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Marienvesper beim Leipziger A-cappella-Festival

Thomaskirche Marienvesper beim Leipziger A-cappella-Festival

Wenn zwei Großereignisse zusammenfallen, dann kann man das Beste daraus machen. Genau das ist mit der Aufführung von Claudio Monteverdis Marienvesper am Freitagabend in der Thomaskirche gelungen. Was da geboten wurde, war große Klasse.

Marienvesper mit dem Ensemble Amarcord und der Lautten Compagney in der Thomaskirche.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Wenn zwei Großereignisse wie A-cappella-Festival und Katholikentag zusammenfallen, kann man das Beste daraus machen. Genau das ist mit der Aufführung von Claudio Monteverdis Marienvesper am Freitagabend gelungen. Obwohl zeitgleich die prominenten Wise Guys den Augustusplatz mit einem kostenlosen Konzert beschallen, ist die Thomaskirche bis fast auf den letzten Platz besetzt.

Mit dem Ensemble Amarcord und der Berliner Lautten Compagney unter der Leitung von Wolfgang Katschner haben sich zwei Ensembles mit ausgeprägtem Stilbewusstsein für frühbarocke Klangsprache zusammengefunden, 2014 bereits haben sie eine gemeinsame CD-Aufnahme der Marienvesper vorgelegt.

Katschners Einrichtung des Werks setzt mehr auf Purismus denn auf sakralen Prunk: Die Vokalsolisten bilden gleichzeitig den Chorapparat, die Orchesterbesetzung ist aufs Wesentliche reduziert. Entschlackung ist ein zentrales ästhetisches Credo. Da Monteverdi in der Druckfassung von 1610 zehn Sänger erwartet, holt man sich Unterstützung von Angelika Lenter und Hanna Zumsande (Sopran), Stefan Kunath und David Erler (Altus) sowie Sebastian Reim (Tenor). Die fünf Hinzugezogenen fügen sich bruchlos in das Vokalensemble ein und bekräftigen den ausgewogenen Klang, der der stilistischen Vielschichtigkeit der Marienvesper sehr entgegenkommt.

Sensibilität der Künstler

Auch wenn Monteverdi sich an die traditionelle Vesper-Liturgie hält: Kompositorisch wandelt er nicht auf eingetretenen Pfaden. Jede der insgesamt 13 Nummern legt Zeugnis von der schieren Kühnheit dieser Zusammenstellung ab, die wie wenige andere den überkommenen stile antico und den noch taufrischen stile nuovo amalgamiert. Geradezu irritierend, dass der erste Satz die aus Monteverdis epochemachender Oper L’Orfeo bekannte Gonzaga-Fanfare zitiert. Von Anfang an oszilliert die Marienvesper zwischen Geistlichem und Profanem. An keiner Stelle aber entsteht der Eindruck, dass man es mit einer widersprüchlichen Komposition zu tun hat. Das ist auch der Sensibilität der Künstler zu verdanken, die sich geschmeidig zwischen intimer Kammerbesetzung und großem Kirchenkonzert bewegen.

Die Vokalisten stellen ihr außerordentliches Können unter Beweis: Jeder ist Solist, Madrigalist und Chorist zugleich. Wie gut das funktioniert, hört man, wenn etwa die beiden Sopranistinnen im Pulchra es ätherisch ihre Stimmen verschmelzen oder wenn die Tenöre im dramaturgisch wichtigen Duo Seraphim virtuos die madrigalesken Koloraturen aussingen. Schlank präsentieren sich da die Stimmen, während sie im fulminanten zehnstimmigen Nisi Dominus mit üppiger Klangpracht jeden Winkel der Thomaskirche ausfüllen. Es klappt eben auch ganz ohne riesige Besetzung. Gerade in den großformatigen Psalmvertonungen besticht das Ensemble durch einen fein balancierten Ton, Soli und Chor stehen in einem Dialog, den niemand für sich zu entscheiden drängt. Stets sind die Sänger auf dieses kluge Wechselspiel bedacht, in dem sämtliche Stimmen mit einer breiten Klangfarbenpalette erfreuen.

Präzise austariert

Wolfgang Katschners plastisches Dirigat sorgt für eine organische und präzise austarierte Koordination zwischen Sängern und Instrumentalisten. Dezent mischt sich die Lautten Compagney unter oder zwischen die Gesangsstimmen, mal colla parte, mal kontrapunktierend, und schafft eine wohlig-warme Grundierung. Katschner verzichtet auf dicke Klangwände zugunsten eines durchsichtigen Orchestersatzes – man ist schließlich beim A-cappella-Festival. In ausgedehnteren Instrumentalpassagen wie der Sonata sopra „Sancta Maria ora pro nobis“ würde man sich eine reflexionsärmere Raumakustik wünschen, in der die flinken Läufe der Streicher und Bläser nicht verschluckt würden. Auch in der prall gefüllten Thomaskirche gehen die transparent gesetzten Instrumente gleichsam unter ihrem eigenen Echo unter. Gerade im letzten Satz, dem kontemplativen und höchst innigen Magnificat, reichen die Instrumentalisten mit ihren bisweilen rasanten Passagen nicht an die raumfüllende Präsenz des Sängerensembles heran. Hie und da zerfasert es an den solistisch exponierten Stellen. Davon bleibt jedoch die hervorragende Gesamtleistung ungetrübt.

Dass am Ende alle von ihren Plätzen aufspringen, um ausgiebigen Applaus zu spenden, mag zum einen an dem eher asketischen Sitzkomfort liegen. Ohne Frage aber war das Publikum von diesem Konzert hellauf begeistert.

Von Alexander Faschon

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