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Lothar Bölcks „Dummerland“ in der Funzel

Kabarett-Gastspiel Lothar Bölcks „Dummerland“ in der Funzel

Der Kabarettist Lothar Bölck weiß als Kanzleramts-Pförtner, was los ist im Land. „Dummerland oder Was weiß ich denn?“ heißt sein Programm, das Ende 2015 Premiere feierte und mit dem er nun in Leipzig gastiert hat.

Der Kabarettist Lothar Bölck (63) beim Gastspiel in der Leipziger Funzel.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Man hat ihn mal als Louis de Funès des deutschen Kabaretts bezeichnet. Der 63-Jährige mit tiefen Wurzeln in der ostdeutschen Kabarett-Szene – von 1989 bis 1997 war er Ensemblemitglied bei den Leipziger Pfeffermüllern – gibt tatsächlich überzeugend den kleinen Mann, der sich auf die Widrigkeiten des Alltags und der Politik seinen eigenen, zwar verqueren, aber nicht unlogischen Reim macht. Er beherrscht wie das angedichtete Vorbild eine anmutige Gesichts-Aerobic und kann sich herrlich in puterrote Erregung reinsteigern. Basis des neuen Programms ist seine Rolle in der MDR-Kabarettsendung „Kanzleramt Pforte D“ – er ist der Pförtner des Hohen Hauses, durch dessen Nacktscannner sie alle müssen. Beste Grundlage für einen gnadenlosen Rundumschlag.

Ein ruhiger Abend für den Techniker: Lothar Bölck kommt mit einer einzigen Lichtstimmung aus, er braucht keine Einspieler und auch kein Mikro, um den bis auf den letzen Platz ausverkauften Funzelkeller mit charismatischer Bühnenpräsenz zu füllen.

An seinem Anspruch, politisches Kabarett zu machen, könnten sich Genre-Puristen stören. Denn er mischt seine beißend sarkastischen Kommentare zu Aktuellem mit allerlei spaßigen Wortklaubereien und deftigen Zoten für den schnellen Lacher. Einige Witze sind bereits von hohem Alter, gelegentlich wird gar Archäologie betrieben: Die Schnurre mit dem Rizinusöl als perfektes Mittel gegen Husten, weil man sich nach Einnahme zu husten nicht mehr wagen könne, haben schon unsere Väter und der Väter Väter belacht. Im Publikum gibt es tatsächlich nicht wenige, die wissen, wofür Rizinus mal verschrieben wurde.

Zustimmendes Kichern

Überhaupt bedient Bölck die in der Mehrheit deutlich angejahrtes Klientel – das ist gewiss nicht abwertend gemeint! – sehr treffsicher. Ausgiebig wird über die neuen Elektronika gelästert. Zustimmendes Kichern, wenn er beklagt, dass sein Navi beim Passieren des örtlichen Friedhofs stets freundlich „Sie haben ihr Ziel erreicht“ verkündet, fröhliches Gekreisch bei der Feststellung, dass die Nachricht vom Ausbruch des Atomkriegs für die heutige Jugend nicht halb so dramatisch wäre wie die Handy-Botschaft: „Akku leer“. Ebenso einig ist er mit dem Publikum beim Zelebrieren ostdeutscher Befindlichkeiten. Es mutet nach fast drei Jahrzehnten befremdlich an, wie tief die Brüche noch immer empfunden werden. Doch die euphorische Reaktion im Rund offenbart hier schlichte Tatsachen.

Beeindruckend sind jene Momente, in denen er urplötzlich ernst und wahrhaftig wird. Kaum ein Lacher, dafür tosender Beifall, als er ohne ironische Brechung das Verhalten der Bundesregierung zum NSA-Abhörskandal Landesverrat oder George W. Bush einen Kriegsverbrecher nennt. Als er die Vorstellung geißelt, es könne ein friedliches Europa ohne oder gar gegen Russland geben. In der Flüchtlingsproblematik wird er unentschlossen in der Aussage, er geht das Problem ohne polarisierende Politphrasen in seiner Vielschichtigkeit an. Verteidigt das Recht auf Wut, unterscheidet aber deutlich von Hass. Hat Verständnis für Ängste der Menschen, aber keines dafür, dass die Oberen die nicht wahrnehmen – und kriegt am Ende die umjubelte Konsenskurve, als er die Villen der Reichen für Flüchtlingsunterkünfte viel geeigneter erklärt als Schulsport-Turnhallen.

Vielleicht ist der heutige Lothar Bölck kein klassischer Kabarettist (mehr). Aber dann ist er eben ein ungehemmt kalauernder, bisweilen derber, zu griffigen Witzen neigender Kabarettist. Auf jeden Fall einer, den die Funzel an diesem Abend ausgiebig feiert. Als Zugabe erzählt er zwei wirklich schöne Witze. Deren Pointen hier nicht verraten werden, denn er kommt wieder. Da sollte man sich aber früh um Karten bemühen.

Von Lars Schmidt

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