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Mädchen, die Nazis tanzen: Christoph Winklers Choreographie "Rechtsradikal" im Lofft

Mädchen, die Nazis tanzen: Christoph Winklers Choreographie "Rechtsradikal" im Lofft

Nachdem der Choreograph Christoph Winkler sich zuletzt mit seinem aufregenden, intensiven "Baader" dem Linksterrorismus zugewandt hat, geht jetzt der Blick zur anderen Seite: "Rechtsradikal" heißt Winklers neueste Inszenierung.

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Ein Fünftel der Nazi-Szene ist Studien zufolge weiblich. Die vier jungen Tänzerinnen verkörpern rechtsradikale Frauen.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Am Donnerstag gab es im Lofft die Leipzig-Premiere.

Es liegt nach wie vor ein ganzer Haufen kultureller Ballast auf der Wahrnehmung. "Radikal", zumal "rechtsradikal", und "weiblich" zusammenzudenken, ist immer noch eine Hürde. Fast widerwillig scheint man da selbst den offensichtlichen Umstand zur Kenntnis zu nehmen, dass sich etwa Beate Zschäpes Mitgliedschaft im NSU eben nicht nur aufs Sockenwaschen und Kuchenbacken für die Kameraden beschränkte.

Warum dem so ist, woher es kommt, dass man in einschlägigen gesellschaftlichen Diskursen nicht willens oder nicht fähig ist, diese Scheuklappen abzulegen, ist durchaus eine spannende Frage. Sie stellt sich auch ob Winklers "Rechtsradikal". Eine Inszenierung, die, so formuliert es Winkler, "den Fokus der Wahrnehmung" verändern und dabei die "bekannten Bilder hinterfragen" will.

Weshalb hier mal nicht die üblichen Klischees des Männlich-Martialischen im deutsch-nationalistischen Dress-Code gestemmt werden, sondern vier junge Tänzerinnen (Katarina Sitar, Emma Daniel, Shiran Eliaserov, Claire Vivianne Sobottke), denen man nicht wirklich Unrecht tut, sie Mädchen zu nennen, nach und nach auf der Bühne erscheinen. Doch das Unschuldsbild, das das eventuell abgeben mag, zerfrisst sich schnell. Zerfrisst sich wie von innen her, weil auch im Inneren dieser Tänzerinnen etwas zu fressen und zu wuchern scheint.

Das nun mit der überstrapazierten "Wut im Bauch" zu benennen, wäre zu banal. Was hier wirkt (und würgt) sind die Spasmen fanatischer Gesinnung, die Kraft-Krämpfe aggressiver Ideologie. Körper-Radikalisierungen, die eigentümlich fesselnd auch wirken, eben weil diese Körper weibliche sind in ihren Bewegungen hierarchischer Grenzziehungen, den gestischen Selektionen, Abfolgen eines Vereinnahmen und Ausgrenzen. Da gelingen tänzerisch starke Entäußerungen.

Doch bleiben dies Einzelmomente in einer Inszenierung, die zunehmend an Kraft und Dynamik verliert, deren dramaturgische Substanz sich gleichermaßen wie von innen her zerfrisst. Etwas flach Leerlaufendes bekommt. Man kann gar nicht genau sagen, wann und womit das beginnt. Vielleicht mit der Filmprojektion, die in zäher Ausführlichkeit jenen berühmt-berüchtigten Mummenschanz zeigt, bei dem Neonazis angetan mit weißen Masken auf einem von ihnen sogenannten "Marsch der Unsterblichen" durchs nächtliche Stolpen ziehen. Oder liegt es an der etwas später zu hörenden Rede Holger Apfels, dieser bräsigen Suada inhaltlicher und rhetorischer Armseligkeit?

Auch. Aber vor allem liegt es daran, was Winkler jeweils dazu choreographisch einfällt. Oder eben nicht einfällt. Flugs tragen dann etwa die Tänzerinnen jene Masken, die es gerade im Film zu sehen gibt. Inszenatorisch kurz assoziiert, hofft man inständig, dass das wenigstens nicht als Metapher für einen Zustand der "Gesichtslosigkeit" ideologischer Deformierungsprozesse gedacht ist. Sicher kann man da aber nicht sein. Auch nicht, ob es wirklich so witzig gemeint ist, wie es aussieht, wenn sich dann zum Blabla Holger Apfels bewegt wird, als gebe der NPD-Chef insgeheim abstruse Anleitungen für Yoga-Übungen.

Gespenstisch komisch in jedem Fall ist, wenn die Inszenierung zum säuselnden Liedgut einer werdenden deutschen Mutter ("Zwei Herzen schlagen für ihr Vaterland/ Sie spürt den Wind und ihr deutsches Kind") gelangt. Winkler schließt hier Brutalität und Sentimentalität kurz. Das ist beklemmend absurd. Aber ändert auch nichts daran, dass diese Inszenierung länger schon in einem Zustand stagniert, der dann eben doch kaum mehr zeigt als Mädchen, die Nazis tanzen. Fraglich, ob das schon ein veränderter Wahrnehmungs-Fokus ist.

Weitere Aufführungen von "Rechtsradikal" am heutigen Samstag, 20 Uhr, und morgen, 18 Uhr, im Lofft (Lindenauer Markt 21), Karten für 12/8 Euro: 0341 4866016

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 28.09.2013

Steffen Georgi

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