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Martin Walser veröffentlicht eine neue Novelle: „Mein Jenseits“

Martin Walser veröffentlicht eine neue Novelle: „Mein Jenseits“

Zwischen zwei Romanen beim Rowohlt Verlag überrascht Martin Walser (82) mit einer Novelle, die bei der kleinen Berlin University Press erscheint. Deren Chef Gottfried Honnefelder nämlich habe er „zu irgendeiner Zeit“ versprochen, ein Buch bei ihm zu machen, wenn er mal einen Verlag hat.

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Martin Walser veröffentlicht mit „Mein Jenseits“ eine neue Novelle.

Quelle: dpa

Leipzig. Nun hat er. Und bei der Arbeit zum Roman „Muttersohn“ wiederum habe sich eine Partie verselbstständigt, „brauchbar, um jenes Versprechen einzulösen“: „Mein Jenseits“.

„Die Unerklärlichkeit ist unnahbar.“ Martin Walser wagt es trotzdem. „Sie hat keine Risse. Keine Mimik. Keine Atmosphäre“. Er macht sie sichtbar. „Als solche ist sie das Mächtigste, das es geben kann.“ Darum geht es ihm in dem schmalen Buch, das mit Gewinn und Genuss lesen kann, wer Glaubens-Sätze schätzt und Barfüßigkeit auf dem Weg der Erkenntnis.

August Feinlein ist ein liebender Mann. Nach seinem 63. Geburtstag hat er aufgehört, die Jahre zu zählen. Also ist er 63, „seit längerem“. Er ist Chefarzt am Psychiatrischen Landeskrankenhaus in Scherblingen. Seinem Gegenspieler Heinfried Bruderhofer,  dem Ärztlichen Direktor, geht es um die Karriere. Feinlein geht es um sein Jenseits. Das findet er in Rom, im Glauben, nur in der gelebten Liebe nicht. Walsers Novelle ist ein Gespinst aus Vergewisserungen. Darauf bereitet er die Leser vor mit einem Bericht von Knecht Konrad, der mit dem Alter komisch wurde, wie man so sagt, also sonderbar, skurril. Er spricht nur noch mit Tieren und schläft auf dem Heuboden. So ist er auf seine Weise der Interessanteste in seinem Dorf, in dem es „eine Art Extra-Menschenrecht für Älterwerdende“ gibt, eine Kultur im Umgang mit Komischwerdenden.

Feinlein ist so ein komischer Mann. Im ausführlichen Selbstgespräch reist er weit zurück zu den Vorfahren, um seiner Sehnsucht eine Richtung zu zeigen. „Der Bruderhofer ist mit der Frau verheiratet, die meine Frau sein könnte“: Eva Maria (59). Feinlein hatte sie vor vielen Jahren bei einem Latein-Seminar kennengelernt, sie waren mal so etwas wie verlobt, bevor sie Richard Sandro Graf von Wigolfing heiratete, der später beim Versuch, als erster Über-60-Jähriger die Eiger-Nordwand im Alleingang zu bezwingen, erfror. Bis dahin unterschreibt sie Karten an Feinlein noch mit I W D I L, BB: Ich werde dich immer lieben, bis bald. Ein Satz, wie eine Reliquie. Doch dann heiratet sie ausgerechnet Bruderhofer (41), grüßt nun nur noch „in Liebe“, und von da an führt Neid Regie in diesem Bericht von Versäumnissen und Strafe. Neid und die Auseinandersetzung mit Ausweglosigkeit.

Feinlein ist ein wissender Mann: „Die Bedingung, die allein den Glauben produziert, heißt Ausweglosigkeit. So lange noch etwas möglich ist, glaubt man nicht.“ Er befragt Psychologie, Logik, Astrologie, Philosophie, Religion und erfährt: „Glauben ist eine Fähigkeit. Eine Begabung. Eine Kraft. Du spielst den Ball. Er kommt zurück, je nachdem wie du ihn gespielt hast.“ Walser stapelt klare Sätze wie fürs Poesiealbum, ein Poesiealbum für dem Diesseits Entwachsene. „Das Jenseits muss schön sein. Sonst kannst du es gleich vergessen.“

Feinlein ist ein leidender Mann. Er leidet in opulenten Bildern. Gott „ist die Schaufensterpuppe, die mir winkt, wenn ich vorbeigeh’“. Er leidet in abschließenden Feststellungen: „Wir sind ein Echo von etwas, das wir nicht kennen.“ Walser inszeniert einen Kampf Resignation gegen Ehrgeiz, Heilung gegen Zerstörung, Glauben gegen Fakten. Doch lässt er seinen Ich-Erzähler den Kampf nicht führen, er baut ihm eine Zelle, in der die Gefühle keiner Wirklichkeit entsprechen, in der Gedanken kreisen und er seine Theorie vom Glauben und dem Wesen der Reliquien entwickelt. Es sei nicht wichtig, dass eine Reliquie echt ist. Zu glauben, dass sie es sei, mache sie zu einem unvergänglichen Schatz.

Feinlein ist ein Opportunist des Schicksals. Er schaut weg, wenn das Leben an ihm vorbeigeht. „je mehr einer den Prozess gegen sich betreibt, desto mehr wird daraus Ironie“, schreibt Walser. Löst dies auch ein, wenn er einräumt, man müsse es aushalten, sich zum Rätsel zu werden. Er will die Wörter entmachten, doch sie lassen sich nicht abweisen, so wenig wie die Stimmen der Erfahrung, von denen eine Zweifel flüstert und die andere Mut. Bruderhofer nämlich triumphiert, weil er handelt. Dazu entschließt sich zwar auch Feinlein, „von einer Notwendigkeit durchdrungen“, doch seine Stunde Null ist eher ein Moment der Bilanz, als des Ausblicks. „IN LIEBE ist mein Jenseits. Glauben, was nicht ist. Dass es sei.“

So bleibt Feinlein ein hoffender Mann. Denn mit dem Unerklärlichen könne man nur leben, weil man auf Erklärung hofft. Die freilich liefert Walser nicht. Er macht nur ein Angebot.

Janina Fleischer

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