das Abendbrot schmeckt, noch besser das Bier - na also! Während ich den Tisch abräume, setzt er sich in seinen Lesestuhl, blättert im 2. Band der Hölderlin-Werke. In seinem Bücherregal steht die gesamte Bibliothek deutscher Klassiker. In meinem ebenfalls, etliche Literatur haben wir aus unseren früheren Leben doppelt. Schon vor Wochen nahm er sich vor, vieles, nicht alles, noch einmal zu lesen, jetzt habe er endlich Ruhe, Zeit, kein Termin dränge - mit einem Wort: Rentnerleben. "So lange die Augen es schaffen." Bände, die er "durch" hat, wandern in einen Karton für Sohn Robert, den Antiquar. Novalis weiß er nur wenig abzugewinnen, Büchner umso mehr, Droste-Hülshoffs Erzählung "Bilder aus Westfalen" überrascht ihn positiv. Wir kennen sämtliche Schauplätze.

Das Buch poltert zu Boden, ich laufe ins Wohnzimmer. Erich steht schwankend, stützt sich auf die Couch, gelbgrau das Gesicht, gelbgrau die Hände: "Ins Bett!" Wieder zittert er am ganzen Körper, ist eiskalt. Ich entkleide ihn, packe ihn in seine Schafwolldecke, schalte das Heizkissen ein, rufe die Hausärztin an. Knapp zwanzig Minuten später sitzt sie an seinem Bett. Wie am Morgen hat er das Gefühl auf die Toilette zu müssen. Trotz vereinter Kräfte schaffen wir es dieses Mal keine zwei Meter, er sinkt zurück ins Bett. Frau Bigalke fühlt, misst, tastet, drückt - Schmerzen hat er nicht, Fieber ebenso wenig. Trotzdem ist sie überzeugt: "Sieht nach akuter Harnweginfektion aus", sie ruft den Notarzt. Erich will in die Uniklinik gebracht werden, auf keinen Fall ins St. Georg.

Ich darf nicht mitkommen, es mache keinen Sinn. Auch Frau Bigalke beruhigt mich, besser, ich riefe in vier Stunden an, tun könne ich nichts und bei meinem Mann bleiben ohnehin nicht. Der Notarzt gibt mir die Nummer.

Im Wohnzimmer hebe ich den Hölderlin-Band vom Boden. Noch ist er aufgeschlagen.

"Liebste Mutter!" lese ich, "eben habe ich das Geld und Ihren schätzbaren Brief - erhalten. Diese gütige Hülfe, und der Muttersegen, womit sie begleitet ist, wird wohl nicht ohne Früchte sein; und ich kann Ihnen keinen besseren Dank sagen, als dass ich das Empfangene dazu verwenden werde, um noch einige Zeit in täglichem Fleiße zu leben, besonders dem Werke, das ich unter den Händen habe, noch alle Vollkommenheit zu geben, die in meinen Kräften liegt -"

"Um noch einige Zeit in täglichem Fleiße zu leben-" Behutsam lege ich das Seidenbändchen zwischen die Seiten und schließe das Buch.

Nach vier Stunden rufe ich an, nach sechs, schließlich noch einmal um 2 Uhr früh - vergebens. Ich möge mich doch bitte früh gegen acht melden.

Ich stelle den Wecker, lege beide Telefonhörer an mein Bett und nehme eine halbe Schlaftablette.

(Fortsetzung am Montag)

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.12.2013

Linde Rotta

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