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Mal laut, mal leise: Wolfgang Niedeckens BAP rockte über drei Stunden im Haus Auensee

40 Jahre Bandgeschichte Mal laut, mal leise: Wolfgang Niedeckens BAP rockte über drei Stunden im Haus Auensee

40 Jahre BAP – das reicht für einen langen Rückblick in Rock und Romantik. 28 Songs, sechs darunter von „Lebenslänglich“, dem nachdenklichen 2016er-Album, jede Menge aus den 80ern, aber alle irgendwie anders frisiert. Wolfgang Niedecken und Co. rockten am Samstagabend ohne Pause über drei Stunden im Leipziger Haus Auensee.

BAP auf der Bühne im Haus Auensee (v.l.): Ulrich Rode, Michael Nass, Wolfgang Niedecken, Sönke Reich, Anna de Wolff und Werner Kopal.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig.  Riesenjubel gegen neun. Wolfgang Niedecken sagt: „Und wen es hier interessieren sollte ... Dortmund besiegt Bayern.“ Gefeiert haben da im Haus Auensee nicht nur die Dortmund-Fans. Niedecken quittiert es mit einem Lächeln. Der BAP-Chef ist sowieso ziemlich gut drauf. Sein 1. FC Köln hat auch gewonnen. Was bestimmt die Spiellust ganz schön anheizt. Was hörbar seine Stimmung ansteigen lässt.

Wolfgang Niedecken und Co. rockten am Samstagabend ohne Pause über drei Stunden im Leipziger Haus Auensee.

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Die kocht wieder (wie am gleichen Ort Dezember 2008) über drei Stunden in Geburtstagslaune. 40 Jahre BAP – das reicht für einen langen Rückblick in Rock und Romantik. 28 Songs, sechs darunter von „Lebenslänglich“, dem nachdenklichen 2016er-Album, jede Menge aus den 80ern, aber alle irgendwie anders frisiert. Live is life und BAP auch eine Road-Rocker-Truppe. Die lärmte immer mal wieder im Doppelpack los – und legte dann abrupt den Schalter um. BAP schlüpfte aus rauer Schale in sanfte Seele. Wechsel war Programm, die Achterbahn Prinzip.

Ganz anders als auf den Alben

Punkt acht Uhr flammte das Licht rot, räumten BAP-Plattencover den Bühnenhintergrund für Kölner Bilder. BAP fetzte straff „Frau, ich freu mich“, „Ne schöne Jross“ – und Niedecken machte ein bisschen in Sprechgesang. Dann nahm er die Akustik-Gitarre, die Geige der Dresdenerin Anna de Wolff klang auf: „Nix wie bessher“, die bilderreiche Kindheitserinnerung, mit fiebrigem Gitarren-Ausgang. Erstes Zeichen für jenen musikalischen Zuschnitt, der viele Songs so anders als auf den Alben klingen ließ. Geige, Cello, Posaune (alle Anne de Wolff) und das Akkordeon von Michael Nass (aus Borna) zogen so manchem älterem Lied ein akustisches Kleid über, das es unverhofft glitzern und leuchten ließ. Oder neue Songs zum Funkeln brachte. Erstaunlich, was viel Geige, sanfte Trommeln und Akkordeon aus der neuen, musikalisch schwächeren „Ballade vom Vollkasko-Desperado“, einer Abrechnung mit Besserwisser-Fans, machen kann. Bei „Diego Paz wohr nüng zehn“, dem Falkland-Krieg-Blues, war alles instrumentale Aufrüsten allerdings vergebliche Liebesmüh’. Leider trägt er aber auch noch das Kreuz aller schwachen Songs: Er dauert unendlich.

Wunderschön hingegen die Liebeslieder im Sitzen. Wolfgang Niedecken, der inzwischen längst die Schiebermütze aufs graue Haar gesetzt hatte, hockte – wie bei der wunderbaren Stecker-raus-Tour 2015 – auf einem erhöhten Stuhl und reihte unplugged vier Song-Perlen aneinander: „Jadruss“ (viel Geige), „Paar Daach fröher“ (zum Niederknien schön), „Do kanns zaubere“ (darf einfach niemals fehlen) und das zu Unrecht nicht so bekannte „Wat schriev mer in su’enem Fall?“ Hinter Niedecken: riesengroß das Porträt des verstorbenen Leonard Cohen. Eine Erinnerung an ein Niedecken-Idol – und ganz sicher die wohl beste „Famous Blue Raincoat“-Coverversion. Auch so, wie Niedecken sie sang: ganz innerlich, ganz nachdenklich, ganz eingefühlt in den Text.

Gelebtes Leben

Ein Höhepunkt. So wie „Alles relativ“, Opener von „Lebenslänglich“, ein balladeskes Rock-Chanson, das im abwägenden Blick zurück gelebtes Leben abwägt. Ein Ohrwurm, illustriert mit Kindheitsbildern und Reisepapieren, der unversehens rockig gesteigert wurde, während Niedeckens Mundharmonika ihm eine altersweise Stimmung ließ. Sehr atmosphärisch, musikalisch zwischen wehmütigem Cello und peitschender E-Gitarre: „Unger Krahnebäume“, die Besichtigung einer kleinen Kölner Straße im Dom-Schatten.

Sicher war BAP, als der Gitarrero noch Klaus Heuser hieß, mehr Rocker. Sicher wurde BAP seit „Tonfilm“ und„Aff un zo“ (Reggae erklang natürlich) musikalisch abwechslungsreicher und weitgefächerter. Aber wenn man in die früheren Jahre einsteigt, dann müssen die Gitarren eben wie richtige Gitarren klingen. So wie bei dem Anti-Nazi-Rock „Arsch huh, Zäng ussenander“, „Kristallnacht“ (jede Live- Version klingt irgendwie neu) oder „Verdamp lang her“. Mit dem 20-Jahre-BAP-Strich von 1987 waren 130 Minuten um.

Niedecken schlägt Keith-Richards-Riffs

Abgang. Nur: Bei BAP ist ein Abgang nie wirklich ein Abgang. So ging es dann auch noch über eine Stunde weiter – von „Dausende vun Liebesleeder“ (neu) über „Alexandra, nit nur du“ (1984, Niedecken schlägt Keith-Richards-Riffs) bis zu „Rita, mir zwei“ (1999). Wunderbar die Posaune in „Amerika“, schon bejubelt beim langen Intro: das wunderbare Porträt „Jupp“ (mit Cello-Stimmung und rockigem Ausstieg), überraschend anders als das Original „Stell dir vüür“ vom ersten Band-Album „BAP rockt andere kölsche Leeder“ (1979). Womit aber niemand in die kalte Leipziger Nacht entlassen werden kann. Also wird„Noh all dänne johre“ nach 205 Minuten zum Abschied – und zum Niedecken-Versprechen: In zehn Jahren gibt es die nächste Geburtstagstour. Die Kühle draußen taugte nicht mehr zum Frösteln.

Von Norbert Wehrstedt

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