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"Lyrik passiert uns einfach" - Chef der Connewitzer Verlagsbuchhandlung im Interview

"Lyrik passiert uns einfach" - Chef der Connewitzer Verlagsbuchhandlung im Interview

Die Connewitzer Verlagsbuchhandlung in Leipzig erhält für ihre Verdienste um Gegenwartslyrik und Buchkunst den mit 5000 Euro dotierten Förderpreis der Kurt Wolff Stiftung.

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Steht selbst eigentlich nicht so gern in der Öffentlichkeit: Peter Hinke, Chef der Connewitzer Verlagsbuchhandlung, im "Wörtersee" im Peterssteinweg.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Der Hauptpreis geht an den Berenberg Verlag. Im Interview spricht Peter Hinke (48) über das Verlegen und Verkaufen.

Frage: Die Kurt Wolff Stiftung engagiert sich mit dem Preis für den Erhalt einer vielfältigen Literaturszene. Sehen Sie Leipzig noch als Verlagsstadt?

Peter Hinke: Es hätte sicher Möglichkeiten gegeben, den einen oder anderen Verlag hier zu belassen oder anzusiedeln, wenn die Stadt selbst aktiver gewesen wäre. Für mich aber stellt sich die Frage nicht: Bei uns geht es von morgens bis abends ums Buch, ich habe mit Autoren, Gestaltern, Druckern zu tun, und die sind alle hier. Diese Stadt hat Bibliotheken, Verlage, ein Literaturinstitut und eine große Vergangenheit, deren Zeugnisse man überall finden kann. Es gibt ja nicht so viele Preise für Verlage, wir haben schon ein paar Auszeichnungen der Stiftung Buchkunst, und es freut uns natürlich, wenn mal wieder eine Auszeichnung nach Leipzig kommt. Und mit der Kurt Wolff Stiftung haben wir einen letzten Hort für Verlage meist klassischen-literarischen Zuschnitts, der unsere Interessen vertritt.

Ihre "Wörtersee"-Reihe erinnert an "Der jüngste Tag" aus dem Kurt Wolff Verlag, zwei Bände haben Sie über dem Schreibtisch stehen. Ist Wolff Ihr Hausgott?

Hinke: Und daneben stehen seine "Erinnerungen", das Quartheft Nummer 1 bei Wagenbach. Ja, ich habe ein gutes, langes Verhältnis zu Kurt Wolff. Wobei ich erst spät, Anfang der 90er, seinen "Briefwechsel eines Verlegers" entdeckt habe. Wolff hat auch in Leipzig gelebt und gearbeitet, man kann seinen Spuren nachvollziehen. Wir richten seit ein paar Jahren den Kurt-Wolff-Abend am Buchmesse-Freitag bei uns in der Buchhandlung aus. Da lesen Autoren der Preisträger-Verlage, meine Mutter macht das Buffett. Das ist natürlich in diesem Jahr kurios, dass wir neben dem Berenberg Verlag uns selbst feiern. Und es ist schön, dass genau an dem Tag unser 25. Jubiläum ist. Am 13. März 1990 habe ich beim Rat der Stadt Leipzig Süd den entscheidenden Stempel zur Gründung einer Verlagsbuchhandlung bekommen.

Sie erhalten den Kurt Wolff Preis auch für ihr Engagement für Lyrik -

Hinke: Eigentlich sehe ich uns nicht als Lyrikverlag, Lyrik passiert uns einfach. Da aber große Verlage eher an Prosa interessiert sind, an den großen Romanen, wird uns jedoch oft erstklassige Lyrik angeboten. Die hat hierzulande leider kein großes Publikum und ist so schwer zu finanzieren. Man darf jedoch nicht vergessen: Große Gedichte können dem Leser den Tag retten und so zum "Lebensmittel" werden. Unsere Philosophie ist es, Tradition aufzugreifen und zu verbinden mit Tendenzen der Gegenwart.

Hätten Sie gern einen großen Roman wie Lutz Seilers "Kruso" im Programm?

Hinke: Ja, natürlich! Aber diese Größenordnung könnten wir gar nicht stemmen und steuern. Eines unserer eigenen Lieblingsbücher ist Bernd Schirmers "Cahlenberg", dem würde ich mehr Aufmerksamkeit wünschen. Aber es gehört eben viel Vertriebsstärke und auch Glück dazu, wenn man ein Buch durchsetzen möchte. Wir haben Autoren auch schon erfolgreich weiterempfohlen an Publikumsverlage. Wir können keine Bücher machen, die zwei Millionen Leute interessieren. Mehr als 200 wären allerdings auch schön. Man darf nicht im Elfenbeinturm sitzen.

Clemens Meyer veröffentlicht bei S. Fischer und bei Ihnen.

Hinke: Ja, "Rückkehr in die Nacht" mit Illustrationen von Phillip Janta ist parallel zu seinem Buch "Im Stein" und über Jahre entstanden. Und wir versuchen, langfristig zu denken. Kurt Wolffs Maxime war, nicht Bücher zu verlegen, sondern Autoren.

Das ist bei Ihnen Lene Voigt mit einer Werkausgabe, das sind Andreas Reimann, Thomas Böhme. Bei Ihnen haben Autoren wie Ulrike Almut Sandig, Kerstin Preiwuß, Carl-Christian Elze ihren Weg begonnen, die heute bekannt und bei anderen Verlagen sind.

Hinke: Was am Ende jedoch bleibt, sind nicht Verkaufszahlen, sondern Begegnungen und Erfahrungen. Sind Menschen, die wir kennenlernen durften: Klaus Wagenbach, Siegfried Unseld, Wolfgang Hilbig, Martin Walser, Christa Wolf, Tschingis Aitmatow - Menschen, die Hesse oder Brecht noch die Hand gegeben haben. Birgit Vanderbeke, Thomas Brussig oder Ingo Schulze hatten ihre ersten Lesungen bei uns. Ich versuche, Leute zusammenzubringen - und ich bin eine Art Fährmann, auch wenn ich selbst nicht so gern in der Öffentlichkeit stehe.

Wie viele Neuerscheinungen bringen Sie im Jahr heraus?

Hinke: Im Schnitt 10 bis 12. Alles in allem waren es in den 25 Jahren rund 200.

Sie sind nicht nur Verleger, sondern auch Buchhändler.

Hinke: Bücher machen und Buchhändler sein, das war bei uns von Anfang an gekoppelt und hat den Vorteil, dass wir nicht gezwungen sind, ständig Schlagzeilen zu machen, sondern in Ruhe arbeiten können. Denn wir haben das Glück, mit unseren Büchern in mindestens zwei Buchhandlungen immer präsent zu sein. Im Stammsitz im Specks Hof und im kleineren "Wörtersee" im Peterssteinweg. Es ist aber natürlich auch doppelte Arbeit.

Führen Sie auch Bücher, die Sie selbst nicht lesen würden?

Hinke: Wir hatten lange beispielsweise die Unterhaltungsautorin Rosamunde Pilcher mit einigen Büchern im Sortiment, die wird jetzt aber nicht mehr so nachgefragt. Wir dachten uns, dass dann die so gelockten Kunden an der Kasse vielleicht noch einen schönen "Salto"-Band von Wagenbach entdecken. Man kann nicht in allen Bereichen so konsequent sein, wie man vielleicht möchte. Man darf nicht nur Kunst machen, sonst stirbt man in Schönheit. Ein kühler Betriebswirt würde eh manches anders machen, aber eine gute Mischung aus Leidenschaft und gewachsener Kompetenz ist sicher besser.

Was machen Sie mit dem Preisgeld?

Hinke: Bücher, oder? Wir haben viele Projekte in verschiedenen Phasen auf dem Herd stehen. Entscheidend ist die Aufmerksamkeit durch so einen Preis. Übrigens planen wir demnächst in der Reihe "Edition Wörtersee" ein Lesebuch mit Autoren des Kurt Wolff Verlags. Doch jetzt, noch im Dezember, erscheinen Kurz- und Kürzesttexte von Jörg Jacob: "Klick! 99 Miniaturen".

Welches Buch liegt auf Ihrem Nachttisch?

Hinke: Bücher von Robert Seethaler. Sein Roman "Der Trafikant" ist nicht ganz neu, aber für mich die Entdeckung des Jahres.

Verschenken Sie es zu Weihnachten?

Hinke (lacht): Den haben jetzt schon fast alle verordnet bekommen. Nino Haratischwilis "Das achte Leben" kann ich als Geschenk empfehlen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 03.12.2014

Janina Fleischer

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