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Marcel Ruijters widmet Hieronymus Bosch eine detailverliebte Graphic Novel

Comic-Neuerscheinung Marcel Ruijters widmet Hieronymus Bosch eine detailverliebte Graphic Novel

Vor 500 Jahren starb Hieronymus Bosch, einer der bedeutendsten Maler des Mittelalters. Entlang der Lebensdaten erzählt der Zeichner Marcel Ruijters in „Hieronymus Bosch“ die Geschichte des großen Künstlers nach, gut eingebettet in Szenerien der mittelalterlichen Stadtgesellschaft von ’s-Hertogenbosch.

In ’s-Hertogenbosch tobt der große Stadtbrand.

Quelle: Avant-Verlag

Leipzig. Am Ende des Buches versammelt sich das Panoptikum der Dämonen, gefräßige Fischmäuler, der Mönchskopf auf dem Körper des Hundes, der eine Bildtafel des Meisters im Maul davon trägt, grausige Gestalten. Die Alptraumwelt Aleids in der Nacht, als ihr Mann Hieronymus Bosch dem Sensenmann folgt. Ins Bild gesetzt vom niederländische Comic-Künstler Marcel Ruijters, der dem Leben des Malers, einer der bedeutendsten Künstler des Mittelalters, im 500. Todesjahr eine detailverliebte Graphic-Novel widmet.

Die Niederlande feiern ihren großen Künstler, der sich selbst nach seiner Heimatstadt ’s-Hertogenbosch benannte. Dort zeigt das Het Noordbrands Museum noch bis zum 8. Mai die größte bisherige Übersichtsausstellung zu Hieronymus Bosch mit Leihgaben aus Madrid, Paris, New York.

Ruijters Buch, auf Deutsch im Avant-Verlag erschienen, ist Teil der Feierlichkeiten, eine Auftragsarbeit der Bosch 500 Foundation. Und es ist kein Zufall, dass sie Ruijters beauftragt hat. Der Künstler widmet sich schon seit Jahren mittelalterlichen Welten. Seine Bearbeitung von Dante Aligheris „Inferno“ wurde 2008 zur besten niederländischen Graphic Novel gewählt.

Vor rund 15 Jahren habe er begonnen, sich künstlerisch mit der Epoche zu beschäftigen, erzählt Ruijters. Denn für ihn stecken die mittelalterlichen Bildwelten voller Comic-Anspielungen: Sie erzählen Geschichten, sind suggestiv, und die figurative Darstellung geht bisweilen ins Groteske. Und das hat seine Gründe. Ruijters: „Die Menschen konnten damals weder lesen noch schreiben.“ Die Kirche setzte ihre Botschaften deshalb ins Bild. „Das führte zu dem Dilemma, dass gezeigt werden musste, was verboten war“, erzählt Ruijters. Aus heutiger Sicht mit durchaus komischen Ergebnissen.

Trotz Auftrag, die volle künstlerische Freiheit hat Ruijters bei seinem Werk behalten. Insgesamt fünf Jahre hat er recherchiert, die Story ausgearbeitet und gezeichnet. „Ich habe jeden Informations schnipsel gesammelt, den ich finden konnte“, sagt Ruijters. Denn wenig ist bekannt über Hieronymus Bosch. Nur einige Werke sind erhalten. Der Großvater kam aus Aachen nach ’s-Hertogenbosch, baute die Werkstatt auf, in der Jeroen van Aken als Hieronymus Bosch mit seinen Brüdern arbeitete. Auftraggeber waren der Klerus, der Adel und reiche Bürger aus ganz Europa. Darauf spielt Ruijters an, wenn er einen Besucher fragen lässt: „El Bosco está aquí?“ „El Bosco“, so wurde Bosch, als er zu Ruhm gekommen war, in Spanien genannt.

Ruijters erzählt zwar eine weitgehend fiktionale Geschichte vom „bescheidenen Handwerker“ bis zu dem Moment, als Lehrlinge Schlange standen und Könige die Werke kauften. Aber die Eckdaten und das Zeitkolorit stimmen. Vor allem in alten Theaterstücken hat er Sprache und Kultur der Zeit überliefert gefunden. „Es hätte so passieren können“, ist Ruijters Credo für seine Geschichte.

Tatsächlich deutet vieles daraufhin, dass Bosch seine Heimatstadt kaum verlassen hat. „Wahrscheinlich führte er ein wenig ereignisreiches Leben“, vermutet Ruijters. „Dafür war er ein umso genauerer Beobachter der Gesellschaft.“ Und Ruijters wiederum wurde zum genauen Beobachter der Bosch-Werke, die sich immer wieder bei ihm spiegeln. Bei einer Exekutions-Szene etwa habe er sich vom Bild „Vision der Hölle“ leiten lassen.

Natürlich sticht bei Bosch die symbolreiche Welt der Dämonen, das Surreale ins Auge. Aber: „Sein Werk ist nicht so träumerisch, wie wir denken“, glaubt Ruijters. „Er war ein genauer Beobachter der Gesellschaft.“ Entsprechend lässt er Bosch neben dem Galgen sagen: „Ich male, was ich hier sehe, als sei die Erde die Hölle einer besseren Welt.“ Und Ruijters warnt davor, Boschs Werk mit den Ideen unserer Zeit zu interpretieren.

Ruijters verbindet, das ist die große Stärke des Comics, Lebensstationen des Künstlers mit gut recherchierten Szenerien der Zeit. In kräftiges Rot taucht der Zeichner die Rückblende, als das große Feuer in der Stadt die Werkstatt bedroht. Schwindelerregend gerät die Perspektive, als Bosch vom neuen Kirchturm blickt. Szenen wie diese verdeutlichen immer wieder die Machtstellung des Klerus. Das Volk ergötzt sich an Exekutionen. Und selbst das Schwein, das am Strang sterben muss, ist von Fakten gedeckt, wie Ruijters herausgefunden hat. Tieren wurde moralisches Verhalten zugeschrieben, sie konnten sich schuldig machen.

Für sein Gesamtwerk erhielt Ruijters vergangenes Jahr den Stripschaprijs, den höchsten niederländischen Comic-Preis.

Von Dimo Riess

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