Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Lübbes Asyl-Theaterstück stößt in Leipzig auf gemischte Gefühle

Schauspiel-Premiere Lübbes Asyl-Theaterstück stößt in Leipzig auf gemischte Gefühle

Die Reaktionen des Publikums fielen unterschiedlich aus: Während ein Teil begeistert war, klatschten andere eher zurückhaltend bei der Premiere von Enrico Lübbes Doppelstück zum Thema Flucht am Freitagabend im Schauspiel Leipzig.

Premiere von „Die Schutzflehenden/Die Schutzbefohlenen“ im Schauspiel Leipzig.

Quelle: dpa

Leipzig. Elfriede Jelinek steht zwanzigmal am Bühnenrand und klagt an: Mit orangeroten Haartollen und uniformer Blusen-Rock-Kombi mimen Frauen die Schriftstellerin, sie sind wütend und schimpfen ins Publikum. Der Chor spricht stellvertretend für die Flüchtlinge, um die es den ganzen Abend geht. „Wir versuchen, fremde Gesetze zu lesen. Man sagt uns nichts, wir erfahren nichts, wir werden bestellt und nicht abgeholt“, ruft der vielstimmige Jelinek-Chor.

Vor einem Jahr hatte sich das Leipziger Schauspiel für eine Kombination zweier Stücke über Schutzsuchende entschieden - die politischen Entwicklungen geben der Idee tagesaktuelle Brisanz. Die Inszenierung stellt Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ über die wahre Geschichte streikender Flüchtlinge in einer Wiener Kirche dem 2500 Jahre alten antiken Stoff „Die Schutzflehenden“ von Aischylos gegenüber.

7bbbf8be-69a7-11e5-b004-422bc52a559e

Premiere im Schauspiel Leipzig: Enrico Lübbes Doppelstück zur aktuellen Flüchtlingskrise wurde am Freitagabend erstaufgeführt. Er inszenierte das 2500 Jahre alte Stück „Die Schutzflehenden“ des Dichters Aischylos mit dem zeitgenössischen Stoff von Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“.

Zur Bildergalerie

Jubel trifft auf Höflichkeitsklatscher

500 Zuschauer sind zur Premiere am Freitag gekommen, ihr Applaus für die mit Klischees und Bildern überfrachtete Inszenierung fällt gemischt aus. Jubel trifft auf viele Höflichkeitsklatscher. Regisseur Enrico Lübbe, der auch Intendant des Theaters ist, stellt beide Stücke jedoch mehr nebeneinander, als dass er sie verbindet. Erst der klassische Teil: Aischylos. Die Töchter des Danaos werden vom Feind aus der Heimat vertrieben und suchen Schutz. Lübbe lässt die Töchter von Männern in weißen Spitzenkleidern spielen, mit groben Masken verhüllt, minimalistisch, anonymisiert. Licht und Schatten kämpfen mehr im Bühnenbild als im Text - die Töchter dürfen nach flehenden Reden nicht nur bleiben, sie werden in ihrer neuen Heimat sogar vor dem einrückenden Feind beschützt.

„Eine humanistische Utopie“ nennt Lübbe den antiken Stoff, der auch Jelinek als Motivgeber für ihr 2013 erschienenes Stück diente. Ein Gegengewicht, ein Hoffnungsschimmer zur Wut der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin solle Aischylos sein, erklärt Intendant Lübbe. Deshalb führe das Leipziger Schauspiel als erstes Haus beide Stücke an einem Abend auf. Dieses Gewicht erlangt es kaum. Zu lose ist die Verbindung zu Jelineks Sprachspielereien und Wuttiraden über die Ignoranz gegenüber dem anonymisierten Leid der Flüchtlinge. Den besorgten bis ausländerfeindlichen Wutbürger etwa lässt Lübbe als Plüschhotdog und Plüschbrezel auftreten, die Sätze sagen wie: „Ich nehme mir diese Freiheit und diese - und schon ist keine mehr übrig.“

Szene aus „Die Schutzflehenden/Die Schutzbefohlenen“

Szene aus „Die Schutzflehenden/Die Schutzbefohlenen“.

Quelle: dpa

„Legida-Parolen wollten wir nicht unkommentiert lassen“

Die Texte zeigen: Die Wünsche der Schutzsuchenden und Bedenken der Aufnehmenden sind über die Jahrhunderte ähnlich geblieben, doch die Inszenierung stellt vor allem die Unterschiede der Texte heraus. Klar Position wollen Lübbe und sein Team beziehen - nicht nur an diesem Abend. Zu den kommenden Aufführungen sind jeweils Expertengespräche als Ergänzung geplant: Zur Grenzagentur Frontex, zu Angst vor dem Fremden, zur Bürokratie der Asylverfahren und dem Wirtschaftsfaktor Migration, zählt der Intendant auf. Damit könne das Theater besser auf tagesaktuelle Nachrichten reagieren, sagt Lübbe. Einen zusätzlichen Rahmen, ein anderes Forum geben.

Zudem trägt das Theater seine Botschaft mit einem Goethe-Zitat gut lesbar nach außen: „Ein Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter“, prangt an der Fassade. Eine Statement zur aktuellen politischen Lage - und eine Replik an das islamfeindliche, mit Neonazis und Hooligans durchsetzte Legida-Bündnis. Es läuft auf seinen montäglichen Demorouten immer wieder auch am Leipziger Ring gelegenen Schauspielhaus vorbei. „Ihre Parolen wollten wir nicht unkommentiert lassen“, sagt Lübbe. Kultur müsse Stellung beziehen, gerade in Zeiten, „wo es in der Politik oft durcheinander zugeht.“

Weitere Vorstellungen in diesem Jahr am 8. Oktober, 17. Oktober, 1. November, 5. Dezember, 18. Dezember

Von LVZ

Leipzig, Bosestraße 1 51.34079 12.3691
Leipzig, Bosestraße 1
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Dreamhack Leipzig

    Auf der Dremhack 2017 treten die besten Computerspieler gegeneinander an. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Leipzig gilt als der Geburtsort der modernen Psychologie. Wie früher und heute im Geist geforscht wurde ist vom 14. September bis zum 16. Dezember 2016 in der Ausstellung "Psychologie in Leipzig - Geburt einer Wissenschaft" zu sehen. Besucher können sowohl Beobachter als auch Versuchsperson sein. Unsere Schau des Monats November! mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr