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Martin Walsers „Ein sterbender Mann“

Neuer Roman Martin Walsers „Ein sterbender Mann“

„Etwas so schön sagen, wie es nicht ist: Das ist die Urformel für das Schreiben“, hat der Schriftsteller Martin Walser im LVZ-Interview gesagt. In seinem neuen Roman „Ein sterbender Mann“ gelingt ihm das auf ungewöhnliche Weise. Es geht um Verrat, Liebe und Tod.

Martin Walser in seinem Haus in Nußdorf bei Überlingen.

Quelle: dpa

Leipzig. „Ich beneide keinen, der noch länger leben muss, nur weil er jünger ist.“ Das schreibt in einem Online-Suizidforum Franz von M. Eigentlich heißt er Theo Schadt, war Geschäftsmann und auch Bestsellerautor von Büchern wie „Wolkenbruch. Anleitung zur Selbstbefriedigung“, ist 72, Opfer eines Verrats, und er hat Zeit. Nicht in Jahren, die nennt sein Arzt nur noch „Frist“, nein, er nimmt sich heraus, sein Leben ein letztes Mal zu drehen und zu wenden. Provoziert durch einen Satz: „Mehr als schön ist nichts.“

Mit dieser Behauptung beginnt der Roman „Ein sterbender Mann“ von Martin Walser. „Gesagt oder geschrieben oder gesagt und geschrieben“ hat ihn ein nicht näher bezeichneter Schriftsteller, es ist Walser selbst, dem Theo Schadt einen Brief schreibt „in der verwegenen Hoffnung, es interessiere Sie, wie, was Sie von sich geben, bei Menschen ankommt.“ Auch um sich zu erklären, wichtiger noch: zu vergewissern. Bald darauf wird im Suizidforum auch eine Frau Namens Aster zur Adressatin, später Sina Baldauf, Kundin seiner Frau, deren Erscheinen, für Schadt ist es eher eine Erscheinung, alles in Gang bringt und zu einem Ende.

Das Schöne steht dem Tode nah

Der Roman ist erneut ein Alterswerk. Nicht, weil Martin Walser im März nun 89 wird. Sondern weil er das Verschwinden zum Thema macht – direkt in der Notatensammlung „Ums Altsein“ und indirekt im Todeswunsch. Dabei ist diese Geschichte, ist Walsers Haltung zu seiner Hauptfigur durchdrungen vom Esprit heiterer Gelassenheit, die der Ironie nahesteht. Von Mäßigung beim Fabulieren keine Spur. Nicht in der wilden Abfolge von Briefen, Träumen, Notaten. Nicht in der Sprache: Schadts ins Zudringliche spielende Aufbäumen gegen Bedeutungslosigkeit sinkt nach der Begegnung mit dem „Schönsein“ ins Nichts. „Den Wörtern kündige ich. Sie haben nicht geholfen.“ Vielleicht steht das Schöne dem Tode nah.

Theo Schadt schreibt also dem „Herrn Schriftsteller“, erzählt vom langjährigen Freund Carlos Kroll, jenem mehr als 20 Jahre jüngeren Dichter, der ihn verraten, ihm die Geschäfte ruiniert hat. Wofür Schadt keine Erklärung findet, keinen Grund – und daher auch keinen Boden mehr unter den Füßen. Lebensmüde betritt er das Online-Suizidforum, durchstreift die „Formulierungswälder der Suizidalen“.

Martin Walser

Martin Walser: Ein sterbender Mann. Rowohlt Verlag; 287 Seiten, 19,95 Euro

Quelle: Rowohlt Verlag

Die buchstabieren in diesem Roman das Überleben. Denn sie beschreiben, wofür im Bewältigungsvokabular nur die Wörter fehlen oder falsch sind, aufgepumpt mit Trost und Lügen. Oder banal wie die Verse des Dichters Carlos Kroll: „Sprachgewänder weben/ gegen die Kälte der Welt./ Die Stirne entflechten. Schmerzreis verbrennen. Leicht sein, als wärst du’s.“ Dem „Verein für Gute Dichtung“ ist das einen Preis wert – Verleihung und Laudatio treibt Walser zur Persiflage. Nicht immer liegt die Komik so offen wie hier.

Als Theo Schadt im Tango-Laden seiner Frau Iris an der Kasse aushilft, trifft ihn der Blitz. Eine Explosion aus Licht. Ausgelöst von Sina Baldauf, einer, wie er in der Kundenkartei herausfindet: Büroleiterin, vor allem aber Tango-Tänzerin. „Es befällt ihn.“ Er mailt ihr. „Das hatte er jetzt auch gelernt: Briefe so zu schreiben, dass er sie nicht abschicken kann. Er ist sein eigener Adressat geworden“.

Als seine abschickbaren Zeilen Sina erreichen, treffen sie zu. „Ich habe mich zeit meines Lebens falsch und verirrt gefühlt auf der Welt“, antwortet sie. Sie beschreibt die Wirkung, die Schadt auf sie ausübt. Es ist Wort für Wort ein Wirken und Wirken. „Es ist diese Frau, die ihn durch hundert Empfindungen spüren lässt, wie er wirkt, also doch ist!“ Das „macht aus ihm einen Menschen, der sich seiner selbst sicher sein darf. Das geht, gesteht er, bis zum Selbstgenuss.“

Wörter gegen Wirklichkeit

Im gleichen Maß, wie die Berichte im Suizidforum Theo Schadt bestätigen, insbesondere das Wort „irreversibel“ hat es ihm angetan, verschafft Sina Baldauf ihm Belebung. Nicht auf jene törichte Weise, wie alternde Männer und junge Frauen einander zuweilen begegnen. Vielmehr in den Bahnen einer Unausweichlichkeit, wie sie der Liebe auf den ersten Blick ähnelt. Dabei kann die Vokabel Liebe dieser Anziehungskraft gar nicht gerecht werden. Nicht einmal Seelenverwandtschaft. Denn es gibt nur eine Vorstellung von dem, was möglich wäre. Aber „sind Schwüre weniger wert, wenn ihnen nichts folgt, was konsumierbar ist“, fragt Schadt und verbleibt als „Dein Irrealo“. Das lässt sich auch über Erotik sagen – zelebriert im Tanz, den Schadt aus Sinas Erzählung kennt. „Etwas so schön sagen, wie es nicht ist: Das ist die Urformel für das Schreiben“, hat Walser im LVZ-Interview gesagt.

Dem geschäftlichen Ruin folgt der moralische. Schadt verlässt seine Frau, die „Göttliche Iris“, in emotionaler Ambivalenz. Er fühlt sich nicht von ihr getrennt, was an ihrer Verzweiflung freilich nichts ändert. Unbenennbar werden Zustände und Zuweisungen. Natürlich ist es nicht Zufall, was diese Menschen zusammenführt und voneinander weg. Dem einen Verrat folgen andere, alles hat mit allem zu tun. Identitäten gehen ineinander auf und formieren sich zum Selbstgespräch für drei Stimmen. Sie heben an im vertrauten Walser-Ton, von dem ein Zauber ausgeht, der – besonders in dieser ungewöhnlichen Roman-Form – Hingabe braucht.

Am Ende bleibt „eine Mauer aus Wörtern gegen jede Art Wirklichkeit“. Am Ende bleibt die Frage, was wirklich war. Am Ende überlebt der Sterbende alle. Er hat alle verloren, und er hat alles gewusst. Für einen Moment vor dem Nichts.

Martin Walser: Ein sterbender Mann. Rowohlt Verlag; 287 Seiten, 19,95 Euro

Von Janina Fleischer

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