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Massenhypnose: The Notwist mit drei ausverkauften Leipziger Konzerten

UT Connewitz Massenhypnose: The Notwist mit drei ausverkauften Leipziger Konzerten

Spätestens seit ihrem Album „Neon Golden“ von 2002 gilt die oberbayerische Band The Notwist als wegweisend für die Indie-Musik. Wie sich konventionelle und elektronische Sounds auch im Jahr 2015 formvollendet in Einklang bringen lassen, demonstriert die Gruppe seit Dienstagabend im UT Connewitz in drei Konzerten – die alle längst ausverkauft sind.

Die Acher-Brüder (ganz links Micha, am Gesangsmikro Martin) und ihr derzeitiges Gefolge: The Notwist im UT Connewitz.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Am hinteren Rand des Konzertsaales – dort, wo es sich vor allem elegant-lässig gekleidete Herren mit grau melierten Schläfen bequem gemacht haben – würde Markus Acher mit seiner Hornbrille, dem verwuselten Vollbart und den unter einer dunklen Baumwollmütze hervorquellenden Locken wohl auffallen. In den studentischen Pulk nahe der Bühne fügt sich der 48-jährige Notwist-Frontmann dank seines durch einen grünen Jutebeutel komplettierten Outfits aber nahtlos ein: Somit kann er ungestört den Auftritt seiner eigenen Vorband Jam Money verfolgen.

Die improvisationsfreudigen Engländer halten neben einer stets präsenten Gitarre unentwegt etwas Neues in den Händen, um ihren digital verfremdeten Klangstrom in immer wieder andere Bahnen zu lenken. Mal wird eine Flöte hervorgekramt, mal dienen kleine Holzklötzchen als Taktgeber – oder ein mit undefinierbaren Geräuschen bespielter Kassettenrekorder wird auf das Mikrofon gerichtet. Dazu gesellt sich das konstante Gemurmel von jenem Teil des polarisierten Publikums, der mit diesem avantgardistischen Treiben nichts anzufangen weiß.

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Klanglich sowieso, aber auch mit einem Lichtspektakel wusste die Indie-Ikone The Notwist bei ihren Konzerten im ausverkauften UT Connewitz zu überzeugen.

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Gegen Mitternacht jedoch, nach der rund zweistündigen Show der deutschen Indie-Institution The Notwist, wird das Besucherurteil einhellig ausfallen: „Eindrucksvoll, intensiv, einfach schön”, fasst die Zuschauerin Katrin ihr Konzerterlebnis zusammen. Und auch der Anfangsdreißger Marwin aus der zweiten Reihe schwärmt von einem „richtig guten Abend. Ich fand vor allem toll, dass sie ihre komplette Bandbreite gezeigt haben”.

Freunde der raubeinigen Frühphase sind beispielsweise dank des brachial geschrammelten „One Dark Love Poem” von 1992 auf ihre Kosten gekommen. Der Schwerpunkt des Sets liegt allerdings auf den Hits der letzten drei Alben und ihrer charakteristischen Fusion von digitalen und analogen Elementen – und das, obwohl der diese Entwicklung prägende Electro-Tüftler Martin Gretschmann nach seinem Ausstieg Ende des vergangenen Jahres nicht mit dabei ist. Sein Fehlen wird aber durch das Bandgefüge kompensiert: Mit Ausnahme des Drummers Andi Haberl und des Vibraphonisten Karl Ivar Refseth bedienen alle vier weiteren Mitglieder neben ihrem Rock-Instrumentarium auch diverse Sampler oder Synthesizer.

Hypnotischer Rave

Diese schaltkreisbasierten Klangerzeuger spielen vor allem beim Highlight des Abends eine tragende Rolle: Die über eine Viertelstunde währende, nahtlose Verflechtung von „Neon Golden” und „Pilot” orientiert sich nur vage an den Studiofassungen beider Songs und ufert mehrfach in einen hypnotischen Rave aus. Und auch die ebenfalls überbordenden Live-Versionen von Stücken wie „Into Another Tune” oder „Run Run Run” bestätigen die im Vorab-Interview getätigte Ankündigung Markus Achers, dass „es viele Improvisationen innerhalb der vorgegebenen Strukturen gibt: Wir probieren während der Konzerte sehr viel aus. Es gibt einige Teile, in denen vorher nicht klar ist, was genau passiert”.

Genauso unvorhersehbar ist derzeit, was mit den Mitschnitten geschieht, die bei dem Auftritt vom Dienstag und den beiden weiteren im UT Connewitz angefertigt werden. Denn laut Acher ist die Klangqualität des so gewonnenen Materials das Hauptkriterium, „ob wir es dann veröffentlichen oder nicht”. Wenn es diese Aufnahmen tatsächlich auf das geplante erste Live-Album von The Notwist seit mehr als 20 Jahren schaffen sollten und somit der Nachwelt erhalten blieben, würde eine am Dienstag aus hunderten Kehlen mitgesungene Textzeile für die anwesenden Konzertgäste eine vollkommen neue Bedeutungsebene erlangen: „We will never, will never leave this room”.

Von Conrad Pohlmann

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