Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 8 ° heiter

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Maskiert: Tilo Esches "Romeo und Julia" am Gohliser Schlösschen

Maskiert: Tilo Esches "Romeo und Julia" am Gohliser Schlösschen

Weder Robert de Niro noch Til Schweiger verfügen offenbar über freie Spitzen. Die ansonsten sehr unterschiedlichen Schauspieler eint ja, dass sie in abendfüllenden Filmen häufig mit lediglich einem einzigen Gesichtsausdruck über die Zeit kommen.

Zumindest behilft sich das Leipziger Unternehmen Bühne, dessen "Romeo und Julia" am Samstag im Hof des Gohliser Schlösschens eine umjubelte Premiere erlebte, mit einem anderen Trick, um jede Mimik zu vermeiden: mit Masken.

Sehr eigenwillige und vor allem große Masken, 13 an der Zahl, haben Anita Kriebel, Laura Heider und Hannah Münninghoff aus Montageschaum, Tapetenkleister und Parkett-Lack gefertigt. Wenn also zu Beginn von Thilo Esches Inszenierung Dietmar Voigt mit einem riesigen Schädel und vergleichsweise kleinen, zitternden Händen als alter Montague über die Bühne wackelt, wirkt das sofort komisch. Vielleicht ist die Herausforderung dieses Maskenspiels somit nicht allein, trotz starrer Gesichtszüge Gefühle auszudrücken. Darüber hinaus gilt es bei aller Sommertheater-Leichtigkeit und allem Wortwitz Shakespeares ja, eine Tragödie zu erzählen: von verfeindeten Sippen in Verona und vom berühmtesten Liebespaar der Weltliteratur.

Den Schauspielern Masken aufzusetzen, ist kein neuer Kniff. Schon im antiken Theater wollten Darsteller so die Gemütszustände ihrer Figuren plakativ vorführen. Die Leipziger Maskenbildner haben sich indes ein entgegengesetztes Ziel gesetzt: möglichst ambivalente Mienen zu zimmern, die der Liebe weder in ihren Höhen noch Tiefen im Weg stehen.

Bemerkenswerterweise gelingt das. Oder liegt es allein an den hängenden Schultern und am lustlosen Gang, den Ricardo Endt Romeo verleiht, dass die Maske eine Mischung aus schlechter Laune und Lakonik ausstrahlt? Ist es später nur dem euphorischen Tonfall geschuldet, dass sein Mund auf einmal verzückt scheint, während die Hand die von Julia hält? Wirkt Julia zuerst nur deshalb so jung, weil Nina Föhr sportlich umherspringt? Und mutet ihr Ausdruck später allein aus dem Grund gereift an, dass sie als Liebende eher wandelt als hüpft?

Entweder das - oder die Masken sind von Zauberhänden gebaut. Oder aber ein Mensch deutet noch viel mehr in Gesichter hinein, als man eh dachte. So oder so oder so: Das Ensemble spielt Shakespeare zuerst beschwingt, bald schwermütig, aber nie oberflächlich - und das jedenfalls nicht trotz der Masken.

Bis zur Pause inszeniert Esche die Tragödie sowieso als Komödie. Julias Vater Graf Capulet (wieder Voigt) verhandelt mit dem tuntigen Paris (Marco Runge) über die Tochter, während er Gymnastik turnt. Zu Enno Seifrieds grooviger Musik tanzen Capulet übertrieben steif und Julias Amme (lustvoll gespielt von Elena Lorenzon) überdreht agil. Das Schlösschen ist nicht nur Kulisse, seine Fenster sind zudem Spielorte. Als Romeo von unten Julia anschmachtet, stellt er furchtsam fest: "Oh nein, der Hocker ist zu klein / Und Höhenangst stellt auch sich ein." Montague hastet mit immer neuen Gehhilfen über die Bühne und rezitiert Sinnsprüche mal von König Lear ("Oft büßt das Gute ein, wer Besseres sucht"), mal aus einer Chauvi-Sammlung: "Frauen und Suppen soll man nie warten lassen. Sonst werden sie kalt."

Erst, als während des zweiten Teils allmählich die Sonne untergeht, verdunkeln sich auch Spiel und Handlung - effektvoll unterstützt vom Bühnenlicht, das den toten Romeo fahl scheinen lässt, während Julia kurzzeitig mit rosigen Wangen zu neuem Leben erwacht. Zwar schaffen die Masken ein einziges Mal doch unfreiwillige Komik: Beim Liebesspiel bleibt das Bettlaken stets an Romeos riesigem Kopf hängen. Aber alles in allem steckt in den starren Gesichtern viel mehr vom großen Robert de Niro als von Til Schweiger, dem Laiendarsteller.

"Romeo und Julia", bis 5. August täglich, 20 Uhr, Gohliser Schlösschen (Menckestraße 23), 16/11 Euro, www.sommertheater-leipzig.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 15.07.2013

Mathias Wöbking

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Der Leipziger Opernball „Moskauer Nächte“ lädt am 4. November aufs Parkett. Hier finden Sie Infos und Fotos zum Event. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

"Stasi – Macht und Banalität": Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke" gibt Einblicke in den SED-Überwachungsstaat. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr