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Man hat immer einen Wal

Man hat immer einen Wal

Besonders mag Marie die Wale. Weil sie die stärksten Tiere im Wasser sind. Weil sie niemandem etwas tun. Weil sie lange Strecken schwimmen können, und zwar: "Auch alleine.

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Die Autorin Madeleine Prahs lebt und arbeitet in Leipzig.

Quelle: Nils A. Petersen

" Um sich in der Media-Markt-Filiale Tierfilme anzuschauen, schwänzt Marie heimlich den Schulhort. Als das auffliegt, bringt ihre alleinerziehende Mutter Anne sie nachmittags bei Rentner Fritzsche unter. Eigentlich ist Anne dessen Pflegerin, und eigentlich kann Fritzsche mit Menschen nichts anfangen, schon gar nicht mit einer Sechsjährigen. Aber dann sitzen beide nebeneinander auf dem Balkon, bis sie die Wale sehen, die an den Containern vorbei über die Plattenbauten hinweg Richtung Autobahn ziehen.

Das ist einer jener magischen Momente, die den Roman "Nachbarn", das Debüt der in Leipzig lebenden Madeleine Prahs, zu einem Ereignis machen. Mit einem Auszug daraus war sie 2010 Publikumsliebling bei der Verleihung des Werner-Bräunig-Literaturpreises. Es war die Geschichte von Anne, die mit Mutter und Bruder abgehauen ist aus der DDR, aber im Westen nie richtig ankommt, weil sie keine Freunde findet unter den "sinnlos glücklich dahinvegetierenden Pickelfressen mit ihren ordentlichen Leben, den schönen Geburtstagsfesten und geräumigen Doppelhaushälften, dem Geigenunterricht und den gesunden Mahlzeiten".

Der Roman setzt ein im Jahr 1989, Anne ist eine von sechs Personen, denen die Autorin in Fünfjahresschritten folgt: 1994, 2001, 2006. Während Anne sobald es geht aus Bonn nach Berlin flieht, zieht Hanna nach dem Mauerfall von Berlin in ein westdeutsches Kaff, wo sie in einem Café kellnert, später in einer altmodischen Buchhandlung arbeitet. Sie fühlt sich wohl hier, auf der Suche nach einer Welt, von der sie glaubt, dass sie die ihre werden könnte. Denn ihr Leben "war bestimmt gewesen von Bildern, deren dunkle Kraft sie nicht mehr aushalten konnte, bestimmt von einer Vergangenheit, die jeder Gegenwart die Unschuld nahm".

In den meist kurzen Kapiteln geht es weniger um Ost oder West, als um notwendige oder ausbleibende Veränderungen. Hanna hat in ihrer Berliner Wohnung Matthias zurückgelassen, eigentlich Architekt, der sich nun mit Wärmedämmung durchschlägt. Vorher hatte sie mit Hans gelebt - bis der eine Westreise nutzte, sich gesellschaftlich zu verändern. Der Genosse Kunsthistoriker lehrt mit Erfolg an einer westdeutschen Uni, als er von seiner Identität als "IM Tizian" eingeholt wird. Die Angst überwältigt ihn während einer Vorlesung über Schicksalsgöttinnen. Was ihn aus der Fassung bringt, ist der Satz "Man hat immer eine Wahl." Hatte er eine? Hat er sie jetzt?

Nachbarn, das sind hier auch Menschen, die in einer gemeinsamen Gegenwart benachbarte emotionale Räume bewohnen. Fast alle sind einsam, in Beziehungen nur zu Gast. Sie sind fremd im Vertrauten. Aus dem Hintergrund dieses Gesellschaftsbildes treten Nebenfiguren, von der Autorin mit wenigen Strichen pointiert skizziert. Wie Telge, wissenschaftlicher Assistent von Hans, "ein Mechaniker der Macht im Mantel des Langweilers". Oder wie Café-Chefin Susi, die sich jenes Leben erfindet, das sie anderen nicht gönnt.

Beschreibungen dienen nie einem Selbstzweck, sondern stets den Stimmungen, die durch diesen Roman tragen. Wenn Prahs zum Beispiel von Fritzsche erzählt und dessen Frau Klara, deren Krankheit, ihrem Tod - dann entsteht eine Atmosphäre der Trauer, jedoch ohne Sentimentalität.

Madeleine Prahs, 1980 in Karl-Marx-Stadt geboren, dort und am Ammersee aufgewachsen, trifft den Ton der Kinder wie der Intellektuellen, der Betrunkenen wie der Wirtin. Ihr skurrilen Typen sind glaubwürdige Figuren, die in ihrer Verlorenheit ans Herz wachsen, auch mit ihrem Witz. Fritzsche wollte nach Klaras Tod unter Menschen sein, aber nicht mehr mit ihnen. Weshalb er Taxi fuhr, jedoch ohne Fahrgäste. Für ihn ist Fallen wie Fliegen, "mit dem Unterschied, dass man ein verbindliches Ziel hat". Anne "hatte sich immer Mühe gegeben, sich jeden Morgen ein Gesicht geschminkt, dem man den sozialen Wohnungsbau nicht ansah, sie hatte Ärsche abgewischt und Insulinspritzen gesetzt und gelernt, ihre Wünsche nicht mehr zu groß werden zu lassen."

Man möchte noch länger mit ihnen sehen, wie die Wale um die Häuser ziehen. Um einst graue DDR-Bauten in Nachwendepastelltönen: "Aber es sah beinahe noch trostloser aus, weil es so verzweifelt bemüht war."

Madeleine Prahs liest im Haus des Buches, gemeinsam mit Marion Brasch, die ihren Roman "Wunderlich fährt nach Norden" vorstellt: am Mittwoch, 19.30 Uhr, Gerichtsweg 28 in Leipzig; Karten (4/3 Euro) an der Abendkasse

Madeleine Prahs: Nachbarn. Roman. Deutscher Taschenbuch Verlag; 352 Seiten, 19,90 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 17.09.2014
Janina Fleischer

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