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Magische Gitarrenmomente mit Christian Röver

Porträt: Musiker zog es von Boston über Weimar nach Leipzig Magische Gitarrenmomente mit Christian Röver

Christian Röver und die sechs Saiten – das ist eine lange Liebesgeschichte. Der aus dem Ruhrgebiet stammende Künstler studierte Gitarre in Boston, bereiste früh die Welt; seit Mitte der 1990er Jahre lebt er in Leipzig, arbeitet als Dozent und als Musiker. Feste Institution: Seine „Guitar Night“ an jedem Dienstag im Tonelli’s. Ein Porträt.

Der innere Blick in die Musik: Gitarrist Christian Röver.

Quelle: Katharina Thorhauer

Leipzig. Wenn Christian Röver sein Leben erzählt, passiert das in der ähnlich intuitiven Art, mit der er die „Guitar Nights“ gestaltet. Der Leipziger Musiker scheint vom Weg abzukommen, baut eine Zwischenepisode ein, kehrt zum Ausgangspunkt zurück und schlägt einen neuen Haken. Das hat keinesfalls mit innerer Unordnung zu tun, sondern mit einem Gedanken-Fluss, einer Idee hinter allem, nach der es Zusammenhänge gibt in den Geschichten. Eben dasselbe Prinzip jener Veranstaltung, die jeden Dienstag das Programm des Tonelli’s bereichert.

Und die Rede ist tatsächlich von jedem Dienstag. Egal ob Ferien, Weihnachten oder Bundestagswahl. Sollte irgendwann die Welt an einem Dienstag untergehen, Christian Röver säße in der Musikkneipe im Städtischen Kaufhaus und würde die Apokalypse vertonen, auf der Setlist vielleicht den Film-Soundtrack „Spiel mir das Lied vom Tod“, Europes „The Final Countdown“ und Bowies „As The World Falls Down“. Denn der Professor für Gitarre stellt jede Session unter ein Schlagwort oder Thema. Zuletzt ordnete er die Guitar Night „Frankreich“ zu (wegen des Nationalfeiertags), davor behandelte er beispielsweise „Filmmusik“, er bearbeitete Stücke, die mit Bob Marley zu tun haben oder huldigte dem Club 27. Alles, was der Künstler braucht, ist die Sechssaitige und seinen Live-Looper – ein Computer-Werkzeug, mit der Röver frisch erzeugte Tonspuren und Rhythmen zwischenspeichert, um sie über- oder nebeneinander zu schichten. Klanggebilde entstehen, die einem bei geschlossenen Augen eine komplette Band vermuten lassen, dazu flimmern Bilder vom großen Flachbildschirm, und Röver streut hintersinnig-witzige Kommentare ein.

Eine faszinierend bunte, inspirierende Spielwiese der Sinne, über die der Mann, der seit über 20 Jahren in Leipzig lebt, regelmäßig tollt. Zur Welt kommt Röver 1965 in Essen; ein Kind von Eltern, die mit Musik so viel zu tun haben wie ein Fisch mit dem Ertrinken. Trotzdem packt es den Jungen. Er probiert sich am Klavier, reißt sich die Gitarre der Schwester unter den Nagel und zupft bald an einer, die ihm seine Tante geschenkt hat. Mit 13 entdeckt er den Rock’n’Roll, später verlagert sich der Schwerpunkt auf Jazz und afrikanische Rhythmen. Mit 15 nimmt er Unterricht, lernt Stücke von Dave Brubeck. „,Take Five’, das war das ,Atemlos’ der Jazzgeschichte – nur viel besser“, wie er schmunzelnd bemerkt.

Die Zahl der Schallplatten in seinen Regalen steigt rasant, ebenso die Entschlusskraft: Für Röver steht als Jugendlicher die Berufswahl als Musiker fest. Die Begeisterung seiner Eltern hält sich in engen Grenzen, deshalb fährt ihr Sohn zunächst zweigleisig: Nach dem Abitur studiert er klassische und Jazz-Gitarre sowie Medizin. Zwei Jahre später gewinnt die Kunst endgültig die Oberhand. Bis 1987 besucht er die Musikhochschule Köln, mit Anfang 20 geht Röver einen beherzten Schritt, Richtung USA: Er beginnt als Stipendiat ein Doppelstudium in Jazz Performance und Computermusik am Berklee College Of Music in Boston.

Eine Zeit, an die er mit einem warmen Gefühl zurückdenkt. „Geplant war ein Jahr, doch es wurden acht.“ Nach dem Summa-Cum-Laude-Abschluss übernimmt der Deutsche einen Dozentenposten am College für Gitarre und Ensembleleitung; nicht zuletzt spielt, spielt und spielt er – in unzähligen Clubs und Hallen, quer durch die Welt, an der Seite von Größen wie Rhoda Scott, Pee Wee Ellis, John Zorn, Matt Garrisson und vielen mehr. Er veröffentlicht CDs – mal solo und mal mit Bands –, räumt unter anderem den Joe Zawinul Award ab und gewinnt beim Musicfest USA. Das Live Looping ist maßgeblich auf seinem Humus gewachsen – es ist keineswegs übertrieben, ihn als Pionier dieser Technik zu bezeichnen. Ein regelrecht antiquarisches Modell des ersten Apparats steht in der Leipziger Wohnung, die er mit seiner Lebensgefährtin, knapp 50 Gitarren und 5000 Tonträgern von LP über Kassette bis CD teilt.

Mitte der 1990er ziehen Röver private Gründe zurück nach Deutschland, er arbeitet als Professor für Jazzgitarre an den Musikhochschulen Weimar, Leipzig und Graz, gibt Gastvorlesungen in Finnland, der Schweiz, Israel und vielen anderen Orten. Seit langem schreibt der umtriebige Künstler Gitarrenworkshops und Texte für Fachzeitschriften. Doch bei aller Reiserei (seit 2007 unterrichtet er auch an der Zürcher Hochschule der Künste), bei allen Wechseln aus Aufträgen und Projekten, bei aller geistigen und geographischen Mobilität – seit 1995 hat Christian Röver in der Kulturmetropole L.E. seinen Lebensmittelpunkt gefunden. „Eine sehr lebendige Stadt, die nichts an Spannung verliert“, findet er, „vor allem leben in Leipzig hervorragende Musiker“. Hier und da entstehen Kollaborationen. Jährlich realisiert er im Gewandhaus sechs bis acht „Erzählende Konzerte” für Schüler zur Geschichte des Jazz, Latin sowie Rock und Pop.

Röver hat viel ausprobiert, gesehen, gehört und gelernt. Noch heute hält er es mit dem auf dem Berklee College gepflegten Motto „Esse quam videri – Besser Sein statt Schein“. Tamtam ist ihm suspekt. Auch deshalb ist er „kein guter Selbstvermarkter“, wie er offen zugibt und wie seine Website beweist, die – dezent ausgedrückt – ein kleines Update vertragen könnte. Es gibt halt andere Prioritäten, die der habilitierte Gitarrist setzt. Verlieren kann er sich nicht nur im Spiel, sondern auch im Komponieren, Arrangieren und der Suche nach der perfekten Harmonie. „Dabei vergehen Stunden, ohne dass ich es bemerke.“ Bei den Worten streicht er sich genüsslich über den grau gewordenen Bart, der ihm zusammen mit seiner gelassenen Art etwas Unerschütterliches gibt, etwas Seebäriges, auch Genießerisches. So hungrig er auf neue Erfahrungen und musikalische Finessen bleibt – ein Getriebener ist der sympathische Künstler nicht. In beruhigt eine berufsbedingte Garantie auf Beunruhigung. „Das Schönste an der Musik ist auch das Schlimmste: dass man nie mit ihr fertig ist. Mir gefällt das.“

Nächste Guitar Night am Dienstag im Tonelli’s, Beginn ist um 21 Uhr.

Von Mark Daniel

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