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Lindy Hume inszeniert, Anthony Bramall dirigiert Rossinis „La Cenerentola“

Opernpremiere in Leipzig Lindy Hume inszeniert, Anthony Bramall dirigiert Rossinis „La Cenerentola“

Grandiose Sänger, ein fabelhaftes Orchester und eine liebevoll ironisch gebrochene nostalgische Inszenierung: Lindy Hume inszeniert, Anthony Bramall dirigiert Gioacchino Rossinis „La Cenerentola“ an der Oper Leipzig.

Ironisch gebrochen: Wallis Giunta in der Titelpartie mit dem Damen des Männerchors der Oper Leipzig.

Quelle: Volkmar Heinz

Leipzig. Lindy Hume traut sich was: Anders als bei Donizettis „Don Pasquale“, bei dem sie an der Oper Leipzig vor zwei Jahren ein Gag-Feuerwerk zündete, macht sie mit Gioacchino Rossinis „La Cenerentola“ etwas, worauf hierzulande die Höchststrafe steht: Anti-Regie-, ja Rampentheater. Da stehen also die Protagonisten dieser Aschenputtel-Oper in den Ensembles in Reihen oder Halbkreisen auf der Bühne, singen in den Duetten parallel das Publikum an, und in den Soloszenen treten sie allein nach vorn, kaum mehr theatralische Mittel bemühend als Mimik und Arme. Das Ergebnis müsste peinlich sein – aber es ist großartig. Ein Triumph der Gattung, des Belcanto, der künstlichsten Ausformung der Kunstform Oper. Denn auf den Wellen der Musik navigiert Hume das dramaturgisch fragwürdige Semiseria- also halbernste Libretto Jacopo Ferrettis sicher in die einschlägigen Häfen. Zu den Lachmuskeln und zur Seele.

Woran auch Dan Potras schönes Bühnenbild mit seinen offenen Verwandlungen einige Aktien hat. Potra zeigt uns den Haushalt Aschenputtels, ihres bösen Stiefvaters und ihrer zänkischen Schwestern als Bekleidungsgeschäft, in dessen oberen Regalen in Form von Spielzeugen die Träume von einst wegsortiert wurden. Nur auf dem Tresen lässt ein Mini-Karussell ahnen, dass sie noch nicht endgültig begraben sind, die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft. Don Ramiro dagegen hält Hof in einer eindrucksvollen Bibliothek mit einer Galerie englischer Herrscher von Wilhelm dem Eroberer bis zum dritten Georg. Er tritt uns also ganz offenkundig als George IV. entgegen. Es ist nicht einzusehen, dass diese „Cenerentola“ im England der Entstehungszeit spielt. In Neuseeland, wo sie zuerst zu sehen war, schien das sicher logischer. Aber es stört auch in Leipzig nicht weiter.

Nostalgische Liebeserklärung an die Gattung

Natürlich ist das, was zunächst wie Rampentheater aussieht, das fein ausbalancierte Ergebnis souveräner Regie-Arbeit. Eine nostalgische Liebeserklärung ans Musiktheater von einst auf der einen, dessen ironische Brechung auf der anderen Seite. Denn hinter den Solisten-Tableaus regiert in Form der Chorherren der Oper Leipzig die Komik. Friedrich Bührer hat mit diesem Straßenprekariat, den Lakaien und Domestiken, den Köchen und bärtigen Kammerzofen schräge Choreographien einstudiert, vor deren ungelenker Grandezza jeder Ernst kapituliert. Und wenn vor dieser Folie José Fardilha, der auch als Don Pasquale für Lachtränen gut war, als so kaltherziger wie aufgeblasener, so eitler wie depperter Stiefvater Don Magnifico durchs Bild chargiert, bleibt wieder kein Auge trocken.

Auch seine beiden missratenen Töchter Clorinda und Tisbe sind vor der klamaukigen Spielwut Jennifer Portos und Sandra Jankes in keinem Augenblick sicher: grandios überzeichnete Karikaturen verzogener Dumpfbacken. Darstellerisch ist Mathias Hausmann souverän im Zwischenfach unterwegs. Sein als Fürst verkleideter Kammerdiener Dandini zeigt menschliche Gefühle angesichts der Mischung, die der würdevolle Spielmacher Alindoro (Sejong Chang) als harmloser Neffe von Da Pontes Don Alfonso da in die Petrischale rührt. Eher aus dem ernsten Fach tritt der Don Ramiro Matteo Macchionis hinzu, ein blaublütiger Heißsporn. Und vollends aus der Seria ist die Titelfigur in diesen Opern-Kosmos geraten: Cenerentola, das Aschenputtel, Angelina, die Güte selbst, verwaist und ihrem herzlosen Steifvater und ihren beiden noch herzloseren Schwestern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Aristokratische Schönheit

In dieser ätherischen Partie gibt Wallis Giunta an der Oper Leipzig ihr Rossini-Debüt. Und man kann Don Ramiro verstehen, dass er dieser so zarten wie aristokratischen Schönheit vom ersten Blickkontakt an verfallen ist. Dabei singt sie Rossini, als hätte sie nie etwas anderes gemacht, als den schlichten Melodien und den prunkenden Koloraturen dieser herrlichen Rolle zu Menschlichkeit zu verhelfen und zu musikalosicher Würde. Nur ganz am Anfang, im ersten Königs-Lied, bricht die Farbe zwischen den Lagen. Aber nach wenigen Takten rastet ihr samtiger Mezzo ein, und wenn sie knappe drei Stunden später mit ihrem wunderbaren „Non più mesta“ das Gute zum finalen Triumph führt, wünschte man, sie würde niemals aufhören. Wie man überhaupt kaum genug bekommen kann vom vielen schönen Gesang dieser Belcanto-Produktion.

Zwei Gäste nur hat die Oper Leipzig für „La Cenerentola“ verpflichtet: Fardinhas erdbebensicher plappernden Bass-Buffo und den geschmeidig durch die Koloraturen flirrenden, höhensicheren Tenore di grazia Macchietti für den Herrscher auf Freiersfüßen. Der Rest vom Fest ist fest im Ensemble, einschließlich Wallis Giunta. Eine solche Besetzung muss ein Haus erst einmal hinbekommen. Mit einem so wollüstig farbsatten Sopran wie Jennifer Porto, mit einem so hysterischen Mezzo wie Sandra Janke, einem so würdevollen Bass wie Chang, einem so sensationell beweglichen und klangschönen Kollegen wie Mathias Hausmann. Und wer über all das verfügt, hat noch lange nicht das Gewandhausorchester im Graben sitzen, das der stellvertretende Generalmusikdirektor Anthony Bramall weit über die musiktheatralische Dienstleistung der Riesengitarre hinausführt, die hierzulande so oft bemüht wird, wenn Belcanto auf dem Spielplan steht.

Frühromantisch heller Orchesterklang

Bramall versagt sich und dem Orchester jede philharmonische Unverbindlichkeit. Er setzt auf einen frühromantisch hellen Orchesterklang, der durchaus auch ins Giftige tendieren kann. Weil Bramall die Partitur eben nicht glättet, sondern die Besonderheiten von Rossinis Instrumentation noch betont. Da dürfen die absurd weit gespreizten Verdopplungen in den Bläsern ihren galligen Witz ausspielen, dürfen sich die schroffen Akzente der Streicher wie Widerhaken ins Fleisch der Perioden graben. Da klingt kein Viertakter wie der vorangegange oder der nächste, weil Dirigent und Orchester hellwach immer wieder minimal neu gewichten, Bramall schon in der Ouvertüre das Klischee von der maschinenhaft schnurrenden Motorik Lügen straft und minimale metrische Unschärfen erlaubt – eine Art Binnen-Rubato, das die Grenze von der Mechanik zum Leben markiert. Er trägt die Sänger sicher auf Händen – und entwickelt dennoch über die begleitende Dienstleistung hinaus ästhetischen Mehrwert.

Die Rossini-Raserei, die vor 200 Jahren durch Europa fegte, ist den Deutschen immer ein wenig suspekt geblieben. In der Oper Leipzig aber ist sie nun angekommen. Jubel, Bravi, Schreie und Pfiffe für ein Sängerfest, ein Orchester-Exempel, eine wunderbar augenzwinkernde Inszenierung, für ein Werk, das nie so recht aus dem Schlagschatten des unmittelbar zuvor entstandenen „Barbiers“ gekommen ist – und für einen Opern-Komponisten, der zu den Größten zählt. Ohne jedes Wenn und Aber.

Vorstellungen: 28.3., 9., 23.4., 3., 19.6; Karten im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050, www.lvz-ticket.de, unter Tel. 0341 1261261 oder an der Opernkasse.

Von Peter Korfmacher

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