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Mal essenziell, mal beliebig: Irina Pauls blickt im Westflügel auf 30 Bühnenjahre zurück

Premiere Mal essenziell, mal beliebig: Irina Pauls blickt im Westflügel auf 30 Bühnenjahre zurück

Auf 30 Schaffensjahre schaut Irina Pauls inzwischen zurück. Bruchstücke davon setzte die Choreografin in „Short Cuts & U-Turns“ neu zusammen – seit Mittwochabend im Lindenfels Westflügel.

Morco Antonio Queiroz, Gary Joplin und Marco Volta in der Choreografie „One Half Of Front“.

Quelle: Thilo Neubacher

Leipzig. Die Sehnsucht nach den Momenten, die verweilen sollen. Und die ewige Flüchtigkeit, die Unhaltbarkeit dieser Momente. Eine Rückschau als versuchte Verortung, auch innerhalb der künstlerischen Biographie, Erinnerung und Perzeption: Auf 30 Schaffensjahre schaut Irina Pauls inzwischen zurück. Bruchstücke davon setzte die Choreografin aus diesem Anlass jetzt neu zusammen. „Short Cuts & U-Turns“ ist ein Loop der (neu)inszenierten Erinnerungen, der Versuch einer Reanimation und eines Fortspinnens des Verflüchtigten.

Neun Tanztheater-Szenen aus 30 Jahren, jeweils circa 20-minütige Momentaufnahmen aus größeren und kleineren Werken, dargeboten mit den Künstlern von einst. Das reicht von „Die schlecht behütete Tochter“ (Premiere 1986, Landestheater Altenburg), über „One Half Of Front“ (1999, Staatstheater Oldenburg); über „Carmina Burana“ (2002, Schlossfestspiele Heidelberg) und „Tanzt die Männerschwimmhalle“ (2012, Stadtbad Leipzig) bis hin zu „Catulli Carmina“ (2014er Carl Orff Festspiele in Andechs).

Was hier jetzt freilich nur Aufzählung, Statistik, Oberfläche markiert. So wie die dramaturgische Konzeption einer Gegenüberstellung von projizierten Archivaufnahmen alter Inszenierungen und deren jetzigen Neuaufbereitung erst einmal kaum mehr als den wohligen Kinder-wie-die- Zeit-vergeht-Seufzer bedient. Natürlich: Darüber hinaus offenbaren sich Szenarien zwischen Reanimation, Reflektion, Fortspinnen des Alten – und natürlich kann man anhand all dessen gut und gern einschlägigen Fragen nach Entwicklungen, Tendenzen, Brüchen nicht nur im Werk Irina Pauls, sondern im Tanz generell nachgehen. Was dann ja auch in den „Short Cuts & U-Turns“ begleitenden Diskussionen immer wieder versucht wird.

Wenn in die Sandalen zu schlüpfen alles erzählt

Wesentlicher und auch spannender ist indes etwas anderes. Schlicht diese szenischen und tänzerischen Augenblicke nämlich, diese kleinen, plötzlichen Nuancen und Details in Choreografien wechselnder Qualität, die für jene Momente sorgen, die schön sind, tief berühren – und die schnell wieder vergehen im Fluss der Bewegungen.

Gut zu sehen in der vielleicht gelungensten Darbietung dieses Reigens, in „Portraits of Rice“ (Premiere 2005, Theater Freiburg). Als wären Zärtlichkeit und Stilisierung ein ganz selbstverständliches Paar, reiht da Tänzerin Unita Gay Galiluyo einen ganzen Packen Sandalen – simple, bunte Flip Flops – auf und entspinnt darüber eine Geschichte über Familie, Emanzipation und Verlust. Und es ist dann „nur“ so etwas wie diese Gestik, die beredte Nuance, wie sie die Sandalen zurechtrückt oder in sie schlüpft, die plötzlich alles erzählt.

Oder wenn Romy Liebig-Thoss, vor 30 Jahren Tänzerin in der „Schlecht behüteten Tochter“, sich dieser alten Zeiten erinnert – wobei dann aber nicht das launige Ausplaudern kleiner Anekdoten der entscheidende Punkt ist, sondern die darin eingeflochtenen tänzerischen Bewegungen, in denen wiederum ein traurig vergebliches Strecken über die Vergänglichkeit hinweg nach der Vergangenheit (der Jugend? dem allen Anfang innewohnenden Zauber?) aufscheint.

Nichts für die Ewigkeit

Es lässt sich an genau solchen Momenten auch in „Short Cuts & U-Turns“ wieder mal gut erkennen, dass Tanz selbst ganz Flüchtigkeit und Unhaltbarkeit, nichts also „für die Ewigkeit“ ist. Darin liegt ein essenzieller und vielleicht auch provokanter Stachel dieser Kunstform, die wie in den Sand geschriebene Kalligraphie wirkt, wenn sie gelingt – und in künstelnder Beliebigkeit versandet, wenn nicht. „Short Cuts & U-Turns“ zeigt beides. Und das jeweils so, dass man durchaus gespannt sein darf, was von Pauls in der Zukunft zu sehen sein wird.

Weitere Aufführungen von „Short Cuts & U-Turns – Irina Pauls & 30 Years of Dance“ Donnerstag und Freitag, jeweils in drei Durchgängen von 17 bis 23 Uhr (letzter Einlass 21 Uhr) und in einem Durchgang am Sonntag, 11 Uhr. Am Samstag, 19 Uhr, Screening über „Pionierinnen des deutschen Tanztheaters“ – Lindenfels Westflügel (Hähnelstraße 27), Eintritt jeweils 12/8 Euro.

Von Steffen Georgi

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