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Sinnlust und Welternst – Besuch beim Leipziger Dichter Peter Gosse Lyriker

Der Lyriker und Essayist Peter Gosse (78), macht sich rar in der Öffentlichkeit. Zu Hause am Rand der Stadt, unweit vom Auensee, hat die LVZ ihn besucht. Gerade ist sein neuer Gedichtband „Stabilierte Saitenlage“ erschienen.

Peter Gosse vor zwei Bildern, die er besonders schätzt: das Porträt, das Sighard Gille im vergangenen Jahr von ihm malte, und eine Grafik, die Gerhard Kurt Müller dem Dichter widmete.

Quelle: Thomas Mayer

Leipzig. Lange nichts gehört? Was soll’s. Wer will, kann ja von Peter Gosse (78) lesen. Im Mitteldeutschen Verlag ist sein neuer Gedichtband „Stabilierte Saitenlage“ erschienen. Schon der Titel verweist auf den geistreichen Wortschöpfer. Die Dichtkunst wird begleitet von der Bildkunst Gerhard Kurt Müllers, schon gut 90 Jahre alt, einst Rektor der hiesigen Hochschule für Grafik und Buchkunst und wie manch anderer dieser Maler-Generation mittlerweile das Schicksal der unverdienten Vergessenheit tragend. Gosse erinnert mit dem Gedichtbuch an das Schönste im Leben – die Liebe. Wird man wohl dürfen, meint der vitale Autor. Sein Leben nennt er „leidlich gelungen“. Dazu zählt die lange Partnerschaft mit seiner Ehefrau, dazu gehören zwei gut geratene Söhne, die es der Mutter, Ärztin von Beruf, gleich tun und zur Freude der Großeltern vor allem vier Enkel. Die sind zum Teil fast schon erwachsen und können mit Opas Gedichten „wenig anfangen“. Sie sind eher auf dem Trip der Slam Poetry, der wiederum der Lyrik-Großvater hilflos gegenüber steht. Gosse, nach seinen Literatur-Favoriten befragt: „Goethes Gedichte, das Alte Testament, obwohl ich ein lupenreiner Atheist bin, mein Dichterfreund Volker Braun und Friedrich Dieckmann, der brillante Essayist.“

Peter Gosse ist von Beruf aus Hochfrequenztechniker. Das Fach studierte er einst in Moskau. Dorthin kam er, weil er keine Westverwandtschaft und auch sonst nichts gegen den DDR-Staat einzuwenden hatte. In Moskau der 1950er-Jahre wurde Gosse vom Dichter-Virus befallen. Er erlebte die sogenannte Tauwetter-Phase in der sowjetischen Politik. Auf dem Moskauer Majakowski-Platz wurden Gedichte vorgelesen, Gosse spricht von einer „betörenden Zeit“. Er lernte ihn fortan nicht mehr loslassende Persönlichkeiten kennen, Bella Achmadulina zum Beispiel und Jewgeni Jewtuschenko. Beide begleitete Gosse später auf Reisen durch die DDR und übersetzte auch deren Werke. In dem Buch „Über das allmähliche Verfertigen von Welt im Dichten“ (Quartus Verlag, 2013) hat er auch über die Genannten geschrieben.

Moskau veränderte Gosses Leben. Statt als studierter Physiker verdiente er bald als Literat sein Brot. Er unterrichtete am Leipziger Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ und leitete die Einrichtung kommissarisch, als zu Beginn der 1990er-Jahre deren Abwicklung anstand. Dass heute ein neues Institut besteht und wieder gute Arbeit bei der Ausbildung des Dichter-Nachwuchses leistet, will Gosse nicht unerwähnt lassen. Der russischen Sprache ist der ehemalige Student an der Moskwa noch immer mächtig. Der Dichter ist sogar für Firmen als Dolmetscher tätig. Nur verhagelt ihm aktuell der Wirtschaftsboykott gegenüber Putins Reich die privaten Geschäfte. Gosse wartet also aufs nächste politische Tauwetter.

Und er schreibt und schreibt. Jetzt an einem Buch für die Enkel. In Briefform entsteht eine Art Biografie in Episoden. Von den an- und aufregenden Zeiten in Moskau wird berichtet wie von jenen Tagen im Jahr 1976, als Genosse Gosse mit der Schriftstellerin Gerti Tetzner und dem Schriftsteller Manfred Jendryschik gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann eine Petition verfasste: „Es goss in Strömen an jenem Abend, und doch sind wir aus der Wohnung von Gerti Tetzner in der Lassalle-Straße ins Freie getreten, weil wir nicht wollten, dass die Stasi unsere Debatte mithört.“ Ein Geschichtenbuch will Gosse schreiben. „Pemmikan“ wird es heißen, was eine Erinnerung ist an seine liebste Kindheitsbeschäftigung, das Indianerspielen damals in Eutritzsch. „Pemmikan ist das getrocknete Bisonfleisch. Mit dem kamen die Indianer gut durch schlechte Zeiten“, weiß Gosse.

Über ihn schrieb einmal Volker Braun: „Peter Gosse, hochqualifizierter Physiker, spannt gleichwohl auf Lyrik um. Ein Stromstoß von 500 Volt für die Dichtung, russische Sinnlust verlötet mit sächsischem Welternst. Telegraphendrähte zwischen Traditionen. Er hatte den Draht und zieht ihn bis heute, meisterlich.“

Peter Gosse, Stabilierte Saitenlage, Mitteldeutscher Verlag, 17,95 Euro.

Von Thomas Mayer

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