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Lust auf Finale? Das Buch zum Weltuntergang

„Dies irae“ Lust auf Finale? Das Buch zum Weltuntergang

Johannes Fried beschreibt in seinem Buch „Dies irae“ den Weltuntergang als Kulturgeschichte christlicher Weltwahrnehmungen und Weltinterpretationen

Das Dunkel am Horizont: Der kulturelle Habitus apokalyptischer Erwartung, verlässt den Westen nicht.“

Quelle: dpa

Leipzig. Nun wäre es wieder soweit: Das Ende der Welt, der letzte Tag der Menschheit, Armageddon mitten im Frühling. Denn „Am 30. Mai ist der Weltuntergang“ – das wusste schon das Golgowski Quartett, das in den 50ern der Apokalypse jenen doch ziemlich gut gelaunten Schlager sang. Neben der Angst vor gibt es offenbar auch eine Lust am endgültigen Ende, am großen Finale, der Apokalypse- der jetzt wiederum der renommierte Mediävist Johannes Fried ein ausgesprochen lesenswertes Buch gewidmet hat.

„Dies irae“ („Tag des Zorns“) heißt es und erzählt, so der Untertitel, „Eine Geschichte des Weltuntergangs“. Die, das macht Fried schon in der Einleitung klar, vor allem eins ist: eine Kulturgeschichte christlicher Weltwahrnehmungen und Weltinterpretationen, die ihrerseits freilich in der hebräischen Bibel wurzeln. Das Glaubenskonstrukt eines Jüngsten Gerichts samt Herabkunft des Himmelreichs fungiert dabei seit je immer auch als Impulsstachel für apokalyptische Visionen, für in Prophetien transformierte Urängste samt Erlösungshoffnungen, die die gesamte westliche Kultur konstituieren. Denn mag auch das Christentum den „Filter“ und das „Säurebad der Aufklärung“ (Fried) durchlaufen haben – die „Untergangsperspektive“ blieb selbst unserer säkularen Gesellschaft immanent. Endzeitgefühl und Apokalypse-Glauben erwiesen sich als absolut Ratio-kompatibel, sind „eingenistet“ in „Naturwissenschaften und Kosmologie“.

„Reklamefahrt zur Hölle“

Eine Geschichte der Eschatologie ist es vor allem, die Frieds Buch dabei nachzeichnet. Mit einer Fülle an oft faszinierenden Beispielen, von den hebräischen Propheten über das Frühchristentum bis in unsere „aufgeklärte“ Gegenwart spannt sich der Bogen. Und mag der im christlichen Kontext auch die optimistischen Farben des Regenbogens malen – so leuchten diese nichtsdestotrotz vor einem damit effektvoll kontrastierenden Horizont, der im dunkelsten Dunkel vom Ende aller Dinge und allen Seins spricht. Fried: „Der kulturelle Habitus apokalyptischer Erwartung, verlässt den Westen nicht.“

Wie auch, möchte man fragen angesichts von Krieg und Terror, Hunger und Klimawandel, von berstenden Kraftwerken und Völkerwanderungen biblischen Ausmaßes. Die Apokalypse – sie kommt nicht, sie ist. Wie ist es in Frieds Buch zu lesen: „Die Schöpfung stirbt langsam“ (Siegfried Lenz), auch wenn dieses Sterben von unserer westlichen Position momentaner Scheinsicherheit eher wie eine „Reklamefahrt zur Hölle“ (Karl Kraus) wirken mag.

Dass in Frieds Buch immer wieder ein gewisser Ton der Dringlichkeit vernehmbar ist, verwundert somit nicht. Ins raunende Schwarzmalen driftet es indes nie. Das Paradox aber, dass das westliche Gewissheitsgefühl der Apokalypse nicht selten auch als Lustgefühl irritiert, das nicht nur, aber gerade auch in der Kunst seit je eine Art Wollust beim Gedanken einer „Auflösung der Erde in kosmischen Staub“ (Fried) mitschwingt, schließt das nicht aus. Was, um noch einmal die Dichtkunst des deutschen Schlagers zu bemühen, auch daher rühren mag, dass der Weltuntergang zwar am 30. Mai ist, doch: „keiner weiß in welchem Jahr/ und das ist wunderbar“.

Johannes Fried: Dies irae. Eine Geschichte des Weltuntergangs. C.H. Beck; 352 Seiten (mit 26 Schwarz-Weiß-Abbildungen und 19 farbigen Abbildungen im Tafelteil), 26,95 Euro

Von Steffen Georgi

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