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„Martin Luther legte den Grundstein für den modernen Sozialstaat“

Reiner Haseloff im Interview „Martin Luther legte den Grundstein für den modernen Sozialstaat“

2017 ist das Jahr, in dem 500 Jahre Reformation gefeiert werden. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) zu Martin Luther, seinen Vorfahren und der wirtschaftlichen Chance, die das Jubiläum für Sachsen-Anhalt bedeutet.

Reiner Haseloff, Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt.

Quelle: dpa

LVZ: Sachsen-Anhalt feiert im kommenden Jahr Luther und 500 Jahre Reformation. Wie wichtig ist dies für ein Land, in dem die Mehrheit der Bürger seit Jahrzehnten konfessionslos ist?

Reiner Haseloff: Dem überwiegenden Teil der Bevölkerung ist die weltgeschichtliche Bedeutung dieses Ereignisses sehr bewusst, egal ob einer Konfession angehörig oder nicht. Und ihnen ist sicher auch der wirtschaftliche Aspekt klar. Sachsen-Anhalt als Kernland der Reformation wird von diesem Ereignis überaus profitieren, insbesondere natürlich der Tourismus. Es werden viele neue Arbeitsplätze entstehen.

Wie feiert der Katholik Haseloff dieses Jubiläum?

Genauso mit Herzblut wie die Protestanten. Kirchengeschichtlich ist unbestritten, dass ohne Reformation auch die Aufklärung nicht möglich gewesen wäre. Über beide Konfessionen hinweg gab es eine progressive Entwicklung hin zum modernen Sozialstaat. Martin Luther und andere Reformatoren legten dafür den Grundstein.

Stimmt es, dass Ihre Vorfahren Luther persönlich kannten?

„Urahn“ Kilian Haseloff war zu Luthers Zeiten Stadtrat in Wittenberg und einer derjenigen Räte, die 1565 Cranach den Jüngeren zum Bürgermeister wählten. Die Familie meines Vaters reicht bis weit vor Luther zurück. Bei den Haseloffs handelt es sich aber nicht um ein Adelsgeschlecht, sondern um eine Großfamilie – allesamt Flamen, die sich vor rund 850 Jahren in der Region um Wittenberg niederließen und den Ort gleichen Namens begründeten.

Sie sollen zu DDR-Zeiten Melanchthon, dessen Denkmal neben dem von Luther auf dem Marktplatz in Wittenberg steht, einen Kranz umgehängt haben. Ein Zeichen der Rebellion gegen den Staat?

Rebelliert haben wir nicht. Wir waren Schüler des Philipp-Melanchthon-Gymnasiums in Wittenberg und erwiesen nach Abschluss des Abiturs dem Gelehrten unsere Hochachtung. Melanchthon revolutionierte gemeinsam mit Luther das Bildungssystem. „Kein Glaube ohne Bildung“ war sein Credo. Dass dies nicht gern gesehen war, können Sie sich denken.

Weit vor den Luther-Festspielen, wie einige Kritiker das Reformations-Jubiläum wegen des wuchtigen Programms umschreiben, gab es bereits Unmengen an Veranstaltungen. Gibt es ein Ereignis, das im Gedächtnis bleibt?

Trotz der Fülle sind mir einige in guter Erinnerung. Ganz besonders der Besuch des päpstlichen Chors der Sixtinischen Kapelle in der Marienkirche in Wittenberg. Die Predigt-Kirche Martin Luthers war seit der Friedlichen Revolution nicht mehr so gut besucht. Einige Besucher mussten sogar draußen stehen. Ich habe vor dem Konzert die Gäste aus Rom durch die Stadt geführt bis zum Grab Luthers in der Schlosskirche. Als der Chor der Sixtinischen Kapelle an Luthers Grab stand, stimmte er spontan die Palestrina-Motette „Tu es Petrus“ an. Das war so ergreifend, dass einige – ich auch – vor Rührung feuchte Augen bekommen haben.

Der Papst hat Ihre im vergangenen Jahr in Rom ausgesprochene Einladung nach Wittenberg nicht angenommen. Sind Sie enttäuscht – verständlich wäre es, denn der Symbolcharakter für das Miteinander von römisch-katholischer und evangelischer Kirche 500 Jahre nach der Reformation wäre gewaltig gewesen?

Ich habe ihn nicht zu den Feierlichkeiten im kommenden Jahr eingeladen, weil mir klar war, dass es erstens Sache der Kirche wäre und zweitens ein Besuch dem Fest der Protestanten eine völlig andere Gewichtung geben würde. Ich habe ihn gebeten, Ostdeutschland zu besuchen. Obwohl nur eine Minderheit, haben die Christen großen Anteil am Fall der Mauer. Die Friedliche Revolution ist bekanntlich stark von ihnen beeinflusst worden. Mit seinem Besuch würde Franziskus dieses Engagement würdigen. Er hat es positiv aufgenommen, ohne ein Datum für eine mögliche Reise zu nennen.

Luther ist in aller Munde, die Zahl der Veranstaltungen wächst im kommenden Jahr auf einige Hundert. Besteht da nicht die Gefahr des Überangebots?

Das glaube ich nicht. Das sind keine Pflichtveranstaltungen, sondern alles Angebote. Man kann auswählen. Wen das verwundert, der versteht nicht, wie vielschichtig Luther ist und wie weit die Auswirkungen der Reformation reichen. Schon jetzt suchen uns Einheimische, aber auch Besucher aus anderen Bundesländern und dem Ausland auf, um auf den Spuren des Reformators zu wandeln. Ich rechne mit Gästezahlen in sechsstelliger Höhe allein aus den USA und aus den skandinavischen Ländern, wo die Protestanten die Bevölkerungsmehrheit bilden.

Gehen bei diesem großen Angebot Projekte wie „Luther war hier“ nicht unter?

Orte, an denen sich der Reformator aufgehalten hat oder um die sich Legenden ranken, stehen hoch im Kurs bei den Besuchern. Aber auch den eigenen Bürgern soll ihr geschichtsträchtiger Ort bewusst werden. Solche Orte, über 60 in Sachsen-Anhalt, werden mit einer Metall-Plakette gekennzeichnet, die einen QR-Code trägt. Per Handy lassen sich so Informationen zum jeweiligen Bauwerk und Ereignis abrufen. Das wird gut angenommen. Das gilt auch für den Lutherweg. Noch als Wirtschaftsminister habe ich das gemeinsam mit einem Pfarrer und der Tourismusverantwortlichen des Kreises Wittenberg initiiert. Ursprünglich verband die Route nur die Städte Eisleben und Wittenberg, inzwischen sind auch Thüringen, Sachsen, Hessen und Bayern daran beteiligt.

Wie würden Sie einem Kind in wenigen Worten erklären, wer Martin Luther war und welche Verdienste er hat?

Ein Mönch, Theologe und Reformator, der nicht nur sehr viel für die Kirche bewirkt hat. Die von ihm angestoßenen Reformen haben Auswirkungen bis heute. Luthers Bibelübersetzung führte zur Vereinheitlichung der vielfältigen Dialekte im deutschen Sprachraum – wichtig für die Herausbildung eines Nationalbewusstseins. Zu verdanken sind Luther und seinem Freund Melanchthon letztlich auch die Einrichtung der Volksschulen. Und es fiele mir noch einiges mehr ein.

Es gibt heute Christen, die empfinden es in Zeiten des ISIS-Terrors als fast schon anstößig, über Glauben zu reden – was sagen Sie denen?

Der Glaube an Gott und die Kirche kann gerade in schwierigen Zeiten Richtschnur und Kompass sein. Es geht darum, christliche Werte hochzuhalten auch dann, wenn andere aus vermeintlich religiösen Gründen Menschenrechte mit Füßen treten. Im Übrigen spielt Religion weltweit weiterhin auch politisch eine relevante Rolle. Kenntnisse über die eigene Religion und die der anderen sind deshalb überaus wichtig. Hier besitzen wir auch eine gewisse Kompetenz.

Stehen Sie hinter den Forderungen der CDU aus Sachsen-Anhalt nach einem Burka-Verbot?

Wichtiger als juristische Verbote ist eine schnelle und effektive Integration, um die Entstehung von Parallelgesellschaften zu vermeiden. Daran müssen wir arbeiten. Nur so kann es gelingen, dass die zu uns gekommenen Menschen unsere Werte uneingeschränkt anerkennen und annehmen. Dazu gehört die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Toleranz gegenüber Andersdenkenden, Gläubigen und Nicht-Gläubigen. Assimilation ist ein Prozess. Am Ende muss allerdings die uneingeschränkte Anerkennung unserer Grundrechte stehen. Ohne dieses Bekenntnis geht es nicht.

Interview: Andreas Dunte

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