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Martin Engler vor Leipziger Konzert: „Aus der Geschichte wird nichts gelernt“

Interview mit Mono Inc. Martin Engler vor Leipziger Konzert: „Aus der Geschichte wird nichts gelernt“

Im Gothic-Rock sind Mono Inc. eine Institution. Das Hamburger Schwarz-Quartett steht für viel Melodie und tanzbare Ohrwürmer. Vor dem Leipziger Konzert erklärt Sänger Martin Engler (45), weshalb es jetzt auf eine tragische Seereise geht, sich Geschichte leider wiederholt und die Band ab dem Sommer eine Pause einlegt.

Der Käpt’n und seine Crew: Mono Inc. um Sänger Martin Engler (2. von rechts) stechen mit ihrem neuen Album in See. Die Hamburger kommen demnächst nach Leipzig und Dresden.

Quelle: Sebastian Schmidt

Leipzig. Interview mit Martin Engler:

Die letzten vier Alben alle in den Top Ten, massenweise Ohrwürmer – und jetzt stecht ihr mit dem Konzeptalbum „Together Till The End“ in See. Warum startet ihr ausgerechnet im Jahr 1722?

Na, erstmal bin ich ein Hamburger Junge. Das heißt, man wächst mit Hafen, Seefahrt und Landungsbrücken auf. Es brennt sich einfach in die Gehirnwindungen ein, wenn man jeden Tag am Störtebeker-Denkmal mit dem Hund langgeht. Im konkreten Fall war es so, dass wir Anfang 2016 mit unserem Live-Album im Hafenklang-Studio in Hamburg gesessen haben – mit Blick auf den Hafen, die Container, die Riesenschiffe. Und das alles bei typischem grauen Schietwetter. Da packte mich, da packte uns das Fernweh und wir fragten uns, wie es wohl gewesen sein muss, vor ein paar hundert Jahren die Elbe runter und raus aufs Meer ins Ungewisse zu fahren. Die Zahl 1722 kommt dabei nicht von Ungefähr: In dem Jahr lief die „Wappen von Hamburg“ als erstes Schutzschiff vom Stapel, die die Passagiere in unbekannte Welten gebracht hat.

Sind es diese unbekannten Welten, in die ihr auch eure Hörer mitnehmen möchtet?

Es geht um den Aufbruch und auch um den Mut, etwas Neues zu wagen. Der Albumtitel bedeutet ja nicht anderes als „Gemeinsam sind wir stark“. Dass man sich also zusammenschließt und gemeinsam neue Welten entdeckt. Das muss nicht immer von Erfolg gekrönt sein, aber die Chancen, dass es gut läuft, sind besser, wenn man zusammenhält. Außerdem sind aktuell auch einige Parallelen zu ziehen: In diesen Tagen befinden sich wieder viele Menschen bei ihrer Suche nach einer besseren Welt auf der See.

Ganz ehrlich: Ich hatte euch nicht unbedingt als so politische Band in Erinnerung.

Wir wollen nicht als Lehrmeister auftreten oder mit dem erhobenen Zeigefinger wedeln. Aber wir betrachten mit Sorge, wie sich Geschichte wiederholt. Da wird ein Erdogan beispielsweise zum neuen Führer ernannt oder werden Kriege geschürt. Das ist das Unfassbare an der Menschheit: Dass aus der Geschichte offenbar nichts gelernt wird. Auch was 1722 war, sollte sich nicht wiederholen – und doch sind Parallelen zu heute erkennbar. Das ist das eigentlich Frustrierende.

Ihr habt zum ersten Mal nach langer Zeit wieder komplett auf Englisch getextet. Resultiert dieser Sinneswandel auch aus der Geschichtsbetrachtung?

Eher nicht. Es handelt sich um ein Konzeptalbum, das im Hamburger Hafen beginnt und die Reise der Gruppe beschreibt – und ein Konzeptalbum lässt es einfach nicht zu, zwischen Sprachen und Sounds zu springen, denke ich. Der erste Song des Albums war Englisch, womit die Sprache vorgegeben war. Und zum historischen Kontext: Als wir uns mit der Zeit vor 300 Jahren beschäftigt haben, mussten wir viele erschreckende Parallelen zum aktuellen Weltgeschehen feststellen.

„Irgendwann landest du wieder beim Pizzabäcker“

Mit der Rückbesinnung auf das Englische geht eine Wiederentdeckung eures alten Stils einher: Ihr habt den Pop weitgehend abgelegt und klingt rauer. Siehst du das auch so?

Inzwischen muss ich sagen: Ja. Das hängt einerseits mit dem Thema des Albums zusammen, andererseits entwickeln wir uns musikalisch natürlich weiter. Wir sind schließlich keine Dieter Bohlens, die x-Mal den gleichen Song aufnehmen, sondern suchen nach neuen Geschmäckern, nach neuen Songideen. Das ist wie beim Essen: Du gehst jahrelang zum Pizzabäcker, bis du auch mal etwas Anderes probieren möchtest, danach testest du von Molekularküche bis Sushi alles aus – und irgendwann, nach ganz vielen Experimenten, landest du wieder beim Pizzabäcker und willst einfach nur eine Margherita. Du findest diese einfachste Pizza dann wieder zum Niederknien gut.

Mit den Wandlungen mutet ihr euren Fans aber auch einiges zu.

Ganz sicher, und wir sind dankbar, dass die meisten alten Fans das alles mitgemacht haben und viele neue Fans hinzugekommen sind. Sie haben uns machen lassen, worauf wir Lust hatten, selbst wenn es ab und an kleinere atmosphärische Schwankungen gab. Auch deshalb mussten wir uns keinen wirtschaftlichen Zwängen beugen. Genauso hat die Plattenfirma nicht eingegriffen. Das ist heutzutage ganz sicher ein Glücksfall.

Das Ausprobieren ist jetzt beendet?

Auf den letzten drei Alben sind wir eine Reihe neuer Wege gegangen, hinzu kam die deutsche Komponente. Das war extrem spannend, weil es eben neu war. In meiner Gefühlswelt ist die deutsche Phase aber jetzt vorbei, und es ist schön, wieder nach Hause zu kommen, an unseren alten Stil anzuknüpfen. Die neue Platte steht sicherlich zu einem Großteil unter dem Siegel „Back To The Roots“ – aber in einem erwachsenen Sound. Wir sind zehn Jahre zusammen und sind in dieser Zeit besser geworden. Das hört man einfach.

„Ich möchte einfach nur mal nichts müssen“

Auf der Platte ist auch Orchester zu hören, was zum Breitband-Sound entscheidend beiträgt. Wie setzt ihr das auf der Tour um?

Mittlerweile gibt es technisch Mittel und Wege, da einige Einspieler an den richtigen Stellen zu platzieren. Ansonsten setzen wir vier natürlich von Händen bis Füßen live ein, was wir haben, um unsere fetteste Tour überhaupt daraus zu machen. Daneben haben wir zum Beispiel sechs Mönche als Trommler mit auf der Tour. Die Show wird ein Spektakel für Augen und Ohren, das ich genießen werde.

Es ist aber auch ein Wermutstropfen dabei: Obwohl ihr aus der schwarzen Szene nicht mehr wegzudenken seid und euch auf dem Höhepunkt befindet, plant Mono Inc. ab dem Sommer eine Pause von unbekannter Länge. Wollt ihr aufhören, wenn’s am schönsten ist?

Also, wir hören definitiv nicht auf. Und wir haben uns auch nicht satt, wie es ab und an kolportiert wird. Es ist nur so, dass wir die vergangenen zehn Jahre permanent gearbeitet haben. Das war ein sehr durchgetaktetes Leben zwischen Studio, Touren, Promo und so weiter. Die Zeit ist einfach gekommen, um mal ein paar Gänge runterzuschalten, damit wir das alles auch wieder zu schätzen wissen. Allen ist klar: Es ist ein Privileg, dieses Leben wie wir leben zu dürfen – aber wenn man nur noch zwischen Tourbus, Aufnahmen, Party und Band-Verpflichtungen lebt, fängt man vielleicht an, dieses Leben nicht mehr genügend würdigen zu können. Hinzu kommt, dass wir mittlerweile Familien haben, die über die Jahre viel zu kurz gekommen sind. Da gibt es einen großen Nachholebedarf. Und ich freue mich auch darauf, beispielsweise mal wieder ganz spontan zu einem Konzert oder ins Kino gehen zu können, was seit einer Ewigkeit nicht möglich war. Oder, wie ein ganz normaler Mensch, die Steuererklärung pünktlich abzugeben. Kurz gesagt: Ich möchte einfach nur mal nichts müssen.

Wann ist also mit eurer Rückkehr zu rechnen?

Das lässt sich heute nicht sagen. Wir wollen den Job lieben und uns freuen, mit voller Kraft loslegen zu können. Mit Mitte 40 wird es auch Zeit, auf den Körper zu hören und ihn ein wenig zu pflegen. Deshalb gibt es keine Pläne, wie lange die Pause gehen sollte. Ich schätze, es könnte ein Jahr werden. Aber wer weiß das schon? Wenn wir wieder Lust haben, dann gibt es auch ein neues Album.

In Leipzig: Sonnabend, 6. Mai, 20 Uhr, Haus Auensee (Gustav-Esche-Straße 4), Vorverkauf 28,10 Euro. In Dresden: Freitag, 12. Mai, 20 Uhr, Alter Schlachthof/Kleinvieh (Gothaer Straße 12), Vorverkauf 28,10 Euro.

Karten gibt es unter anderem in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 und auf www.lvz-ticket.de

Von Andreas Debski

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