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Mammut-Projekt: "Völkerschlachten" der Schaubühne vor der Vollendung

Mammut-Projekt: "Völkerschlachten" der Schaubühne vor der Vollendung

Hinter den Kulissen biegen Fringe-Ensemble und Schaubühne Lindenfels mit ihrem Zwei-Jahre-Projekt "Völkerschlachten" gerade auf die Zielgerade. Aus Texten von neun Autoren aus neun Ländern, die im Sommer unter anderem auf dem Leipziger Jahrtausendfeld entstanden sind, formt sich zurzeit der Theaterabend "Vor den Hunden".

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Noch ist nicht einmal sicher, ob die Szene im Stück bleibt - Schauspielerin Bettina Marugg (vorn) und Kollegen proben im Ballsaal der Schaubühne Lindenfels.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Als Frank Heuel von 75 Kilogramm spricht, ist es dann doch ein Versprecher. Aber immerhin siebeneinhalb Kilo bringt das beidseitig bedruckte Papier auf die Waage, aus dem der Regisseur aus Bonn mit seinem Ensemble zurzeit einen Theaterabend komponiert. "Gefühlt sind es Tonnen", rechtfertigt der 53-Jährige das verschluckte Komma und lacht. Auf Spielfilm-Länge solle das Material aber nicht gekürzt werden. "Das Stück braucht Luft, szenisch und atmosphärisch", erklärt er.

Alles andere wäre vermutlich auch zu schade: nach der ganzen Vorgeschichte. Vor bald zwei Jahren beschloss die Kulturstiftung des Bundes, das Projekt "Völkerschlachten" - eine Form des alternativen Gedenkens zum 200. Jahrestag der Völkerschlacht - mit bis zu 150 000 Euro aus dem Doppelpass-Fonds zu finanzieren. Der Fördertopf soll Kooperationen freier Gruppen mit Theaterhäusern ermöglichen, im konkreten Fall die Zusammenarbeit von Heuels Bonner Fringe-Ensemble und der Leipziger Schaubühne.

Die format- und städteübergreifende Partnerschaft ist aber nicht mal die Besonderheit des Vorhabens. Immerhin haben Schaubühne und Fringe bereits mehrere Produktionen gemeinsam gestemmt, überdies fungiert Heuel seit 2012 in Leipzig als einer von drei künstlerischen Leitern. Weit außergewöhnlicher ist die enge Verzahnung von Autoren und Theatermachern.

Neun Schriftsteller aus neun europäischen Ländern haben mit den Schauspielern, dem Regisseur, Dramaturgen, Musikern und Bühnengestaltern vergangenen Sommer sieben Wochen in drei Feldlagern auf Brachflächen in Leipzig, Bonn und Münster gelebt: tagsüber geschrieben, geprobt, im Morast Bühnen ausgehoben, abends vor Publikum gespielt, nachts in der Feldküche ein wenig gefeiert. Normalerweise leben "Autoren und Theaterleute in zwei verschiedenen Welten", sagt Dramaturg und Schaubühne-Chef René Reinhardt, "und begegnen sich erst zur Premiere".

Aber nicht nur Schreiber und Macher beeinflussten sich im Feld, zudem auch die Schriftsteller untereinander. Dennoch - oder gerade deshalb - entstanden sehr unterschiedliche Kriegsgeschichten, die sogleich ihre Feuertaufen vor Publikum erlebten. Ein unmittelbares Kriegsdrama verfasste allerdings kein Autor. "Was fast schon wieder schade ist", findet Reinhardt. Immerhin dreht sich das Gedenkkarussell weiter, 2014 liegt der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 100 Jahre, der des Zweiten 75 Jahre zurück. Die Krisenherde der "Völkerschlachten" köcheln aber allesamt in der Gegenwart, etwa in einer Werbeagentur, einem Elekro-Fachmarkt, vor Gericht.

Der "eigentliche Reiz" liege darin, so Reinhardt, dass die Autoren aus Dänemark, Deutschland, Frankreich, Island, Italien, Kroatien, Lettland, den Niederlanden und Russland die Zuschauer auf "eine Reise nach Europa führen". Die meisten Vorlagen könne man, so wie sie sind, auch als Einzelstücke inszenieren - "was später passieren kann, ob durch uns oder andere Ensembles", so Reinhardt. Einige Schreiber, wie die von der Académie française ausgezeichnete Marie Nimier, "nutzten die Versuchsanordnung hingegen, um Ungeordnetes abzuliefern".

Die Ordnung entsteht jetzt in den Proben. "Von außen nach innen", so Heuel, "wir schälen nach dem Zwiebelprinzip". Wobei die Zutaten in der Pfanne nicht unberührt voneinander bleiben: "Manche Texte werden zerstückelt und miteinander verwoben." Ein zentrales Motiv jenseits der vorgegebenen Kriegsthematik haben Reinhardt und er bereits aus allen Skripten destilliert: Hunde. Sie geben dem Theaterabend seinen Namen.

Ganz so sinnlich wie der erste Hundebiss in Heuels Leben, den der Regisseur ausgerechnet dieser Tage in Leipzig erlitt, oder wie die durchnässenden Erfahrungen von Ensemble und Zuschauern im Sommer während der ersten Theaterwoche auf dem Jahrtausendfeld, als es im Prinzip durchgehend regnete, mag die Inszenierung wohl nicht geraten. Doch trotz siebeneinhalb Kilogramm Text gehe es ihnen nicht um ein "intellektuelles Erlebnis", sagt Heuel. Sondern darum, Gefühle zu wecken - die im Zweifelsfall wiederum Tonnen auf die Waage bringen.

"Vor den Hunden, Uraufführung am 1. März, 17 Uhr, Schaubühne Lindenfels (Karl-Heine-Straße 50), zudem 4. bis 7. März, 19.30 Uhr, 8. März, 17 Uhr; www.voelkerschlachten.net

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 29.01.2014
Mathias Wöbking

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