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Markanter Herbstbeginn

Guter Spartenmix und hohes künstlerisches Niveau prägen den Spinnerei-Rundgang mit rund 15 000 Besuchern Markanter Herbstbeginn

Rund 15 000 Kunstfreunde besuchten am Samstag und Sonntag zum Herbst-Rundgang das Leipziger Spinnerei-Gelände. Dabei bekamen sie in den beteiligten Galerien diesmal beinahe durchweg Spitzenklasse zu sehen.

TERRA MEDITERRANEA IN ACTION in der Halle 14. Installation CAMP MED von Zissis Kotionis

Quelle: Kempner

Leipzig. Dass der Beginn des Rundgangs auf den ersten verregneten Herbsttag des Jahres nach sagenhaftem Spätsommer fiel, war nicht planbar. So ging es am Sonnabend etwas verhaltener los als bei manchen vorhergehenden Rundgängen. Doch die Spinnerei hat als Kunstzentrum internationalen Ruf und das zweieinhalbmal pro Jahr zelebrierte Ereignis der kollektiven Vernissagen ist derart etabliert, dass die Statistik unterdessen keine Rolle mehr spielen muss. An der Qualität des Gebotenen ist ohnehin nicht zu mäkeln – sie ist diesmal praktisch durchweg Spitzenklasse. Es fällt schwer, irgendwelche Durchhänger zu benennen.

Im Umkehrschluss sind aber auch Hervorhebungen problematisch. Schon der für viele Besucher erste Anlaufpunkt – das Archiv Massiv – bietet mit Bildern von Johannes Tiepelmann hohes technisches Können in Kombination mit erzählerischer Dichte, so wie man es vom Label der Leipziger Malerei gemeinhin erwartet. Ähnlich lässt sich von Rayk Goetze sagen, der wieder einmal von der Josef Filipp Galerie präsentiert wird. Nicht allein wegen der kräftigen Farben stellen seine Bilder eine opulente Herausforderung für das Auge dar. Auch er vereint verfeinerte Malweise mit ausschweifenden Geschichten, in denen man sich verlieren kann. Am anderen Ende des Geländes sind bei The Grass is Greener die einst trockenen Bäume von Helge Hommes hoffnungsvoll ergrünt, untersetzt mit Anspielungen auf die Romantik. Eine ganz andere Note der ortsansässigen Malkultur setzt aber Jochen Plogsties bei ASPN. Wie man es von ihm kennt, interpretiert er Vorlagen von Mittelalter bis Internet auf seine persönliche Weise. Doch erhalten lineare Muster, zwischen Messtisch und Dekoration angesiedelt, immer größeres Gewicht.

Ein gekonnter Umgang mit dem Pinsel ist natürlich kein lokales Privileg. Das wird bei den sogenannten Umweltverschmutzungen von Jean-Xavier Renaud deutlich sichtbar, gezeigt von der Galerie Dukan, die ihren Hauptsitz in Paris hat. Manche von Renauds Tafeln und Blättern haben die Rotzigkeit von Schnipseln des Alltags, andere sind zu komplexen Stories verdichtet. Ohne Wissen um die Biografie könnte man ihn locker als echten Residenten der Spinnerei ansehen.

Von der Menge wie auch Güte halten sich diesmal das Gemalte und das Abgelichtete annähernd die Wage. Witzig sieht Hasahisa Tomiyasus Serie von Aufnahmen einer im Freien stehenden Tischtennisplatte in der Galerie B2 aus. Die Varianten der Nutzung zu allen Tages- und Jahreszeiten sind quasi unerschöpflich. Nur Ping Pong wird nicht gespielt.

Ganz anderer Art ist eine Fotoserie von Steffen Junghans in der bisherigen Maerzgalerie, die nun nach dem Inhaber schlicht Reiter heißt. Der für seinen Perfektionismus bekannte Leipziger Fotograf zeigt jetzt eine Serie gleichförmiger Porträts von Handys mit zerschmettertem Display. Der Goldgrund und die Art der Präsentation erheben die geschundenen Gebrauchsgeräte in den ironisch verklärten Rang von Ikonen.

Claudia Angelmaier, auch kein unbekannter Name, dekonstruiert hingegen in der Galerie Kleindienst Postkartenbilder von Wasserfällen vom Niagara bis zum Rinnsal im Harz, um die Stereotypie der Abbildungen sogenannter Sehenswürdigkeiten auseinanderzunehmen. Ein Rest an Retro-Charme bleibt trotzdem.

Gar nicht so typisch für Leipzig ist die unübersehbare Präsenz des Plastischen bei diesem Herbstrundgang. „Neue Arbeiten“ ist der schlichte Titel der Ausstellung Stephan Balkenhols bei Jochen Hempel. An diesen teils vollplastischen, teils als Relief gestalteten Werken wird deutlich, dass Balkenhol im Gegensatz zur Meinung vieler Gegner seines Leipziger Wagner-Monuments zu den herausragenden Bildhauern der Gegenwart gehört.

Ganz anders geartet sind die Plastiken von Cal Lane in der Galerie Art Mür aus Montreal, die für ein Jahr in der Spinnerei zu Gast ist. Aus Metall, das können auch mal Blechkanister sein, schneidet er filigran dekorierte Unterwäsche aus. Autoreifen werden aber zu Zopfträgern.

Ein sanftes Grinsen ist auch im Laden für Nichts angebracht. Ungewohnt für diese Galerie erscheint zunächst die formale Strenge der Holzkoffer mit aufgebrachten Zahlen. Der Ausstellungstitel „?“ hilft zweifellos weiter. Sind die auf dem Zettel verzeichneten Werke diverser Künstler tatsächlich in den Kisten drin? Sind die Zahlen Preisangaben? Unwichtig. Überraschung gelungen.

Ins Räumliche gehen ebenso die Werke der Stuttgarterin Birgit Brenner bei Eigen+Art. Sie schichtet popkulturelle Versatzstücke übereinander. Simulierte Einschusslöcher an den sauberen Galeriewänden verdeutlichen, dass die Spaßkultur dem Ende entgegengeht. Drucke schließlich sind wie gewohnt bei Thaler Originalgrafik zu finden, wodurch der Spartenmix vervollständigt wird. Diesmal wird Sebastian Gögel vorgestellt.

Der Vorteil des Rundgangs gegenüber ruhigeren Tagen ist, dass man Einblick in sonst verschlossene Bereiche wie viele Künstlerateliers oder die Stipendiatenprogramme LIA und Pilotenküche bekommt. Und man stößt auf Ausstellungen, die nicht einmal im Programmfolder verzeichnet sind, so die Hommage an den Fotografen F.C. Gundlach zu seinem 90. Geburtstag. Halle 14 wird ihrer Rolle als schlechtes Gewissen inmitten des Kunstmarkttrubels mit „Terra Mediterranea: In Action“ gerecht. Dass es weder um Urlaubserinnerungen noch um Kulinaria geht, ist klar. Das politische Thema Nummer 1 der Gegenwart wird künstlerisch behandelt.

Ein Gegenpol dazu ist die Präsentation eingeladener internationaler Gastgalerien von Bukarest bis Kopenhagen und Mexico City bis Melbourne. Der Mischmasch ohne kuratorisches Prinzip verdeutlicht, dass es hier um nichts Anders als kaufen und verkaufen geht.

Da ist er also doch noch zu finden, der Durchhänger. Dafür kam aber am Sonntag die Sonne heraus.

Von Jens Kassner

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