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Maite Kelly vor ihrem Leipziger Konzert: „Ich bin ja sowieso ein Flüchtlingskind“

Interview Maite Kelly vor ihrem Leipziger Konzert: „Ich bin ja sowieso ein Flüchtlingskind“

Bei der großen Reunion der Kelly Family macht sie nicht mit, weil ihr eigenes Album unerwartet erfolgreich und sie damit beruflich voll ausgelastet ist: Für Maite Kelly hat sich das Risiko, ins Schlagerfach zu wechseln, fraglos gelohnt. Auf ihrer Tour kommt sie im März auch nach Leipzig.

Momentan so erfolgreich wie bislang nie als Solo-Künstlerin: Maite Kelly, 37.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Interview mit Maite Kelly:

Erinnern Sie sich an den 3. Oktober 1990?

Um Gottes Willen! Da muss ich zehn Jahre alt gewesen sein.

Es war der Tag, an dem sich Deutschland wiedervereinigt hat. Und Sie haben mit Ihrer Familie in der Leipziger Innenstadt Straßenmusik gemacht, berichtete die LVZ tags darauf. Erinnern Sie sich an diese Zeit?

Ich habe sehr viele Erinnerungen daran. Leipzig, Halle, Magdeburg, Dresden – wir haben überall auf den Marktplätzen gespielt. Das war unser Nährboden. Unseren ersten Auftritt in der DDR hatten wir allerdings bereits zehn Tage vor dem Mauerfall: in der Fernsehshow „Ein Kessel Buntes“. Mein Vater packte unseren roten Golf voll mit O-Saft. Sofort hinter der Grenze drückten wir jedem auf der Straße O-Saft in die Hand. Totally crazy. Mein Vater war ein Herzensmensch und so berührt vom Mauerfall ...

... der bald Anlass zur Rückkehr bot.

Mein Vater hat sofort gesagt, wir müssen da rüber: Let’s give them Irish poetry. Wir machten Straßenmusik, und die Leute rannten uns die Kassettenstände um. Wir hatten ja keinen richtigen Plattenvertrag. Nur der Vertrieb lief über ein Label. Trotzdem waren wir plötzlich in den Charts, weil wir so viel auf der Straße verkauften. Wir hatten ein Wahnsinnsfollowing – hätte es damals schon Facebook gegeben, wäre es bestimmt noch viel schneller passiert. Ich glaube aber, dass die Menschen in Leipzig oder Dresden gespürt haben, dass wir nicht hier waren wie die Bananenverkäufer, um sie abzuzocken. Wir waren eine Hippie-Family. Klar, nur von Luft und Liebe kann auch niemand leben. Aber im Vordergrund stand für uns nie der Kommerz, sondern die Emotion. Ich bin mir sicher, dass die Leute die Absichten eines Künstlers spüren: ob man nur ein Geschäft betreibt oder die Kunst aus dem Herzen kommt, aus Liebe zur Musik und zu den Menschen. Da bin ich sehr irisch, sehr pathetisch.

„Sieben Leben für dich“ heißt Ihr aktuelles Album. Wenn die damalige Zeit Ihr erstes Leben war, in welchem Ihrer sieben Leben befinden wir uns dann jetzt?

(Lacht.) Vielleicht dreieinhalb? Vielleicht bin ich mittendrin. Aber es geht mir natürlich um die mythologische Zahl Sieben, die für Unendlichkeit steht. Ich bin unendlichstark für dich, soll das heißen. Ob als Mutter oder in einem romantischen Liebenverhältnis oder auch in einer tiefen Freundschaft.

Roland Kaiser brachte sie auf die Idee

Eine ideale Botschaft für Schlager. Sie haben bereits als Kind Texte verfasst und Lieder komponiert. Aber musste Sie erst Roland Kaiser auf die Idee bringen, Schlager zu machen?

Tatsächlich wusste Roland, dass ich eine Schlagersängerin bin, bevor ich es selbst wusste. Er erkannte den Entertainer in mir, obwohl ich eigentlich schüchtern bin. In der Kelly Family war ich ein Teil des Bilderrahmens und nicht selbst das Gemälde. Jetzt muss ich mich hingegen in die Mitte der Bühne stellen. Das erfordert eine gewisse Chuzpe. „Meine Damen und Herren, ich werde Sie heute Abend glücklich machen.“ Das hat Roland Kaiser mir vorgelebt.

Sie sind aber nicht nur im Rampenlicht Schlagersängerin, Sie schreiben selbst Schlager. Fiel der Wechsel vom Pop leicht?

Er ist mir sehr leicht gefallen, weil ich aus der Folklore komme. Die Kelly Family war Folklore, wurde immer poppiger und dadurch ein Stück weit auch Schlager. Was ich jetzt mache, den Maite-Kelly-Schlager, würde ich als Crossover von Folk und Pop bezeichnen. Das Titellied „Sieben Leben für dich“ zum Beispiel hat eine venezianische Melodie, und der Rhythmus ist Tango. Da kommen zahlreiche Einflüsse aus meiner Kindheit zusammen. Ich hatte viel Freude, für Roland Kaiser und Semino Rossi zu schreiben. Es sind große Stimmen, große Persönlichkeiten. Und ich selbst passe schon aus dem Grund gut zum Schlager, dass ich als Mensch sehr pathetisch bin. Und doch bin ich sehr direkt. Beides trifft auch auf guten Schlager zu. Nehmen Sie Howard Carpendale: „Nachts, wenn alles schläft, solltest du bei mir sein.“ Wenn ein Mann so was sagt, kriegt er entweder eine Ohrfeige – oder man geht mit ihm mit.

Ihre Fans gehen jedenfalls mit Ihnen mit. Trotz oder wegen des Stilwechsels?

Wegen! Sie nehmen mir den Schlager vollkommen ab. Sie lieben das Album, die Lieder berühren sie. Ich habe auch davor Solo-Platten gemacht, konnte mit ihnen aber nicht auf Tournee gehen, weil sie einfach den Nerv nicht getroffen haben. Ein paar 20 Jahre alte Hits reichten nicht aus, um Konzertsäle zu füllen. Es ist für mich das größte Geschenk, wenn die Fans jetzt kommen und von den neuen Liedern reden, statt zu sagen, oh, du bist so eine tolle, süße Frau. Sie kennen wirklich jeden Text, das ist Wahnsinn. Trotzdem wird es bei den Auftritten auch ältere Sachen geben, Kelly-Hits, die ich komponiert habe, wie „Roses of Red“ oder „Every Baby“. Auch „Die kleine Hummel Bommel“ spielt eine Rolle. Es ist gegenwärtig eines der erfolgreichsten Kinderbücher in Deutschland, das ich mit Britta Sabbag geschrieben habe.

Kelly Family – die nächste Generation?

Lässt sich das Künstlerdasein gut mit dem Familienleben mit drei Kindern verbinden?

Sehr gut sogar. Abgesehen von Promo-Phasen oder einer Tournee bin ich ein Maulwurf. Die Leute denken, dass ich ständig unterwegs bin. Aber eigentlich bin ich 80 Prozent der Zeit zu Hause und arbeite dort. Das Tolle ist: Mein Mann kann für seine Firma ebenfalls zu Hause arbeiten. Und dann haben wir noch seit drei Jahren unsere Andrea, eine Ersatzoma. Sie ist ein Engel.

Ihr Bruder Angelo führt mit seiner Familie eine Art Neuauflage der Kelly Family auf, die nächste Generation sozusagen.

Es ist bei ihm aber nichts Nachgemachtes, es ist authentisch. Du kannst Kinder nicht zwingen zu singen. Das muss von alleine kommen. Angelo ist ein unglaublicher Musiker. Du gibst ihm ein Brett, und er spielt auf diesem Brett wie ein Gott. Er hatte einfach die Schnauze voll, on Tour nicht bei seinen Kindern zu sein. Und daraus sind eben die Weihnachtstourneen entstanden. Aber ohne jeden Zwang.

Käme so etwas für Sie auch in Frage?

Meine Kinder interessieren sich nicht so sehr für Musik. Die Kleinste singt sehr viel, aber sie ist ja gerade mal zwei. Die Mittlere, Josie, tanzt gern. Und Agnès, die Große, läuft Schlittschuh. Mein Vater wollte uns nie zu berühmten Stars machen, sondern die Liebe zum Handwerk, die Begeisterung für Schönheit mit auf den Weg geben. Das versuche ich bei meinen Kindern ebenfalls. Im Hinblick auf Agnès’ Leidenschaft fürs Schlittschuhlaufen bin ich die unambitionierteste Mutter und habe das ambitionierteste Kind. Ich sage ihr, mach dich locker, aber sie sagt, Ma, auf Eis fühle ich mich sicherer als auf normalem Boden. Wenn ich sie auf Schlittschuhen sehe, könnte ich heulen. Es ist einfach nur schön, poetisch. Sie erzählt was, sie ist frei. Wenn man eine Leidenschaft für seine Berufung vorlebt, dann übernehmen die Kinder das automatisch. Egal ob sie Friseur, Töpfer, Eiskunstläufer oder was auch immer werden wollen.

Ohnehin kehrt ja bald die Original-Kelly-Family zurück. Warum ohne Sie?

Weil ich Zeit mit den Kindern verbringen möchte. Ich habe sieben Leben, aber keine neun. Und halbherzig möchte ich auch nicht dabei sein. Meine Geschwister wissen wieso, weshalb, warum, und es wird auch ohne mich super laufen. Die brauchen mich nicht. Ich werde mir bestimmt mit den Kindern eins der Konzerte anschauen, aber ich möchte dann auch nicht für drei Nummern auf die Bühne. Nein, die sollen wieder in Gang kommen und eine neue Synergie entwickeln. Würde ich für die paar Tage rein- und wieder raushuschen, wäre das der Gruppe gegenüber nicht fair. Es ist eine Band.

Was ist Heimat?

Sie sind als einzige Ihrer Familie in Deutschland geboren, leben hier, haben hier Ihren größten Erfolg und singen nun auch auf Deutsch. Ist Deutschland Ihre Heimat oder sind Sie doch eher in der Welt zu Hause?

Ich glaube, ich bin hier angekommen, ja. Und meine Mutter war Halbdeutsche. Aber was ist Heimat? Man bleibt immer ein suchender Mensch. Ich habe keine Eltern mehr, da ist es noch schwieriger. Auf Deutsch zu texten und singen, ist eine relativ neue Erfahrung für mich. Als ich vor sieben Jahren im Musical „Hairspray“ zum ersten Mal deutsch sang, war das ein Schlüsselerlebnis. Es berührt die Menschen viel direkter, wenn sie alles verstehen – und da kriegte ich eine Gänsepelle. Da wusste ich, wow, ich will nie wieder etwas anderes machen. Aber Heimat? Die Welt ist gerade so im Umbruch. Viel wichtiger ist für mich die Frage: Bin ich ein Zuhause für andere?

Ihr Duettpartner Roland Kaiser hat sich ausdrücklich gegen Strömungen wie Pegida ausgesprochen. Udo Lindenberg hat Helene Fischer aufgefordert, es ihm nachzutun, weil er im Schlagerpublikum mehr fremdenfeindliches Denken als unter seinen eigenen Anhängern vermutet. Wie sehen Sie das?

Von Roland war das sehr mutig. Aber nicht jeder Künstler fühlt sich wohl damit, sich politisch zu äußern. Ich finde nicht, dass man Helene Fischer dazu nötigen darf. So ein Aufruf gegen Pegida muss von alleine kommen, bei Roland war er völlig authentisch. Ich selbst bin ja sowieso ein Flüchtlingskind. Ich komme aus einer Refugee-Familie. Was momentan passiert, ist nichts Neues. Im 19. Jahrhundert musste ein Drittel der Bevölkerung aus Irland auswandern, sonst wären sie alle gestorben. Mit zwölf Jahren und einer Geige unterm Arm wurde mein Urgroßvater auf ein Schiff gesetzt, ab nach Amerika. Mit einer Fifty-Fifty-Chance, das zu überleben. Meine Großmutter, die Mutter meines Vaters, arbeitete mit sieben in einer Baumwollfabrik. Völkerwanderungen gab es schon immer, und sie waren wichtig. Gleichzeitig ist auch die Angst vor Neuem menschlich, man kennt das aus jedem Dorf, wenn dort ein Mädchen nicht einmal mit einem Jungen aus dem Nachbardorf ausgehen darf.

Wie lässt sich die Angst überwinden?

Mit Musik! Sie bricht Grenzen. Kunst, Poesie, Literatur – sie sind der beste Weg, Menschen aus ihren Zwängen und Ängsten zu kitzeln, sie mit der Schönheit und der Toleranz zu bezirzen. Aber nicht mit erhobenem Zeigefinger. Wir müssen so oder so akzeptieren, dass alles nicht mehr so ist, wie es mal war. Man hätte es vielleicht nicht gedacht, aber mein Lied „Alles ist neu – alles ist anders“ ist sehr politisch, ich habe es aus der Perspektive Angela Merkels geschrieben. „Unterm Radar schlug es hinein, ich bin stark, ist doch klar, mein kleines Schiff ist unsinkbar.“ Ich bin normalerweise keine Anhängerin der CDU, aber da hatte die Bundeskanzlerin mehr Eier in der Hose als die SPD, muss ich sagen. Wir dürfen nicht auf die Angst hören. Wir müssen uns trauen, daran zu glauben, dass das Neue für uns eine Chance ist.

Maite Kellys Tour führt am 8. März nach Erfurt; 12. März, 18 Uhr: Leipzig, Haus Auensee (Gustav-Esche-Straße 4); 13. März: Berlin, 16. März: Löbau; 17. März: Halle; 18. März: Dresden; 19. März: Chemnitz, Karten von 36 bis 55 Euro unter anderem in den LVZ-Geschäftsstellen, unter der Ticket-Hotline 0800 2181050 und www.lvz-ticket.de.

Von Mathias Wöbking

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