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Mahlzeit! Wie wir essen und warum

Neuerscheinung Mahlzeit! Wie wir essen und warum

Lehrreich und unterhaltsam: Zwei neue Bücher untersuchen Mythen und Theorien der Esskultur und nähern sich auf wissenschaftlichen Wegen Traditionen, Rollenbildern und Statussymbolen. Und zeigen, wo der Hase im Pfeffer liegt.

Der Völlerei hingeben: Michel Piccoli im Film „Das große Fressen“, eine der Quellen für Christine Otts Buch „Identität geht durch den Magen“.

Quelle: dpa

Leipzig. Wenn Mutter Beimer ein Problem hat, schlägt sie Spiegeleier in die Pfanne. So ist das in der „Lindenstraße“, und so ist das im Leben. Eine Mahlzeit hat mehr zu leisten, als den Menschen satt zu machen. Sie bringt die Familie zusammen oder Geschäftspartner an einen Tisch. Speisen verraten etwas über Herkunft, Sozialisation, und Religion. Wer sie zubereitet und wie die Küche beschaffen ist, erzählt viel über Rollenbilder und Statussymbole.

Über Nahrung und Genuss wird hierzulande gern gestritten oder unter dem Siegel der Aufklärung Unsinn aufgetischt. Kein Tag, an dem nicht vor diesem gewarnt oder jenes empfohlen wird. Zwei neue Bücher gehen dem Thema wissenschaftlich auf den Grund: Christine Ott beschäftigt sich in „Identität geht durch den Magen“ mit „Mythen der Esskultur“. Zu „Theorien des Essens“ versammeln die Herausgeberinnen Kikuko Kashiwagi-Wetzel und Anne-Rose Meyer Beiträge von Autoren wie Walter Benjamin, Sigmund Freud, Roland Barthes, Claude Lévi-Strauss oder Jacques Derrida. Die kommen zum Teil auch bei Christine Ott zu Wort, weshalb beide Bücher – so sehr sie sich in der Herangehensweise unterscheiden – einander ergänzen.

Ideologien aufdecken

Christine Ott lehrt als Professorin für Italienische und Französische Literaturwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Sie sagt: „Unsere Ess-Entscheidungen werden weitgehend von unbewussten Diskursen gesteuert.“ Im Bestreben, „die Gastromythen der Gegenwart einer kultursemiotischen und diskursanalytischen Lektüre zu unterziehen“, benennt sie politische und gesellschaftliche Aktualität, verweist auf Filme und Theorien zur Esskultur, vor allem aber auf Romane – populäre und weniger populäre.

Damit orientiert sie sich am französischen Philosophen Roland Barthes (1915–1980) und dessen Vorgehen für seine Essaysammlung „Mythen des Alltags“. Barthes untersucht unter anderem die kollektiven Wertungen eines Nahrungsmittels, und so will auch Ott Ideologien aufdecken, „die bestimmten Lebensmitteln und Ernährungspraktiken bestimmte Bedeutungen zuschreiben“.

Christine Ott

Christine Ott: Identität geht durch den Magen. Mythen der Esskultur. Verlag S. Fischer; 496 Seiten, 26 Euro

Quelle: S. Fischer Verlag

Das gelingt ihr angenehm unaufgeregt und unterhaltsam sowie – mit Bezug auf zahlreiche Quellen – sehr informativ. Mit Wertungen hält sie sich zurück, untersucht vielmehr in acht Kapiteln beispielsweise Essen als soziales Phänomen, den Einfluss der Psyche, Körperbilder, nationale Identität und kulinarische Globalisierung, Geschlechterstereotype, Religionen und Speisetabus, Vegetarismus/ Veganismus sowie den Gastrokult der Gegenwart mit Ernährungsreformern wie den Erfindern von Graham-Brot und Bircher-Müsli.

Sie streift den amerikanischen Milch-Mythos, Still-Debatten und die Geburt des gastrosexuellen Mannes. Es geht um Traditionen, Weltanschauungen und Lifestyle und um die Einstellung zum Essen zwischen Kult und Angst, Gier und Selbstkontrolle. Als Beispiele aus der Literatur zieht die Autorin Günter Grass’ „Der Butt“ heran oder Romane von Elena Ferrante, Margaret Atwoods „Die essbare Frau“, Karen Duves „Macht“ oder Han Kangs „Die Vegetarierin“. Bei den Filmen sind es „Das große Fressen“, „La dolce Vita“ oder „Kochen ist Chefsache“. Das „Gefühl eines durch zunehmende kulinarische Verwahrlosung mitbedingten Zerfalls von Familie und Zwischenmenschlichkeit zieht sich von der deutschen Literatur der Nachkriegszeit bis hin zur Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart“, schreibt Ott.

„Alles Käse“

Sobald über Essen gesprochen wird, geht es eigentlich schon um mehr. Andererseits lasse der Sprachgebrauch im Deutschen auf eine gewisse Verachtung des Essens schließen: „schlecht gefrühstückt“, „Pustekuchen“, „armes Würstchen“, „alles Käse“, „seinen Senf dazugeben“. Christine Ott gibt mit ihrem fundierten Überblick in gewisser Weise auch eine Anleitung zur Gelassenheit angesichts des nächsten großen Trends, der nächsten großen „Ernährungslüge“.

Im Grunde spielt es keine große Rolle, ob jemand ein Brötchen zum Würstchen nimmt oder das Würstchen zum Brötchen oder das Würstchen ohne Fleisch oder das Brötchen ohne Gluten oder alles mit zu viel Senf. Doch kann es nicht schaden, zu wissen, wo der Hase im Pfeffer liegt. .

Geschichte als Sozialgeschichte des Essens zu sehen, ist ebenfalls Ausgangspunkt für die Herausgeberinnen der „Theorie des Essens“. Auch die thematische Gliederung ist ähnlich. Im Unterschied zu Christine Otts einordnender und zusammenfassender Aufbereitung stehen hier in einer anregenden Auswahl Texte, die aus den Jahren 1910 bis 2004 stammen. Beim dritten und fünften Buch Mose ist es sogar schon etwas länger her, die britische Sozialanthropologin Mary Douglas interpretiert die darin enthaltenen Speisegebote als entweder bedeutungslos und willkürlich, „weil es ihnen nicht darum geht, zu belehren, sondern zu disziplinieren“, oder als Allegorien für Tugenden und Laster.

Kikuko Kashiwagi-Wetzel, Anne-Rose Meyer (Hrsg)

Kikuko Kashiwagi-Wetzel, Anne-Rose Meyer (Hrsg.): Theorien des Essens. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft; 459 Seiten, 20 Euro

Quelle: Suhrkamp Verlag

„Der hat noch niemals eine Speise erfahren, nie eine Speise durchgemacht, der immer Maß mit ihr hielt“, schreibt Walter Benjamin 1930 in seinen „Denkbildern“. Mit Maß jedoch „lernt man allenfalls den Genuss an ihr, nie aber die Gier nach ihr kennen, den Abweg von der ebenen Straße des Appetits, der in den Urwald des Fraßes führt.“ Darin ist viel vom Dilemma moderner Entsagung enthalten, die so modern eben doch nicht ist. Elias Canetti zeigt in der „Psychologie des Essens“ den „Zusammenhang von Verdauung und Macht“, Sigmund Freud beschäftigt sich mit Totem und Tabu und Cora Diamond mit den zuweilen kruden Diskussionen über Vegetarismus.

Es könnte so einfach sein. Der Philosoph und Soziologe Georg Simmel hat es 1910 zu Papier gebracht hat: „Von allem nun, was den Menschen gemeinsam ist, ist das Gemeinsamste: dass sie essen und trinken müssen.“ Darin liegt natürlich gleichermaßen Lösung wie Problem. Nicht immer hilft es, ein Spiegelei in die Pfanne zu schlagen.

Von Janina Fleischer

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