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Manfred Mann's Earth Band in Leipzig: Reifer Stromgitarren-Sex mit allem Pipapo

Haus Auensee Manfred Mann's Earth Band in Leipzig: Reifer Stromgitarren-Sex mit allem Pipapo

Manfred Mann und seine Earth Band haben schon längst die Stecker rausgezogen, da singt das Publikum in Leipzig noch immer: "Come all without, come all whithin …" Am Freitagabend spielte der 76-Jährige im Haus Auensee seine größten Hits - und blieb dabei meist im Hintergrund.

Manfred Mann und seine Earth Band am Freitagabend beim Konzert im Leipziger Haus Auensee.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. Eine bizarre Erscheinung: Manfred Mann schwebt, schleicht, fließt beinahe über die Bühne, ungelenk, linkisch, den Synthesizer geschultert, auf dem Kopf einen Crocodile-Dundee-Gedächtnis-Hut, ganz unten Gesundheitsschuhe, dazwischen ein Hemd, das schon in 90ern selbst im Jazz-Keller unangenehm aufgefallen und Jürgen von der Lippe zu wenig farbenfroh gewesen wäre. Er nestelt an seinen Ohrstöpseln, gibt den Technikern kryptische Zeichen. Und auch wenn er die Faust in den Rocker-Himmel streckt, einen flotten Ausfallschritt wagt oder einen lässigen Hüftschwung, macht sich ein befremdliches Gefühl der Rührung breit.

Es ist schwer zu übersehen: Auch Rock-Granden werden älter. 76 Sommer hat Manfred Mann übers Land ziehen sehen. Und mehr als zwei Drittel davon hat er auf den Bühnen der Welt verbracht, auf Augenhöhe mit den Beatles, auf Augenhöhe mit Pink Floyd, auf Augenhöhe mit Supertramp. Und jetzt schlurft dieses Monument der Rock-Geschichte am Freitagabend über die Bühne im Haus Auensee – und nicht mehr als knapp 800 größtenteils mit ihm gereifte Fans sind dabei. Man könnte das traurig finden, ins alte Lied vom Superstar einstimmen, der den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören verpasst hat – und selbst die wenigen Textzeilen ablesen muss, für die er in diesem Konzert ans Mikro tritt.

Manfred Mann's Earth Band in Leipzig: Beim Konzert im Haus Auensee spielte der 76-Jährige am Freitagabend seine größten Hits. Fotos: Dirk Knofe

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Aber für Wehmut und Melancholie lässt dieses Konzert keine Zeit. Denn wenn Manfred Mann die Tasten drückt, sei es ordnend hinter seiner Keyboard-Burg versteckt, sei es in den so sparsamen wie monumentalen Solos auf dem Umhänge-Gerät, dann ist es völlig egal, ob er 76 ist oder 36 und in welchem Lebensalter seine Fans stehen. Dann ist da nur die Dringlichkeit seiner melodischen Erfindung. Dann ist da nur die traumwandlerische Sicherheit, mit der er den richtigen Ton zur richtigen Zeit spielt. Keinen zu viel und keinen zu wenig. Dann weitet sich der Prog-Rock zum Jazz, findet er zurück zum Blues, ist er klassisch ausbalanciert. Dann klingt der digitale Synthie wieder so aufregend wie in den guten alten Moog-Zeiten der analoge, als Musiker wie Manfred Mann in den Fußspuren Stockhausens und Boulez' die elektronischen Klänge ersannen, die mittlerweile der dritten Generation so vertraut sind.

1971 gründete Manfred Mann seine Earth Band. Und wenn er 46 Jahre später mit ihr durch die Lande tingelt, ist ziemlich klar, was die Leute hören wollen: die alten Hits selbstredend, diese unsterblichen Hymnen, mit denen diese einzigartige Band große Titel von Bob Dylan („The Mighty Quinn“, „You Angel, You“) oder Bruce Springsteen („Spirit in the Night“, „For You“) noch größer machte und unsterblich. Und Manfred Mann enttäuscht sein Publikum nicht. „Father of Day, Father of Night“, „Davy's on the Road Again“, „Don't Kill It Carol“, „Get It On“ ... sie kommen alle, Schlag auf Schlag, anderthalb Stunden lang plus eine Viertelstunde mit dem mächtigen Quinn als Zugabe.

Meist bleibt dabei der Meister im Hintergrund. Das Mikrophon der Earth Band hat schon 2011 Robert Hart übernommen. Ein unauffälliger Mitfünfziger mit schlimmer Frisur und großartiger Stimme. Nicht so charakteristisch raspelnd wie die von Manfred Mann, als der noch charakteristisch raspeln konnte, aber unbedingt ein Organ mit Charisma. Weit und wund und bei Bedarf voller Wollust. Eine Rock-Röhre eben. Hin und wieder eine Spur zu dezent abgemischt, aber immer fabelhaft. Unten legt Steve Kinch, der ist bereits seit 1986 Mitglied der Erden-Combo, mit seinem Bass tragfähige Fundamente. Und am Schlagzeug sorgt John Lingwood, der zwischen 1979 und 1986 schon an Bord war, an seinem 66. Geburtstag für pumpenden Drive und filigranen Beckenzauber.

Das alles ist fein und souverän und gekonnt – wäre aber nur die halbe Miete ohne Mick Rogers an den Saiten. Der gehörte 1971 neben Mann, Chris Slade und Colin Pattenden zu den Gründungsmitgliedern der Earth Band, ging 1975 eigene Wege, ist aber seit 1983 wieder dabei und zweifelsfrei die zweite tragende Säule dieser noch immer einzigartigen Formation. Denn er füllt mit seinem unvergleichlich virtuosen Gitarrenspiel die Arrangements des immer ein wenig vergrübelten Manfred Mann mit Leben und mit Lust, mit Liebe und mit Witz. Seine Fender singt und juchzt und lacht und weint, sie jault und sie grölt, sie wimmert und sie schluchzt. Rogers Finger sind staunenswert flink. Aber wenn er nicht gerade den Country-Pausenclown gibt, ist nichts Angeberisches, nichts Oberflächliches in seinem Spiel. Großer, reifer Stromgitarren-Sex mit allem Pipapo, mit Vorspiel und mit Stellungswechseln, mit Phasen der Abkühlung und neuer Wallung. Immer wieder neu klingen diese Gitarren immer wieder völlig anders. Und doch könnte man sie blind als die des unvergleichlichen Mick Rogers erkennen.

Im Gegensatz zum schratigen Gravitationszentrum der Band gibt Rogers den offenherzigen Charmeur. Offenkundig fühlt er sich sauwohl auf der Bühne. Er flirtet mit dem Publikum, derweil er seine Gitarre liebkost. Er scherzt und lächelt – und er allein lohnte den Besuch im Haus Auensee. Da er aber mit Manfred Mann da ist und mit der auch im 46. Jahr ihres Bestehens ziemlich fabelhaften Earth Band, ist dieser kurze Abend ein wirklich großer, dem auch das bescheiden kleine Publikum nicht schadet. Im Gegenteil: Wo sonst ist man Monumenten der großen Zeit des Prog-Rock so nah?

Eine Chance, die immer mehr nutzen. Am Ende reißt es die Leipziger von den Stühlen, sie drängen nach vorn, klatschen sich die Handflächen wund, grölen bemerkenswert textsicher mit. Und Manfred Mann nebst Earth Band haben schon längst die Stecker rausgezogen und sind hinter der Bühne verschwunden, da dröhnt es noch immer aus 750 Kehlen: Come all without, come all whithin …      

Peter Korfmacher

Haus Auensee 51.369769 12.31551
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