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Matthias Matschke inszeniert „Germans are different“ am Leipziger Schauspiel

Uraufführung Matthias Matschke inszeniert „Germans are different“ am Leipziger Schauspiel

Theater im Gewand eines Schnupper-Workshops systemischer Musiktherapie verbirgt sich hinter „Germans are different“. In der Inszenierung von Matthias Matschke übernimmt der erfolgreichen Sänger Hubert Wild die Rolle des Quasi-Gurus. Ein heiterer Abend über Gehorsam und Entscheidungsfreiheit.

Tilo Krügel spielt den Körperlehrer in „Germans ard different“.

Quelle: Rolf Arnold

Leipzig.

Zu Klaviertönen von Pianistin Marie Goyette tritt Hubert Wild auf. Strahlend, federnder Gang. Sein Geheimnis: „Ich singe die Angst einfach fort.“ Wild ist ausgebildeter Bariton, hatte Lehrer wie Dietrich Fischer-Dieskau und Engagements von Berliner Staatsoper bis Landestheater Salzburg. Die Biografie hilft dabei, das Verwirrspiel aufzubauen. Soll es ernsthaft um Stimm- und Körpererfahrung und das Entlarven von Angst als selbstgemachten Geistes-Popanz gehen?

Soll es nicht. Der Abend startet als Persiflage auf Workshops mit solcherlei Zielsetzungen. Banalitäten werden zur Erleuchtung aufgeblasen, und Wild und Kollegen stellen ihre Messias-Attitüde gekonnt als leere Pose aus. Runa Pernoda Schäfer als Stimm-Coach. Tilo Krügel als Körperlehrer der seinen Sohn (Brian Völkner) als Vorturner mitbringt: „Wer seinen Beckenboden kennt, braucht vor nichts Angst zu haben.“ Gut zu wissen.

Das wogt eine Weile vor sich hin. Nicht unbegrenzt heiter freilich, weil die latente Angst im sich frei auf der Bühne bewegenden Publikum mitschwingt, dass die Mitmachübungen über gemeinsame Bachchoräle und das Summen mit dem Kopf im Pappkarton hinausgehen könnten.

Gehen sie aber nicht. Stattdessen erfolgt ein ästhetischer Bruch. Die Münder bewegen sich jetzt zu falschen Stimmen. Die Charaktere verlieren ihre Identität. Treffende Symbolik dafür, wie leicht man sein Ich doch aufgibt, wenn es opportun erscheint. Ausgespielt wird die Situation als Trash-Horror-Zitat mit hochkomischen Nebeneffekten, wenn die (unsichtbare) Katze klappernd davonrennt, als trage sie Holzpantinen. Marie Goyette gibt die strenge Lehrerin. Und für falsch gesungene Töne bestraft Brian Völkner nun Runa Pernoda Schäfer analog zum Milgram-Experiment mit Stromstößen. Jenes Gehorsams-Experiment aus den 60er Jahren, das zeigte, dass Testpersonen lieber harsche Strafen exekutierten, so lange sie von einer Autoritätsperson dazu aufgefordert wurden, als sich zu widersetzen.

Ein harter Kontrast zum zuvor so harmlos-heiteren Einstieg. Dramaturgisch gut aufgebaut, überzeugend gespielt – nur als entlarvender Vorführeffekt für blinden Gehorsam funktioniert der Abend nicht. Dass (fast) alle (fast) alles mitmachen? Geschenkt; warum auch Spielverderber sein im theatralen Kontext, so lange man nicht selbst Stromstöße verteilen muss.

Erhellend ist die Inszenierung eher dahingehend, dass sie die dunkle Seite des amerikanischen Think-Positive-Terrors beleuchtet und mit Autoritätsgläubigkeit kurzschließt. Dieser soziale Optimismus-Zwang, der zum Beispiel darin gipfelt, dass Krebspatienten für ihr Unglück selbst verantwortlich gemacht werden. Wer die Krankheit nicht überwindet, hat eben nicht positiv genug gedacht – oder kannte seinen Beckenboden nicht. Im Zweifel machen auch Gurus, die innere Freiheit predigen, unfrei.

Weitere Termine: 24.4., 16 Uhr; 6.5., 19.30 Uhr, Schauspiel; Karten: 0341 1268168

Von Dimo Riess

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